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LICHTENFELS

Auch im Netz den Parolen Paroli bieten

Teilnehmer des Aktionsbündnisses „Lichtenfels ist bunt” beim jüngsten Online-Treffen. Foto: Markus Drossel

In vermeintlich sozialen Netzwerken dumpfe Parolen von sich zu geben und Hass, Hetze und Angst zu verbreiten: Das ist in den vergangenen Monaten und Jahren mehr und mehr salonfähig geworden. Das Aktionsbündnis „Lichtenfels ist bunt“ beobachtet diesen Trend mit großer Sorge. Die Mitglieder sind sich einig: Diesen geistigen Brandstiftern müsse man mit belastbaren Fakten und gezielten Informationen entschieden entgegentreten. Künftig auch viral.

Arnt-Uwe Schille steht mit Überzeugung hinter „Lichtenfels ist bunt”. Foto: LIB

Die Situation in Lichtenfels ist aus Bündnis-Sicht beschämend: Aus einer kleinen Demonstration der Corona-Leugner, Querdenker und Rechtsaußenwähler auf dem Marktplatz haben sich in den vergangenen Wochen Massenveranstaltungen entwickelt, zu denen zuletzt geschätzte 500 Unzufriedene kamen, längst nicht nur aus dem Landkreis Lichtenfels. Wohl auch, so die Meinung der Bündnismitglieder, weil die Behörden vor Ort erstmal keine Handhabe haben, jedoch fehle auch ein klares Statement der lokalen Politikspitzen. Allen voran von Lichtenfels‘ SPD-Bürgermeister Andreas Hügerich und von Landrat Christian Meißner (CSU). „Das muss sich ändern!“, forderte die evangelische Pfarrerin von Lichtenfels, Anne Salzbrenner, beim jüngsten Online-Treffen ein und bekam Unterstützung von Sandra Nossek aus Bad Staffelstein und Laura Göldner.

Als Positivbeispiel genüge ein Blick in den Nachbarlandkreis Coburg: Dort habe der Landrat mit entsprechenden Auflagen eine dieser kruden Veranstaltungen so weit erschwert, dass sie letztlich nicht stattfand. „Selbstverständlich ist das Demonstrationsrecht eines der höchsten Güter in unserem Land. Das ist gut und wichtig so. Doch spielt das eben auch den Corona-Leugnern in die Karten“, so Salzbrenner. Dennoch könne und müsse das Vorgehen in Coburg und auch anderen Regionen Deutschlands Vorbild sein.

Carsten Gick hat viele Ideen, wie man Corona-Leugnern und Querdenkern begegnen kann. Die anderen Bündnismitglieder lauschen aufmerksam. Foto: Markus Drossel

Vor allem über Facebook und Co. erfahren die Organisatoren der Demonstrationen für ein „Leben in Frieden Freiheit Demokratie“ großen Zuspruch. Die Beiträge des „alternativen“ Taxifahrers Bernd Grau, der hinter den jüngsten Aktionen steckt, werden kräftig geteilt. Die Wortwahl seiner Unterstützer ist rüde, teils gewaltverherrlichend. Diesem viralen Mobilmachen will das Aktionsbündnis „Lichtenfels ist bunt“ künftig mit einer Facebook-Seite und weiterhin mit Kampagnen für Solidarität und Menschlichkeit sowie gegen Hass und Hetze entgegentreten. „Wir müssen zeigen, dass wir viele sind, denn wir sind die Mehrheit“, formulierte es Anne Salzbrenner.

Dazu soll es für Facebook auch ein Overlay im „Lichtenfels ist bunt“-Design geben, das Unterstützer dann in ihre Profilbilder einbinden können, um gemeinsam Flagge zu zeigen gegen Rechtspolemik und falsche Behauptungen. Auch ein viraler „Tag der offenen Tür“ ist angedacht. „Wir müssen die sozialen Medien nutzen Und es gibt sicher viele Menschen, die noch mitmachen wollen.“

Martin Schöb befestigt eines der Plakate in der Lichtenfelser Innenstadt. Foto: LIB

Doch nicht nur im Internet, auch vor Ort will das Aktionsbündnis weiter Präsenz und Stärke zeigen. Gut angekommen ist dabei die Plakataktion „Mit Solidarität durch die Krise“, just zur jüngsten Demonstration der selbst ernannten Freiheitskämpfer von Kickboxer Grau. Dieser plant für den Weißen Sonntag schon die nächste Veranstaltung, der lange unbekannte Ort ist mittlerweile bekannt. Sicher ist, dass „Lichtenfels ist bunt“ wieder einen Kontrapunkt setzen wird. „Egal, wie lange die sich Zeit lassen: Das lässt sich schnell regeln“, konnte sich Salzbrenner einen Seitenhieb auf die Geheimhaltungstaktik der Querdenker nicht verkneifen.

Fehler in der Corona-Politik spielen den Corona-Leugnern in die Karten

Sorgen macht der engagierten Pfarrerin, dass aufgrund der durchaus eklatanten Fehler in der Coronapolitik die Corona-Leugner immer größeren Zuspruch erfahren. „Leute, die vor zwei Jahren noch mit gegen Nazis auf die Straße gegangen wären, marschieren nun mit eben diesen. Hauptsache, es geht gegen die Corona-Maßnahmen.“ Die politischen Dummheiten, die gemacht worden seien, seien Wasser auf die Mühlen der Corona-Leugner.

Wernfried Strowig trifft Vorbereitungen. Foto: LIB

„Die Nerven bei vielen Leuten liegen blank, die psychische Belastung ist groß.“ Fakt sei aber auch, dass es aus teils fehlender Eigenverantwortung mancher Mitbürger Einschränkungen und Regeln geben müsse, um der Pandemie überhaupt Herr zu werden. Und genau deshalb zähle jede Stimme, die gegen Corona-Leugner erhoben werde, deshalb sei jedes Plakat wichtig oder auch mal ein gemaltes Bild mit entsprechender Botschaft. „Getreu dem Motto: Lichtenfels ist bunt – und nicht gesichtslos.“

Lob für die Faktenchecks und die Aktion „Zusammen gegen Corona“

Carsten Gick hatte sich bei der jüngsten „Freiheits-Demo“ vor der Stadthalle selbst ein Bild von der Szenerie und den Aussagen gemacht. „Das ist nicht einmal mehr Bildzeitungs-Niveau, was dort von sich gegeben wurde“, bilanzierte er. Umso mehr begrüßte er die Faktenchecks im Obermain-Tagblatt sowie die Aktion „Zusammen gegen Corona“, bei der Bürger per Mail an redaktion@obermain.de Statements für Solidarität und Zusammenhalt einreichen können. Jeder sollte sich eingeladen fühlen, sich mit einem kurzen Wortbeitrag und einem Passbild mitzumachen.

Wernfried Strowig trifft Vorbereitungen. Foto: LIB

Dass die „Freiheitskämpfer“, darunter Familien und auch ältere Damen, am Rande der Demonstration Mitglieder von „Lichtenfels ist bunt“ beleidigten, bedrohten oder gar anhusteten, wie Ina Dorsch schilderte, wollen diese nicht einfach zu hinnehmen. Ebenso nicht, dass es etliche Verstöße gegen geltende (Corona-)Regeln und Auflagen gab, wie Bild- und Videoaufnahmen beweisen. „Das könnte bei der nächsten Entscheidung für eine Genehmigung berücksichtigt werden“, so Dr. Arnt-Uwe Schille. Solche Vorfälle müssten aktenkundig gemacht werden. Dafür müsse man das aber auch melden.

„Jeder, der sich über Corona lustig macht und Corona leugnet, demütigt alle Verstorbenen, Hinterbliebenen, schwer Erkrankten und vor allem unser medizinisches Personal“, brachte es ein Bündnismitglied auf den Punkt. Genau deswegen werde „Lichtenfels ist bunt“ nicht müde, Ausrufezeichen zu setzen, auch wenn große (Gegen-)Demonstrationen derzeit, aus Pandemiegründen, nicht möglich seien. „Nichtsdestotrotz müssen und werden wir herausstellen, dass wir eine breite Basis haben. Wir werden nicht müde, deutlich zu machen, dass die Mehrheit hinter den Corona-Maßnahmen steht, auch wenn nicht immer alles richtig läuft.“

Mit Abstand und Maske solidarisch durch die Krise, fordert Ina Dorsch. Foto: LIB

Den jüngst im OT erschienenen Leserbrief von Matthias Kolb begrüßten die „bunten“ Aktivisten: „Er hat Recht, man muss dieses Klientel ausgrenzen, muss ihm die Grenzen aufzeigen.“ Ideen dafür hatten die Teilnehmer beim jüngsten Online-Treffen zahlreiche. Viele von diesen sollen nun nach und nach umgesetzt werden. Das Ziel: mobil machen gegen anti-demokratische Tendenzen in diesem Land. Und speziell im Landkreis.

„Diese ,Freiheitskämpfer' wirken stärker, als sie sind. Weil sie laut sind, schimpfend durch die Straßen ziehen – und die Mehrheit oft zu bequem ist und sich nicht dagegen stellt.“ Eine Demo mit 500 Corona-Leugnern sei vielleicht für eine Großstadt normal, dürfe aber in der Kleinstadt Lichtenfels nicht so einfach hingenommen werden.

Dass mittlerweile Unternehmer angefeindet werden, die sich gegen die Querdenker positionieren, finden die Mitglieder von „Lichtenfels ist bunt“ beschämend. Zuletzt waren eine Cafeteria am Marktplatz und eine Physiotherapiepraxis in der Altstadt in den Fokus der Corona-Leugner gerückt. Die Folge: Auf die Beschimpfungen der „Freiheitskämpfer“ folgte jeweils eine Welle der Solidarität. „Statt den Geschäften zu schaden, haben die damit eigentlich das Gegenteil erreicht“, konnte sich ein Aktivist die Schadenfreude nicht verkneifen.

Über „Lichtenfels ist bunt“

Das Aktionsbündnis „Lichtenfels ist bunt“ ist ein überparteilicher und religionsübergreifender Zusammenschluss von Menschen, die für Demokratie, Menschlichkeit und Solidarität eintreten und sich entschieden gegen Hass, Hetze, Rechtspolemik und Rassismus stellen. Dem Bündnis gehören unter anderem Mitglieder der CSU, der SPD und von Bündnis 90/Die Grünen an, aber auch Vertreter der Caritas, des evangelischen Dekanats, der evangelischen Jugend und der evangelischen Kirchengemeinden im Landkreis sowie engagierte Privatpersonen. „Lichtenfels ist bunt“ ist Teil des „bayerischen Bündnisses für Toleranz. Demokratie und Menschenwürde schützen“ und ist im steten Austausch mit anderen zivilgesellschaftlichen Bündnissen.
 

Von Markus Drossel

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