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LICHTENFELS

Asambura-Ensemble verbindet Orient und Okzident

Asambura-Ensemble verbindet Orient und Okzident
Mit Hingabe und Konzentration spielte das Orchester ungewohnte Klänge. Sein Lohn: stehende Ovationen. Foto: Markus Häggberg

Aha, so verhält sich das also. Eine Reaktion wie diese wäre am Samstagabend in der Kirche Heilige Familie durchaus angebracht gewesen, schließlich nahm man am Bildungsprogramm teil. Um so etwas Ähnliches handelte es sich bei dem Konzert des Asambura-Ensembles nämlich. Oder anders ausgedrückt: Schuberts Winterreise mit orientalischer Ornamentik. Ein Konzert mit interkultureller und kompositorischer Neuinterpretation eines Liederzyklusses.

Clemens Muth hatte am Ende nicht falsch resümiert. „Eine musikalische Darbietung, die unter die Haut ging“, nannte der Vorsitzende der Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Lichtenfels (KEB) nach gut zwei Stunden Spielzeit das, wofür knapp 60 Besucher Zeugen geworden waren und was die KEB als Programmpunkt in ihrem Kalender als „den etwas anderen Vortrag“ angesetzt hatte.

„Eine musikalische Darbietung, die unter die Haut ging.“
Clemens Muth, Vorsitzender der KEB Lichtenfels

Ein 15-köpfiges Ensemble mit auch orientalischen Instrumenten spürte einem Gefühl namens Heimatlosigkeit nach. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“, so der Name des Programms und so auch die berühmte erste Textzeile bei Franz Schuberts Liederzyklus von 1827. Der Wanderer, der einem hier begegnet, ist ein Heimatloser, der in ursprünglich 24 Stationen ein Heimatloser bleibt.

Asambura-Ensemble verbindet Orient und Okzident
Wird als Sängerin in Lichtenfels in Erinnerung bleiben: Toktam Moslehi. Foto: Markus Häggberg

Beim Asambura-Ensemble sollten es 19 Stationen sein, wobei Noten von Schubert ebenso Berücksichtigung fanden wie die kompositorische Neuinterpretation von Maximilian Guth. Doch was veranlasste die Neuinterpretation mitsamt persischem Gesang und persischer Lyrik? Es ist die interkulturelle Perspektive, die Guth bei alledem einnahm, hervorgerufen durch den Umstand, dass Schmerz, Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und Entfremdung Seelenzustände sind, die nicht nur Grundlage persischer Gedichte sein können, sondern gefühlte Wirklichkeiten auch heutiger Flüchtlinge.

Eine geschickte Melange unterschiedlichster Instrumente

So legte das 2013 in Hannover gegründete Ensemble los, instrumentale Verbindung zwischen Orient und Okzident eingehend, Klavier und Santur, Violine und Oud, Cello und Perkussion sowie jede Menge Flöten. Das ließ aufhorchen und schuf klagende Melangen. Bei einem Instrumentalstück im Umgriff von Schuberts Erstarrung trat etwa das Perkussive hervor und ließen die Streicher die Saiten lautmalerisch werden, indem sie Tapser auf dem Griffbrett produzierten.

Auch Klangeffekte bedachte Komponist Guth, doch sollte es besonders auch der Gesang sein, der in Erinnerung bleiben dürfte. Da wäre zunächst Yannick Spanier, ein Sänger in Tonlage Bass, der an der Staatsoper Hannover wirkt. Und da wäre vor allem auch Toktam Moslehi, eine Iranerin, die den traditionellen persischen Gesang „Radif“ erlernte und Musikpädagogik mit Hauptfach Gesang studierte.

Gemeinsam gestalteten die beiden Sänger eindringliche Momente. Etwa dann, wenn Spaniers Schubert-Stimme von der gegenüberliegenden Empore aus oriental gekontert wurde. An Schuberts Musik dürfte dem Publikum besonders Spaniers Vermögen in Erinnerung bleiben, dramaturgisch auszugestalten, insbesondere bei den Liedstationen Rast, Wirtshaus oder Leiermann. Einmal lösten sich während des Konzerts gar zwei Musiker aus dem Ensemble und streiften, das Umherirren aufgreifend, musizierend selbst am Publikum vorüber, um dann in seinem Rücken Halt zu machen und musizierend zu verbleiben.

Asambura-Ensemble verbindet Orient und Okzident
Überzeugend in der Intonation durch Gestaltungskraft und Feingefühl: Yannik Spanier. Foto: Markus Häggberg

Erst „Schweigeminute“, dann stehende Ovationen

Es war das erste Mal, dass diese Komposition in Lichtenfels aufgeführt wurde. Doch es war für das Orchester selbst auch das erste Mal in diesem Jahr. Dabei gelang es ihm, mehr zum Schwingen zu bringen als nur die reinen Noten. Es lag mehr in der Luft, denn es war da etwas Greifbares. Als das Werk getan war, schien das Publikum ergriffen. Und verunsichert darüber, ob dem letzten verklungenen Ton noch einer folgen würde. So kam es zu einer Art Schweigeminute in wohliger Ratlosigkeit. Dann aber setzte der Applaus ein und mündete in stehenden Ovationen.

 

Von Markus Häggberg

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