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Lichtenfels: Macht Corona einsam und depressiv?

Lichtenfels: Macht Corona einsam und depressiv?
Auch in Corona-Zeiten sollten gesunde und angeschlagene Menschen sich nicht in der Isolation und Einsamkeit verlieren. Foto: Corinna Tübel

Gesunde aber auch psychisch angeschlagene Menschen sollten in Zeiten der Corona-Pandemie nicht die Einsamkeit oder Depression siegen lassen. Warum es verständlich ist, wenn man bestimmte Produkte hortet, aber aufmerksam sein soll, wie es dem Nachbarn geht, verrät Dr. Nedal Al-Khatib Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirksklinikum Obermain in Kutzenberg. Was wir außerdem aus der Krise lernen können.

OT: Was machen das Corona-Virus und die damit verbundenen Sicherheitsmaßnahmen mit der menschlichen Psyche?

Dr. Nedal Al-Khatib: Diese Krise erschüttert uns in unseren Grundfesten. Was gestern noch als unverrückbar galt, hat heute keine Gültigkeit mehr. Das führt dazu, dass unser Bedürfnis nach Sicherheit massiv erschüttert ist. Es ist eine Illusion des Menschen zu glauben, ein Leben sei planbar. Das ist es nicht und wird es nie sein. Letztendlich drohen wir alle an der Komplexität dessen, was uns umgibt, zu verzweifeln.

OT: Warum horten die Menschen in diesen Zeiten bestimmte Produkte?

Al-Khatib: Warum wird gerade Toilettenpapier gehortet? Das ist vollkommen irrational. Doch für den einzelnen ist das Wissen darum, genügend Toilettenpapier zu Hause zu haben, ein Zeichen von Sicherheit und auch ein Signal der Hoffnung. Nach dem Motto: Wenn ich über diese eine Situation die Kontrolle gewinnen konnte, dann schaffe ich das auch in anderen Situationen.

OT: Wie beurteilen Sie die Sicherheitsmaßnahmen der Regierung?

Al-Khatib: Kein Händeschütteln, keine Umarmung und ein Mindestabstand von 1,5 Meter voneinander. Das alles hat Hand und Fuß und ist sicher nicht aus der Luft gegriffen. Um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, spielt es eine große Rolle, dass die sozialen Kontakte jedes einzelnen auf ein Mindestmaß reduziert werden.

OT: Das bedeutet in vielerlei Hinsicht Isolation und Einsamkeit. Wie kann man das kompensieren?

Al-Khatib: Mir kommen da sofort die Bilder von Menschen, die singend und klatschend auf ihren Balkonen oder an Wohnungsfenstern stehen, in den Kopf. Das sind wunderbare Aktionen, die das Zusammengehörigkeitsgefühl fördern. Wir sollten einander Mut zusprechen und ganz regelmäßig Kontakt über verschiedene Medien zu Freunden, Verwandten und Nachbarn pflegen. Und das nicht nur per Telefon, sondern wenn möglich mit Bildkontakt. Erkundigen Sie sich bei ihren Nachbarn, wo vielleicht gerade Hilfe gebraucht wird, wenn es darum geht, Einkäufe zu erledigen oder ähnliches. Zeigen Sie Ihren Mitmenschen, dass Sie an ihrem Leben teilhaben, auch wenn Sie nicht dicht an ihnen dran sein können. Geben Sie den Menschen in Ihrer Umgebung das Gefühl, dass Sie für die da sind. Gemeinschaft lässt das Gefühl der Ohnmacht nicht siegen. Wir alle sollten jetzt zusammenrücken, ohne im wörtlichen Sinn zusammen zu rücken. Dann werden wir auch diese große Herausforderung meistern.

OT: Das klingt für viele Menschen nach einer lösbaren Aufgabe. Aber wie gefährdet ist die Psyche von Menschen, die schon vorher psychisch labil oder krank waren?

Al-Khatib: Das ist eine sehr berechtigte Frage. Es ist davon auszugehen, dass die Psyche dieser Menschen viel stärker leidet als die von gesunden. Es ist eine Herkulesaufgabe, dass nahe Angehörige oder Freunde sich mehr als zuvor um diese Menschen kümmern – sei es durch regelmäßige Anrufe, durch Kontakte per Skype, kleine Spaziergänge oder – wenn möglich – begleitete Einkäufe.

OT: Wie macht sich der Wegfall von sozialpsychiatrischen Angeboten (Gruppen, Ausflüge mit diesen, etc.) bemerkbar?

Al-Khatib: Durch die Einschränkungen kann es zu einer großen Frustration kommen. Manche an einer Psychose Erkrankten beziehen den Wegfall auf sich und verlieren sich möglicherweise in wahnhaftem Erleben. Depressiv erkrankte Menschen wiederum könnten Gedanken wie „Das ist typisch. Immer muss mir so etwas passieren“ hegen.

OT: Wie geht man auf diese zu oder an wen wendet man sich, sollte man als Angehöriger oder Freund das Gefühl haben, „nicht weiter zu kommen“?

Al-Khatib: Bauen Sie aktiv Brücken zu diesen Menschen, suchen Sie immer wieder die Ansprache, auch wenn das frustrierend sein kann. Warten Sie nicht darauf, dass der Betroffene auf Sie zukommt. Wenn Menschen in eine existenzielle Krise geraten und/oder Suizidgedanken hegen, brauchen sie fachärztliche Hilfe. Auch in der jetzigen Krise arbeiten die psychiatrischen Kliniken weiterhin. Daneben gibt es auch noch ambulante Dienste, an die man sich wenden kann, zum Beispiel die sozialpsychiatrischen Dienste der Gemeinden. Außerdem gibt es psychologische Beratung per Telefon. Zunächst kann auch der Besuch beim Hausarzt hilfreich sein, um die nächsten Schritte festzulegen.

OT: Welche Rolle spielen die Medien bei der großen Verunsicherung der Menschen?

Al-Khatib: Zu Beginn wurde das Problem oft verharmlost, nicht nur bei uns, sondern auch in China, wo seit mindestens Dezember 2019 bekannt war, wie hochinfektiös das Corona-Virus ist und welche lebensgefährlichen Auswirkungen es haben kann. Hierzulande wurden dann am Anfang Vergleiche zu der eher harmlosen Schweinegrippe gezogen. Die Ernsthaftigkeit des Problems wurde zu spät kommuniziert.

OT: Was können wir - hoffentlich - aus der Corona-Krise lernen?

Al-Khatib: Wir können lernen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Viele Sorgen und Befürchtungen, die uns im Alltag begleiten, verlieren bei näherer Betrachtung ihren Schrecken. Wir können lernen, dass das Postulat, nach dem Menschen soziale Wesen sind, zweifellos seine Berechtigung hat und wir nur eingebettet in eine Gemeinschaft so etwas wie Glück erleben können. Und daran anknüpfend können wir lernen, dass Einsamkeit einen nicht zu unterschätzenden Krankheitsfaktor darstellt und in der Literatur vielleicht allzu romantisch beschrieben wird.

Die Fragen stellte

Corinna Tübel

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