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Lichtenfels: Einzelhändler in Zeiten der Corona-Krise

Lichtenfels: Im Geschäft hängt der Frühling fest
Roberto Bauer im Eingangsbereich seines Herrenmoden-Geschäfts. An der Wand hat ein Maler schon den Frühling aufgepinselt.Doch der findet nur in der Natur statt. Für den Einzelhandel herrscht durch Corona ein unerbittlicher Winter. Foto: Till Mayer

Der Frühling hängt in Reih und Glied. Herren-Sakkos aus Italien, sportive Casual-Wear, luftige Jacken, leichte Pullover, Hemden in dezenter Buntheit. Der Abschied vom Winter kommt in der Modebranche traditionell mit leuchtenden Farben. Traditionell kommt zu jedem Saisonwechsel auch ein Maler zu Herrenmoden Roberto Bauer. Auf der Wand neben der Eingangstüre entsteht dann immer ein neues Gemälde. Der Frühling 2020 ist schon aufgepinselt. Ein südländischer Marktplatz mit Blumenstand, ein Hauch von Italien-Urlaub. Bunte, kräftige Farben voller Leben.

Es ist kalt im Geschäft am Unteren Tor. Roberto Bauer steht im dämmrigen Licht und empfängt wie immer mit einem Lächeln. Und einer Entschuldigung: „Die Heizung hab ich natürlich auf Minimum gedreht“, erklärt der Geschäftsmann. Hinter ihm steht eine Schaufensterpuppe mit Blumenkranz auf dem weißlackiertem Kopf. Über die Holztreppe geht es hinauf in den ersten Stock. Oben angekommen scheint die Sonne mild durch große Fenster auf exquisite Markenware. Feine Anzüge aus Italien meist noch durch Plastikfolien geschützt.

Auch die Kaffee-Maschine ist aus

Normalerweise kommt jetzt die Standardfrage von Roberto Bauer: „Cappuccino, Latte, Espresso?“ Doch die Kaffee-Maschine ist aus. Einen einfachen Kaffee bietet er natürlich trotzdem an. Am Ende des Raums steht eine Schaufensterpuppe im leger-elegantem Zweiteiler. Die grüne Krawatte verspricht Frische, der Kopf ist in Richtung Kristallleuchter gerichtet. Über die Puppe samt Anzug hat der Geschäftsmann eine durchsichtige Plastikfolie gezogen. Circolo 1901 ist auf den Kunststoff aufgedruckt. Roberto Bauer schwört auf italienische Mode. „Die Qualität der Stoffe, der Style, eine legendäre Verarbeitung. Die Italiener sind in der Mode einfach die ganz Großen“, erklärt der 68-Jährige. Roberto Bauer liebt das weltläufige der Mode. Doch die Schattenseiten der Globalisierung verachtet er. Das Billigarbeiter aus Fernost selbst für große Namen der Branche die Kleidungstücke zusammennähen, das kritisiert er seit Jahren. „Aber die Italiener sind da anders. Das sind oft noch Familienunternehmen, Generationen alt, die meist an ihren Standorten produzieren“, erklärt er.

Italien macht in Zeiten von Corona weniger als Modeland von sich Reden. Die Design- und Modestadt Mailand ist seit vielen, vielen langen Tagen und Wochen in Schockstarre. Mailand gilt mit als das Epizentrum des Virus-Ausbruchs in dem südeuropäischen Land. „Ich kann gar nicht sagen, auf wie viele Modemessen in Mailand ich schon besuchte habe. Jetzt sterben in dieser wunderschönen Metropole so viele Menschen an dem Virus“, sagt Roberto Bauer. Dann schweigt er kurz.

„Auch wenn wir mitunter

Mitbewerber sind, wir müssen in dieser schweren Zeit in Lichtenfels an einem Strick ziehen.“

Roberto Bauer,

Einzelhändler

Um ihn herum erzählen Designeranzüge weiter von der Eleganz des Südens. Die Stille können sie natürlich nicht brechen. Sie herrscht im Herrenmoden-Geschäft. Wie fast überall in Lichtenfels, seit dem der Corona-Virus Stück für Stück vom öffentlichen Leben raubt. Manchmal, wenn Roberto Bauer durch sein Geschäft läuft, kann er nicht glauben, was gerade passiert. „Es ist für mich immer noch oft völlig unwirklich.“

Qualität, Service und Perfektion

Lichtenfels: Im Geschäft hängt der Frühling fest
Die Schaufensterpuppen erzählen von italienischer Eleganz. Doch wegen Corona findet die Frühjahrskollektion von Roberto Bauer nicht ihren Weg zum Kunden. Foto: Till Mayer

Roberto Bauer halt als Geschäftsmann wenig falsch gemacht. Er hat mit seinem hochwertigen Angebot eine Nische gefunden, die auch in der Zeit der Digitalisierung bestehen bleibt. Sales, Dumpingpreisen und Suchmaschinen setzt er eine hervorragende Beratung und Qualitätsware entgegen. Das hat bisher gut funktioniert. Seine Kunden nehmen nicht selten eine Anreise von über 100 Kilometern auf sich. Und sie gehen dann in der Regel auch nicht nur mit einem Business-Hemd aus dem Geschäft. Qualität, Service und Perfektion in jedem Detail, das sind für den Modemann Roberto Bauer keine Floskeln.

Heute muss sich Roberto Bauer anstrengen, um Positives zu sagen. „Corona kam zu einer Zeit, die besonders umsatzstark ist. Jetzt würde ein Gros meiner Kunden ihre Frühlingsmode einkaufen“, seufzt er. Die wertige Mode hängt jetzt in seinem Geschäft und seinem Lagerraum. Das ist für den Geschäftsmann schlicht eine Katastrophe. Eine Katastrophe, die quasi alle Einzelhändler derzeit erfahren. Keine Einkünfte mehr - aber trotzdem laufen die Kosten weiter: Heizung, Miete, Sozialabgaben etc. Und bei Roberto Bauer hängt ein kleines Vermögen im Geschäft. Der modische Anzug ist kein Kochtopf. Mode lebt von Saison, Innovationen und von Neuem.

Eine Katastrophe für alle Einzelhändler

Robert Bauer, ist auch Vorsitzender der Einzelhändler von Lichtenfels: „So wie mir geht es jetzt fast allen Händeln in der Stadt. Für viele ist es jetzt nicht leicht, die Liquidität zu erhalten. Mit einigen meiner Lieferanten konnte ich mich gut einigen. Man kennt sich eben seit Jahren. Aber auch die Modefirmen haben jetzt natürlich gewaltige Einbußen. Es ist wichtig, dass hier auch der Staat und die Banken unterstützen. Es geht für viele um die Existenz von großen Unternehmen bis hin zu den kleinen Einzelhändlern.“ Jetzt gelte es, dass alle zusammenhalten. „Auch wenn wir mitunter Mitbewerber sind, wir müssen in dieser schweren Zeit in Lichtenfels an einem Strick ziehen“, erklärt er. Aber er weiß auch: Bleiben die Geschäfte für Wochen, ja für Monate geschlossen, dann wird es danach viele Geschäft mit oft langer Tradition nicht mehr geben. Auch in der Korbstadt.

Ein wenig Glück im Unglück

Ein bisschen Glück im Unglück hatte der Geschäftsmann dann doch. Kurz vor dem Corona-Ausbruch hatte er mit einem befreundeten Modehändler einen kleinen aber feinen Katalog aufgelegt. Ein Fotograf wurde eigens angeheuert. Der Katalog ging an Stammkunden. Die Fotos stehen auch auf der Homepage des Modehändlers.„Ich muss das Geschäft geschlossen halten, aber natürlich nehme ich Bestellungen per Telefon oder Mail entgegen, berate gern“, sagt Roberto Bauer. Einige Kunden haben schon bestellt. „Einige haben mir aufmunternde Worte geschickt. Das tut gut in dieser Zeit“, erklärt der Mode-Mann. „Und vielleicht überdenkt man in der Krise endlich in der Branche, ob es wirklich der richtige Weg ist, immer weiter entfernt zu immer billigeren Preise herstellen zu lassen“, sagt der Geschäftsmann.

Von Kundentreue wird viel abhängen, wie es nach und während Corona weitergeht, da ist sich Bauer sicher: „Viele örtliche Einzelhändler haben wie ich einen Online-Auftritt über den Bestellungen möglich sind. Bitte unterstützen sie ihre Geschäfte vor Ort.“ Wandert die Kundschaft jetzt zu den großen Online-Kaufhäusern ab, dann wird es nach Corona viele Geschäfte weniger geben.

Von Till Mayer

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