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Solidarität: Jeder muss verzichten

Unfall macht wenig Stress, aber dann...
Ich fahre zum zweiten Mal an diesem Tag zur Apotheke im Nachbarort, weil ein Medikament für meinen Sohn am Morgen nicht vorrätig war und bestellt werden musste. Es ist kurz vor 18 Uhr, als ich im Feierabendverkehr auf eine Kreuzung zusteuere. Vor mir ein herunter gewirtschafteter Transporter, dessen Fahrer wohl zu spät bemerkt, dass die die Ampel auf Rot schaltet. Vollbremsung, aber der Kleinbus hat die Haltelinie bereits soweit passiert, dass der Blick auf die Ampel nicht mehr möglich ist. Mein Wagen ist eineinhalb Meter dahinter zum Stehen gekommen. Oh Schreck, der Rückfahrscheinwerfer leuchtet auf. Ich will hupen, aber schon bohrt sich die Anhängerkupplung in meinen vorderen Stoßfänger. Mein Adrenalinspiegel steigt. Auch das noch, schöner Feierabend. Aber ich atme durch, versuche die Nerven zu bewahren, als ich aussteige. Eine ältere Frau, die Fahrerin des Transporters, eilt mir entgegen, klagt darüber, dass kurz vorher ihr rechter Außenspiegel abgefallen sei. Klar, denke ich, durch die Rückscheibe kann sie auch nichts sehen. Denn der Kleinbus ist bis zur Decke voll gepackt. Aber: Ist es denn verwunderlich, dass um die Zeit eine ganze Autoschlange hinter ihr steht!? Ruhig bleiben. Ich gehe zum Auto hinter mir. Der Fahrer gibt mir bereitwillig seine Telefonnummer, damit ich ihn als Zeugen benennen kann. Dann hole ich mein Warndreieck aus dem Kofferraum, stelle es ein paar Meter hinter meinen Skoda - weiter weg geht nicht, ist ja alles zugestellt. Wir tauschen Adressen aus, leider hat die Unfallfahrerin nichts von ihrer Versicherung dabei. Ein bisschen mulmig ist mir schon dabei, aber ich habe Kennzeichen und Ausweis der Frau fotografiert. Und ich habe einen Zeugen. Also warum sollte ich die Polizei rufen? Alles läuft eigentlich geordnet ab, es sind fünf Minuten vergangen. Eigentlich! Aber wir blockieren die Rechtsabbiegespur. Obwohl man links vorbei fahren kann, was viele tun, geht schon bald einigen die Nerven durch. Die ersten hupen, als ich den Schaden fotografiere. Im Vorbeifahren beschimpft mich ein Autofahrer. Als ich ihm entgegne, das sei halt ein Unfall, schallt es mir „Arschloch“ entgegen. Seine Ehefrau hat ihm dafür in Seelenruhe die Scheibe auf der Beifahrerseite heruntergelassen und sich der Tirade angeschlossen. Jetzt werde ich doch etwas nervös, zumal sich noch zwei verbale Ausraster anderer anschließen und ein junger Mann mit seinem aufgemotzten Golf mein Warndreieck zu Schrott fährt und ungeniert davon rast. Kurz darauf räumen wir die Unfallstelle. Und ich denke mir: War ich jetzt im falschen Film. Wie oft heißt es, in Zeiten von Corona werden die Menschen ruhiger, nehmen mehr Rücksicht. Pustekuchen! Das Glück habe ich wohl nicht. Foto: Guido Geelen

Liebe Leser, Krisensituationen erfordern ungewohnte Maßnahmen, Flexibilität und vor allem Solidarität. Auch von uns als Medienunternehmen, was Sie vielleicht an unserer Berichterstattung schon gemerkt haben. Zur Kommunalwahl berichten wir umfangreich, schnell und aktuell. Aber das Coronavirus hat das gesamte gesellschaftliche Leben im Griff, bringt es fast zum Erliegen. Und das ist richtig so! Deshalb schicken wir keine Mitarbeiter mehr unter die Leute, sprich zu Pressekonferenzen oder Zusammenkünften mit mehr als fünf Teilnehmern. Deshalb haben Sie in der Montagsausgabe keine Siegerbilder von den gewählten Bürgermeistern gefunden. Weitere Einschränkungen können folgen, fast stündlich ändert sich die Situation. Wir werden alle unsere Mitarbeiter schützen. Und damit auch Sie alle. Wir minimieren das Infektionsrisiko. Trotzdem bleibt das Obermain-Tagblatt Ihr Informationsmedium Nr. 1. Auch in Zeiten leerer Straßen bleiben wir für Sie am Ball, klären Sie auf und bieten Service. Da ist vor allem Kreativität gefragt.

Apropos leere Innenstädte: Trotz der Absage aller größeren Veranstaltungen war davon am vergangenen Wochenende nichts zu merken. Das dokumentieren Bilder, die zum Teil dicht gedrängte Menschenmengen zeigen. Leute gehen bummeln, Eis essen... Geht's noch?! Was ist an dem Appell „Soziale Kontakte vermeiden“ nicht zu verstehen? Wann fällt der Groschen endlich? Jeder, der andere in Gefahr bringt, macht sich schuldig. Wir können noch viele Menschenleben retten. Aber nur, wenn jeder Einzelne verzichtet.

Von Guido Geelen guido.geelen@obermain.de

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