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LICHTENFELS

Jugendliche des Wohnheims Sankt Michael als Schauspieler

Jugendliche des Wohnheims Sankt Michael als Schauspieler
Die beiden Akteure stellen die Lösung eines Rätselgedichtes nach, in dem es um Pferd und Reiter ging. Foto: Alfred Thieret

Der Fränkische Theatersommer ist aus dem Landkreis Lichtenfels seit vielen Jahren nicht mehr wegzudenken: Mit seinen Theateraufführungen an mehreren Spielorten hat er sich einen Namen gemacht. Jetzt hat das Ensemble mit Intendant Jan Burdinski ein theaterpädagogisches Angebot für die Schulen im Landkreis ausgearbeitet. Es gibt Schülern die Möglichkeit, sich kulturell zu bilden, die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten, wie Körpersprache und -wahrnehmung, zu schulen und Theater leibhaftig zu erfahren.

Das Wohnheim Sankt Michael des Heilpädagogischen Zentrums der Caritas machte den Anfang. Die Kinder und Jugendlichen des Wohnheims bereiteten sich bei insgesamt neun Übungszusammenkünften mit Jan Burdinski und unter der Mitarbeit der theaterpädagogischen Praktikantin Nele Beermann sowie der beiden Wohnheim-Gruppenleiterinnen Julia Jüngling und Melanie Eheim sehr gründlich auf ihren ersten Auftritt vor Publikum vor. Trotz Lampenfiebers gelang ihnen ihre Vorführung bestens.

Von beleidigt über wütend und traurig bis gut gelaunt

Jugendliche des Wohnheims Sankt Michael als Schauspieler
Jan Burdinski beobachtet hier seine „Schauspielschülerin“ Ayleen, die einen Wutausbruch spielen soll. Foto: Alfred Thieret

Mit kleinen, aber ausdrucksstarken Anfängerübungen ging es los. Sechs Jugendliche drückten mit ihrer Stimme und ihrer Mimik die verschiedensten Gefühlsregungen aus, die die Zuschauer in Worte fassen sollten. So charakterisierten die Besucher den Auftritt von Lisa mit beleidigt, bockig oder eingeschnappt, den Auftritt von Ayleen mit zornig, gereizt und wütend, den Gesichtsausdruck von Martin mit traurig, den von Elias mit ängstlich beziehungsweise schüchtern und den von Lukas als erschöpft oder hoffnungslos, während für den schwungvollen und energiegeladenen Auftritt von Nadine nur die Bewertung „gut gelaunt“ infrage kam.

Äußerst lustig war ein Ausflug in die Poesie und Lyrik mit vorgetragenen Gedichten, anhand derer jeweils ein Tier zu erraten war. Anschließend stellten einige junge Schauspieler die kurze Geschichte bildlich dar. So lautete ein Gedicht: „Es kann großen Spaß bereiten/auf ihm durch die Welt zu reiten./Schon der alte Ritter ritt/dieses Tier, wenn er sich stritt./Saß darauf mit Schild und Schwert./Wie heißt das Tier? (Es ist das Pferd).“ Dementsprechend betrat ein Heimbewohner mit einem stilisierten Pferd und ein als Ritter verkleideter Mitbewohner die Bühne. Im Mittelpunkt weiterer Rätselgedichte standen ein Huhn, eine Maus, ein Frosch, ein Esel und ein Karpfen.

„Es kann großen Spaß bereiten/auf ihm durch die Welt zu reiten./ Schon der alte Ritter ritt/dieses Tier, wenn er sich stritt.“
Rätselgedicht, dessen Inhalt die Jugendlichen bildlich darstellten

Selbst ausgedacht hatten sich die Jugendlichen des Wohnheims eine Geschichte um Sprachassistentin Alexa. Unter der Mitwirkung der Heimbewohner Elias, Nadine, Lukas und Lisa machte sie das Licht aus, sang ein Lied, gab die Wetterverhältnisse bekannt und erzählte einen Witz.

Jugendliche des Wohnheims Sankt Michael als Schauspieler
Die Schauspielgruppe interpretierte ein spanisches Märchen, in dem eine alter Mann einer jungen Frau (gespielt von Maria) alle Wünsche erfüllte und ihr sogar einen Mann (gespielt von Marco) besorgte. Foto: Alfred Thieret

Die ganze Schauspielgruppe kam dann in dem spanischen Märchen von der unzufriedenen Franziskita zum Einsatz. Dabei ging es um die altbekannte, aber durchaus lebensnahe Geschichte von Unzufriedenheit, Habgier und Undankbarkeit. Neben der jungen Frau Franziskita, die alleine in einem kleinen Dorf in einer halb verfallenen Hütte lebte, spielte ein alter Mann die Hauptrolle. Ihn traf Franziskita beim Tannenzapfen-Sammeln mehrmals im Wald und ihm klagte sie ihr Leid. Zuerst wünschte sie sich ein festes Haus, dann Hühner, um frische Eier zu bekommen, dann eine Kuh und ein Kälbchen als Milchlieferanten, schließlich schöne Kleider und zu guter Letzt einen Mann.

Engagierter und mutiger Auftritt mit einer bemerkenswerten Leistung

Alle Wünsche erfüllte ihr der alte Mann. Der schöne Jüngling, den ihr der alte Mann als letzten Wunsch schickte und den sie bald heiratete, war sogar der Bürgermeister des Dorfes. Als aber der alte Mann sich nach ihrem Befinden erkundigen wollte, wies sie ihn nach ihrem gesellschaftlichen Aufstieg als Frau Bürgermeisterin voller Arroganz und Undankbarkeit schroff ab. Die äußerst motivierte Schauspielgruppe des Wohnheims Sankt Michael zeigte einen sehr engagierten und mutigen Auftritt mit einer bemerkenswerten Leistung, auf die sie sehr stolz sein kann. Das Publikum belohnte sie auch mit viel Beifall.

Die Jungen und Mädchen haben ihr Talent entdeckt

Jugendliche des Wohnheims Sankt Michael als Schauspieler
Unschwer zu erkennen, dass hier das Märchen „Froschkönig“ symbolisiert wird. Foto: Alfred Thieret

Jan Burdinski, Intendant des Fränkischen Theatersommers, betonte in einem Gespräch im Anschluss an die Theateraufführung, dass ihm die theaterpädagogische Arbeit mit den Bewohnern des Wohnheims Sankt Michael sehr viel Spaß bereitet habe. Die jungen Leute hätten die Proben nicht als Pflichtaufgabe empfunden, sie seien vielmehr mit Feuereifer bei der Sache gewesen. Ihre Motivation sei zu spüren gewesen. Es sei seine feste Überzeugung, dass in jedem Menschen ein Schauspieler stecke. Die Kinder hätten das unter Beweis gestellt und ihr Schauspieltalent entdeckt. Schauspielern sei aber trotzdem nicht einfach, es habe etwas mit Gefühlen zu tun, mit dem Körper und der Stimme. In den Proben mit den Jugendlichen habe er mehrere Übungen eingesetzt, die auch in der Schauspielausbildung verwendet würden.

Durch die dadurch bewirkte spielerische Lockerung und die Schaffung kreativer Potentiale würden sich die Mitwirkenden gleichsam neu und freier erleben, stellte Burdinski fest.

Begeisterung fürs Theaterspiel und tolle Disziplin gelobt

Die Spieler würden plötzlich merken, zu was sie alles fähig sind, und hätten sogar Gedichte mit Freude auswendig gelernt, pflichtete ihm Praktikantin Nele Beerbaum bei. Diese Erfahrung stärke das Selbstvertrauen. Burdinski lobte nicht nur die Begeisterung der Jugendlichen für das Theaterspiel und den Mut zum Auftritt vor einem Publikum, sondern auch die tolle Disziplin bei den Proben. Sein Dank galt deshalb auch den beiden Gruppenleiterinnen Julia Jüngling und Melanie Eheim, die das ganze Projekt begleiteten.

Von Alfred Thieret

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