aktualisiert:

LICHTENFELS

Vision 2030: Konzepte für die Pflege in Lichtenfels

Vision 2030: Konzepte für die Pflege in Lichtenfels
Tagsüber bei Freunden, abends daheim – so lautet das Motto der Tagespflege Lebenswert in Lichtenfels, die ein intelligentes Pflegekonzept bietet, welches Angehörige entlastet und eine qualitativ hochwertige Betreuung pflegebedürftiger Menschen bietet. Foto: Marion Nikol

„Pflege“. Ein Begriff mit vielen Facetten. Ein Thema, das von der Geburt bis zum Sterbebett in allen Phasen des menschlichen Lebens eine zentrale Rolle spielt und deshalb niemals an Bedeutung verlieren darf. Schließlich geht es um die Versorgung von Menschen aller Altersgruppen, in sämtlichen Lebenslagen. Allerdings werden derzeit Stimmen, die von Pflegenotstand sprechen, immer lauter. Die Gesellschaft altert, die Fachkräfte fehlen, die Qualität der Betreuung scheint gefährdet. Wie gehen wir damit eigentlich in Lichtenfels um?

Pflege als Bestandteil der Vision 2030

Ein Blick auf das Strategiekonzept der Stadt offenbart, dass das Thema Pflege ein wichtiger Bestandteil der Vision 2030 ist. Im Zuge des Handlungsfelds „Sozial-integrative Stadt“ will sich Lichtenfels bis 2030 zur Modellstadt für die Sozial- und Gesundheitsversorgung und die dafür notwendigen Dienstleistungen entwickeln. Hier sollen qualitätsvolle Betreuungsangebote für Senioren und Menschen mit Handicap geschaffen und zum anderen eine Verbesserung der Versorgung im pflegerischen Bereich erreicht werden.

„In unseren Projektgruppen steht zunächst die Ermittlung des Bedarfs im Fokus“ erklärt Sebastian Müller, Pressesprecher der Stadt Lichtenfels. „Das heißt, wir wollen herausfinden, welche Bedürfnisse überhaupt vorhanden sind, um daraus die passenden Maßnahmen, beispielsweise für altersgerechtes Wohnen, ableiten zu können. Dabei wollen wir auch die Senioren im Rahmen von Befragungen mit ins Boot nehmen.“ Auf Grundlage der Sozialraumanalyse und Bedarfsprognose soll dieses Jahr ein anspruchsvolles Konzept für die Betreuungslandschaft entwickelt und entschieden werden, was mit welchen Ressourcen realistisch umgesetzt werden kann.

Mit dem Bau allein ist es nicht getan

Dass zukunftsfähige Lösungen und sinnvolle Angebot vor allem für Senioren in Lichtenfels geschaffen werden müssen, steht außer Frage, wenn man sich die Altersstruktur genauer ansieht: Sowohl in der Stadt als auch im Landkreis Lichtenfels sind rund 48 Prozent – also fast die Hälfte der Einwohner – älter als 50 Jahre. Darüber hinaus wird der Anteil an über 80-Jährigen laut aktuellen Berechnungen bis 2030 um 25 Prozent zunehmen.

Hier aber kommt nun die Ressourcen-Problematik ins Spiel. Wie Thomas Petrak, BRK-Kreisgeschäftsführer und Projektgruppenmitglied der Vision 2030, betont, „ist es mit dem Bau von Einrichtungen allein nicht getan. Was ebenfalls benötigt wird, ist Personal“. Und genau daran mangelt es derzeit. Im Gespräch mit der Leiterin einer Seniorenpflege-Einrichtung im Landkreis zeigt sich dies deutlich: „Wir haben seit Oktober Stellenanzeigen geschaltet und nicht eine einzige Bewerbung erhalten“. Der Fachkräftemangel schlägt also auch am Obermain zu.

Neue Arbeitszeitmodelle und Personal aus dem Ausland

Das Allheilmittel, um das Fehlen von Fachkräften auf die Schnelle zu lösen, gibt es freilich nicht. Dafür ist das Thema zu vielschichtig und erfordert die Berücksichtigung unterschiedlichster Aspekt, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Schließlich sind in Pflegeberufen mehrheitlich Frauen tätig, die größtenteils Kinder haben oder noch bekommen. Dies lässt sich allerdings schwer mit Arbeitszeiten ab sechs Uhr morgens oder Schichtarbeit vereinbaren. Viele Einrichtungen passen deshalb ihre Dienstzeiten an und haben beispielweise in der ambulanten Pflege sogenannte „Mütter-Touren“ eingeführt, die später starten und somit auch für Müttern mit kleinen Kindern praktikabel sind. „Das Angebot wird sehr gut angenommen und wir werben in unseren Stellenanzeigen auch gezielt mit diesen Arbeitsmodellen, weil sie ein Schritt in die richtige Richtung sind“, erklärt Nadja Stöcker, Pflegedienstleitung der Diakoniestation Michelau.

Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass viele Menschen rund um die Uhr Betreuung benötigen, insbesondere in der stationären Pflege. Dem Mangel an Personal wird hier vermehrt mit Fachkräften aus dem Ausland begegnet. Im Rahmen von „Triple Win“, einem Projekt der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit und der Bundesagentur für Arbeit, wird qualifiziertes Pflegepersonal aus Bosnien, Tunesien oder von den Philippinen an deutsche Arbeitgeber vermittelt. Fachliche Anpassungslehrgänge und Sprachkurse gehören ebenso zum Programm wie Integrationsworkshops. Über 200 Einrichtungen in Deutschland, darunter auch das Rote Kreuz in Lichtenfels, nehmen das Vermittlungsangebot bereits in Anspruch.

Kluge Konzepte und Chancen der Digitalisierung

Vision 2030: Konzepte für die Pflege in Lichtenfels
Neue Arbeitszeitmodelle in der ambulanten Pflege, wie beispielsweise die sogenannten „Mütter-Touren“ sollen dazu beitragen, dass vor allem weibliche Fachkräfte Beruf und Familie optimal vereinbaren können. Foto: andre zelck

Ob ein Pflegeplatz überhaupt in Anspruch genommen wird, hängt auch stark von den Angehörigen pflegebedürftiger Menschen ab. Um diesen Schritt so lange wie möglich hinauszögern zu können, gibt es in Lichtenfels kluge Betreuungsansätze wie sie beispielsweise von der Tagespflegeeinrichtung „Lebenswert“ angeboten werden. Hier können Erwachsene unabhängig von ihrem Pflegegrad und ihrer Einschränkung tagsüber betreut und verpflegt werden, einschließlich Fahrdienst. So werden Angehörige entlastet und wissen ihr Familienmitglied in guten Händen, da über den Tag hinweg eine bedarfsgerechte Versorgung hinsichtlich Bewegung, Ernährung und Freizeitgestaltung stattfindet.

Ein weiteres Themengebiet, das auch in den Projektteams der Vision 2030 berücksichtigt wird, ist das Potenzial von Technologie und Digitalisierung. Das Feld ist hier recht weitläufig. Vorstellbar sind Online-Plattformen und Apps zur Vernetzung von Angeboten, so dass Betroffene sich auf einfachem Wege über Betreuungsmöglichkeiten oder auch freie Pflegeplätze informieren können. Technologische Vorrichtungen wiederum sind relevant, wenn es darum geht, die tägliche Arbeit von Pflegern zu erleichtern, zum Beispiel durch Hebevorrichtungen, und reichen bis hin zu Robotern, die künftig bei der Pflege von Demenzkranken zum Einsatz kommen könnten.

Pflege ist vielseitig, Imageverbesserung nötig

Die vorhandenen Lösungsansätze dürfen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es beim Thema Pflege letztlich vor allem um eines geht – um Menschen. Und zwar um jene, die gepflegt werden müssen und um jene, die Pflege leisten. Letztere fehlen auch deshalb in zunehmendem Maße, weil das öffentliche Image der Pflegeberuf meist negativ geprägt ist, was wiederum die Nachwuchsgewinnung erschwert. Hier gilt es, Aufklärungsarbeit zu leisten und zu zeigen, wie vielseitig das Tätigkeitsfeld sein kann.

Im medialen Diskurs um den demografischen Wandel wird nämlich oft vergessen, dass über den Bereich der Altenpflege hinaus künftig auch die Betreuung von Kindern, Kranken und Menschen mit Behinderungen sichergestellt werden muss. Denn die Geburtenraten steigen wieder an, psychische Erkrankungen nehmen zu und auch bei der Arbeit mit geistig oder körperlich eingeschränkten Menschen darf die Qualität der Versorgung nicht leiden. Wie Gustav Heinemann einst sagte, erkennt man schließlich den Wert einer Gesellschaft auch daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt.

Von Marion Nikol

Weitere Artikel