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TRIEB

Trotz allem Engagement droht Amadu die Abschiebung

Trotz allem Engagement droht Amadu die Aschiebung
Amadu engagiert sich ehrenamtlich bei Roten Kreuz. Arbeitet so viel, wie es ihm der Staat erlaubt. Ist beim Sprachkurs stets der Erste. Jetzt droht ihm die baldige Abschiebung. Foto: Till Mayer

Alles beginnt mit einem Schubser. Und einer Kopfbedeckung, die dabei zu Boden fällt. Das war im April 2014. Danach ist für Amadu und seine Familie nichts mehr wie zuvor. Für den jungen Mann beginnt eine Flucht, die ihn bis nach Trieb führt. So berichtet es der 28-Jährige. Der Mützenträger sei eigentlich ein guter Freund gewesen, sagt er. Zugleich ein Mitglied im Geheimbund der Poro. Der ist wiederum weit verbreitet in Sierra Leone, der Heimat von Amadu. Das ist kein Geheimnis in dem westafrikanischen Land. Dass Rituale und Bünde Bedeutung und Macht haben, zeigte auch ein extrem grausamer Bürgerkrieg, der von 1991 bis 2001 Zehntausenden das Leben kostete, in dem vermeintliche Traditionen und Riten von Kriegsparteien instrumentalisiert wurden.

Kurzum, der Mützenverlust bedeutet für seinen Träger viel. Mehr nur als Ehrverlust, er ist ein rituelles Vergehen. „Ich wusste nichts von der Bedeutung der Mütze. Ich bin ein Fulla, ein Muslim. Meine Leute gehören nicht der Poro an, und kennen deren Gebräuche nicht“, erklärt Amadu. Der junge Afrikaner berichtet von seiner Flucht, die ihn zuerst ins Nachbarland Guinea, dann nach Mali, Algerien und Libyen führt. Dort wurde er nach eigenen Aussagen gekidnappt und zur Feldarbeit gezwungen. Auch das wäre keine Einzelfall.

Mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer

Schließlich gelingt ihm die Flucht, mit dem Schlauchboot nach Italien. Dann weiter nach Deutschland. Endstation der Flucht ist der Landkreis Lichtenfels. Am 31. Mai 2016 kommt er an und landet erst einmal auf einem Feldbett in der Turnhalle der Berufsschule. Jetzt lebt er in einem Zweibett-Zimmer im Asylbewerberheim in der Schillerstraße in Lichtenfels.

„Mittlerweile musste meine ganze Familie aus meiner Heimatstadt Kenema fliehen. Wir hatten dort einen eigenen kleinen Laden. Mein Großvater wurde blutig geschlagen“, sagt er. Davon existieren auch Bilder. Zurückkehren könne er nicht, da Mitglieder der Poro auch in der Polizei aktiv seien und sich die Macht des Bunds über ganz Sierra Leone erstreckte, erklärt der junge Mann.

Trotz allem Engagement droht Amadu die Aschiebung
Amadu und seine Fürsprecher: Rosemarie Göring (li.) vom Roten Kreuz, Metzgermeister Alfed Schardt und Joachim Gieck von den Aktiven Bürgern. Foto: Till Mayer

Das jedoch sah das Gericht bei seinem Asylverfahren anders. In einem anderen Teil Sierra Leones sei er sicher, hieß es in der Urteilsbegründung. Eine Gefahr für Leben und Gesundheit sah die Richterin am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof nicht, die am 26. Februar 2019 die Zulassung auf ein Berufungsverfahren ablehnte.

Abdul fürchtet in Sierra Leone nach eigenen Aussagen um sein Leben. Jetzt droht ihm die Abschiebung. Sie kann eigentlich jeden Tag erfolgen.

Der 28-Jährige sitzt weit entfernt von sein Heimat im Gasthof Schardt in Trieb. Dort arbeitet der junge Mann seit 2016 als Aushilfskraft. So viele Stunden, wie es ihm das Amt erlaubt: fünf mal drei pro Woche. Seinen Verdienst muss er mit seinen Bezügen als Asylbewerber verrechnen. Und natürlich werden auch Steuern und Sozialabgaben abgezogen.

Herbstfest der Begegnung am MGL mit einem „Star des Abends“
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Die drohende Abschiebung bringt seinen Chef in Rage. „Er ist ein tüchtiger und bescheidener Mann. Packt an und ist fleißig. So jemand, wird dann abgeschoben. Unfassbar“, meint Alfred Schardt, Metzgermeister und Gastwirt. Er will die Abschiebung verhindern. Doch die Chancen sind nicht gut. „Die Duldung endet am 18. September“, sagt Schardt. Seit geraumer Zeit spricht er schon bei Abgeordneten und Politikern für seinen Mitarbeiter vor.

Dickes Lob von der stellvertretenden Rotkreuz-Vorsitzenden

Beim Treffen in der Trieber Gaststätte ist auch Rosemarie Göhring dabei, die stellvertretende Kreisvorsitzende des BRK-Kreisverbands. Amadu ist ehrenamtlicher Rotkreuzler. „Er hilft in der Kleiderkammer und steht stundenlang bei Blutspendeterminen in der Spülküche. Ich habe selten einen so bescheidenen und hilfsbereiten Menschen getroffen“, sagt Rosemarie Göring.

Joachim Gieck von den Aktiven Bürgern sitzt ebenfalls mit in der Runde. „Ich kann nur sagen, Amadu ist einer der fleißigsten Besucher unserer Sprachkurse. Immer pünktlich da, hilft den anderen, wenn er kann. Da er ja nur geduldet ist, erhielt er auch nicht den staatlich geförderten Sprachkurs. Er nutzt jede Chance, die deutsche Sprache zu lernen“, sagt Gieck.

Trotz allem Engagement droht Amadu die Aschiebung
Amadu und sein Chef Alfred Schardt (re.) verstehen sich bestens. "Er ist ein super Mitarbeiter", sagt der Metzgermeister. Foto: Till Mayer

Amadu wirkt ein bischen schüchtern, als er all die Lobesworte hört. „Ich hab mich schon mit der Handwerkskammer in Verbindung gesetzt. In so vielen Berufen suchen wir händeringend Auszubildende. Solche zuverlässigen Menschen wie Amadu“, meint Schardt und fügt hinzu: „Er wäre sogar bereit, als Metzger zu lernen. Er ist Moslem, Schweinefleisch geht da ja eigentlich gar nicht.“

Amadu nickt. Aber sein Traumberuf wäre ein anderer: Lastwagenfahrer. „Ich liebe die schweren Trucks. Mit ihnen unterwegs zu sein, das wäre genau mein Ding“, sagte der 28-Jährige. Dann ist es kurz still, weil jeder im Raum befürchtet, dass es wahrscheinlich anders kommen wird.

 

Von Till Mayer

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