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LICHTENFELS

Stoffe gewebt und Keramik gebrannt

Ein beeindruckender Fund: Ein so genannter „Glockenbecher“, benannt nach Kultur, die dieser Zeit vor rund 4500 Jahren den Namen gegeben hat. Das Team um Grabungsleiterin Nina Fröscher (im Hintergrund) hat die Beigabe in einem Grab entdeckt. Foto: Roger Martin

Archäologie ist spannend und faszinierend. Sie bringt Licht in das Dunkel jener Zeiten, aus denen wir keine schriftlichen Überlieferungen haben. Wie haben Menschen vor tausenden Jahren ihren Alltag gestaltet und bewältigt? Wie kreativ waren sie? Wie wurden sie von dieser Welt verabschiedet?

Solche Fragen treiben seriöse Wissenschaftler und Forscher seit jeher ebenso an wie jene Zeitgenossen, die mit wertvollen Relikten legal oder illegal Ansehen, Geld oder gar Reichtum erwerben wollen. Die jüngste umfangreichere Grabung am Obermain neigt sich gerade ihrem Ende entgegen. Sie ist nichts für Schatzräuber. Ihr Ergebnis übertrifft dennoch vorherige Erwartungen. Es gibt neue greifbare Belege, um weiteres Licht in den Lebensalltag unserer heimischen Vorfahren vor hunderten bis tausenden Jahren zu bringen.

Am Rande von Seubelsdorf, nahe der A 73, haben Archäologen monatelang auf einer Fläche von rund fünf Hektar gegraben, freigelegt und geborgen. Es ist das Gelände der imposanten Großbaustelle von „Concept Laser“, wo der architektonisch spektakuläre 3-D-Campus des Lichtenfelser Unternehmens entsteht. Das Zeitkorsett der Grabung sei ebenso ambitioniert gewesen wie der Zeitplan für den High-Tech-Campus, sagt Dr.

Andreas Büttner vom Landesamt für Denkmalpflege, dort oberfränkischer Referats- und Gebietsleiter. „Die Abstimmung klappte reibungslos.“

Im Sommer 2017 hatte das Landesamt nach einer Anfrage der Stadt Lichtenfels ganz rasch grünes Licht für eine Bodenuntersuchung gegeben, weil das Concept-Laser-Baugrundstück unmittelbar an vorhergehende Grabungen im Bereich Grundfeld anschließt. Zwischen 1984 und 2003 war dabei das größte bekannte Gräberfeld Oberfrankens entdeckt worden (Anm. d. Red.: Die Urnenfelderzeit dauerte von 1200 bis 800 v. Chr.), so Büttner im Gespräch mit dieser Redaktion.

Reste von Siedlungen entdeckt

„Wir hatten nicht damit gerechnet, dass auf dem jetzigen Areal noch nennenswert viel zu Tage kommen würde“, sagt Büttner weiter. Jetzt weiß er: Er hat sich getäuscht. Bereits bei den Sondierungen unter der abgetragenen etwa 30 Zentimeter hohen Schicht Humusboden habe sich gezeigt, dass „dort noch viel mehr drin steckt.“

Eigentlich hatte die Grabung zuvor Geschmack auf mehr gemacht. Damals gab es eine kleine archäologische Sensation: In drei Gräbern war jeweils ein Bronze-Schmuckstück für Frauenhaare aufgetaucht, „das es nur drei Mal weltweit in dieser Form gibt“, so Büttner. Nun erwarteten die Archäologen, dass im Anschluss an die vielen Gräber eher Überreste von Siedlungen auftauchen. So war es zunächst auch.

„Wir haben Siedlungsreste aus verschiedenen Epochen – von der Bronzezeit bis zum Spätmittelalter – entdeckt“, sagt Grabungsleiterin Nina Fröschel aus Bamberg. Die 26-Jährige berichtet von Keramikrelikten, die man anhand von Gravuren gut datieren könne.

400 Meter von den Siedlungsresten entfernt kam dann die Überraschung: Die Archäologen legten erneut eine „kleine Grabgruppe“ frei. Zu Tage kamen Bestattungsgruben unterschiedlicher Größen, in denen entweder die Asche unserer Vorfahren oder die Körper der Gestorbenen bestattet worden waren. Dazu legten die Archäologen Grabbeigaben frei.

Dass rund 1500 Jahre vor der Urnenfelderzeit bereits Menschen im Raum Seubelsdorf lebten, belegt ein Fund, mit dem die Archäologen in Seubelsdorf kaum gerechnet hatten: Sie legten ein 4500 Jahre altes Körpergrab aus der „Glockenbecherzeit“ frei. Es war die Zeit zwischen 2600 und 2200 vor Christus.

Nina Fröschel deutet auf einen noch nicht ganz wiederhergestellten Fund aus diesem Grab: ein schön verzierter Glockenbecher aus Keramik. Ihn hat Büttner – sicher eingepackt - zum Gespräch mit dieser Redaktion mitgebracht.

„Die Funde in Seubelsdorf sind sehr bedeutend.“
Dr. Andreas Büttner, Landesamt für Denkmalpflege

Die Bestandteile des außergewöhnliche Fundstücks werden momentan in der Außenstelle Seehof des Landesamtes zusammengesetzt. Es ist eine Grabbeigabe. Glockenbecher in dieser Art waren in ganz Europa verbreitet, sagt Büttner. Ein Fischgrätenmotiv ist zu sehen.

Die Grabungsleiterin, die in Erlangen Archäologische Wissenschaften studiert und danach den Master-Studiengang Archäologie in Bamberg absolviert hat, vermutet böhmische Einflüsse. Der Glockenbecher war nicht die einzige Beigabe in dem Grab. Drei Pfeilspitzen aus Silikatgestein (Silex) tauchten ebenfalls auf. „Vom Skelett war wegen der schlechten äußeren Bedingungen leider nichts mehr erhalten geblieben“, sagt Fröschel weiter. Es sei höchstwahrscheinlich das Grab eines Mannes.

Nicht ungewöhnlich ist, dass am Obermain nah beieinander Funde aus weit auseinanderliegenden Zeiten auftauchen, sagt Büttner. Bei einer Ausgrabung in Stadel im Zuge des ICE-Trassenbaus seien Funde aus der Zeit um 5300 vor Christus aufgetaucht. „In dieser Gegend hier gibt es immer noch fruchtbaren Lösboden“, sagt Büttner. „Immer da, wo gute Böden waren, und das Klima gepasst hat, haben sich unsere Vorfahren niedergelassen. Sie bevorzugten hochwasserfreie Gebiete, möglichst nahe an Flüssen und siedelten in der Fläche.“

Die Grabung nahe der A 73 hat sich gelohnt. „Die Funde in Seubelsdorf sind sehr bedeutend“, betont der Archäologe. „Sie erweitern das allgemeine Gräberfeld von Lichtenfels aus dieser Zeit“, sagt Fröschel. Der Bereich der heutigen Orte Grundfeld, Reundorf und Seubelsdorf war offensichtlich in der Urnenfelderzeit stark besiedelt.

„Menschen und Tiere lebten in Kleingehöften. Das ganze Maintal muss voll gewesen sein damit.“
Andreas Büttner

„Menschen und Tiere lebten in Kleingehöften. Das ganze Maintal muss voll gewesen sein damit. Hauptgebäude gab es auch“, sagt Büttner. Kleingehöfte habe es auch im Bereich des heutigen Uetzing gegeben. Die Unterkünfte waren in Holzpfahlbauweise gebaut. Die Wände bestanden aus Flechtwerk und waren mit Lehmbewurf gefestigt. „Die Menschen trugen Kleidung aus Flachs, webten Stoffe und brannten Keramik,“ ergänzt die Grabungsleiterin. Bei der jüngsten Grabung in Seubelsdorf sei auch eine Brandgrube für Keramik entdeckt worden.

Büttner vermutet, dass die Menschen im Tal die Grundversorgung eines zentralen Ortes gesichert haben, der auf dem Staffelberg-Plateau lag. „Auf dem Staffelberg gab es zur Urnenfelderzeit bereits eine ummauerte Stadt“, sagt er. Büttner meint weiter, dass in dem Grabungsgebiet verschiedene Gruppen von Menschen in abgeschlossenen Einheiten lebten, aber eventuell alle in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander standen. „Vielleicht handelt es sich bei den Grabfeldern um Familienfriedhöfe“, meint er.

Der Boden am Obermain gibt ständig Zeugnisse unserer Vorfahren preis. Am Staffelberg erkunden Archäologen nach erfolgreichen Sondierungen heuer die Reste eines keltischen Zangentors. Wenn es genehmigt wird, könnten laut Büttner ebenfalls 2018 im nahen Reundorf, nicht weit weg von den jetzigen Grabungen, Archäologen im Vorfeld einer bereits beschlossenen Baugebietserschließung erneut auf die Spur unserer Vorfahren gehen.

Aus einem Körpergrab der Urnenfelder werden hier Grabbeigaben geborgen. Foto: Nina Fröscher
Das Grabungsgebiet in Deubelsdorf vor einigen Monaten. Gruben und Pfosten von Gehöften sind mit weißen Kärtchen gekennzeichnet. Foto: Nina Fröscher

Von unserem Redaktionsmitglied Roger Martin

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