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LICHTENFELS

Anti-Demokraten dürfen, müssen sogar ausgegrenzt werden

Anti-Demokraten dürfen, müssen sogar ausgegrenzt werden
„Sie sind Corona-Schwurbler und denken quer? Dann bleibt ihr Kaffeebecher leer! Tschö mit ö”, haben die Verantwortlichen von „Café Hilde” in Lichtenfels auf ihre Angebotstafel geschrieben. Foto: Facebook

Die Leute aus meiner Gegend haben vielleicht mitbekommen, dass das Café Hilde in Lichtenfels mit einem Schwall negativer Bewertungen auf Google zu kämpfen hat.

Für den Rest meiner Bekanntschaft: Vorletzten Sonntag fand in Lichtenfels eine Corona-Demo statt, nach der die Betreiber des Cafés ein Schild vor ihrem Lokal aufstellten. Sinngemäßer Inhalt: „Querdenker werden nicht bedient“. Es folgten, neben den 1-Stern-Bewertungen, die erwarteten Kommentare seitens der Querdenker, nämlich: „Das ist Ausgrenzung, so hat?s in den 1930-ern angefangen, wie die Nazis“ usw.

Dazu hier mal mein Senf: Dem geneigten Nicht-Coronaleugner mag die Frage absurd erscheinen, aber ich stelle und beantworte sie trotzdem: Was ist der Unterschied zwischen Diskriminierung von Querdenkern und der NS-Zeit?:

-> 1. „Ist das nicht wie die Judenverfolgung?“ Nein. Die Juden wurden für das diskriminiert, was sie sind – ebenso wie Homosexuelle und Behinderte. Du kannst nicht plötzlich aufhören, Jude, homosexuell oder behindert zu sein. Du hast dich nicht willentlich dazu entschieden, du wurdest so geboren. Dem NS-Denken zufolge war „Jude“ sogar eine „Rasse“, womit die Abkehr vom jüdischen Glauben keinen Unterschied gemacht hätte. Im Gegensatz dazu wurdest du nicht als Querdenker geboren. Es ist eine Meinung, die du dir angeeignet hast und die du ändern kannst. Gleichfalls kannst du jederzeit aufhören, Corona zu leugnen/verharmlosen oder Hygienemaßnahmen zu missachten. Du hast heute eine Wahl, im Faschismus hattest du sie nicht.

-> 2. „Aber die Linken der 30-er wurden doch auch für ihre Ansichten in Lager gesteckt!“ Das stimmt zwar, aber entscheidend ist hier, wie man mit der Opposition umging: Wer nicht auf NSDAP-Linie war, wurde eingesperrt, gefoltert oder erschossen. Passiert das heute wirklich mit Oppositionellen? Heute verlierst du als Andersdenkender weder Freiheit noch Leben, im Gegenteil: Du darfst weiter öffentlich demonstrieren, solange du dich an die Maßnahmen hältst. Die Demo vom vorletzten Sonntag ist ein Beweis dafür. Die einzige Bedingung ist, dass du dich an die Hygienemaßnahmen hältst. Das Judentum war nie eine reale Bedrohung für die deutsche Gesellschaft, aber ein Virus, das sich durch Nichteinhaltung von Regeln leicht ausbreitet, ist eine sehr reale Bedrohung.

-> 3. „Ist das dann aber nicht trotzdem eine Form von Ausgrenzung?“ Ja, ist es. Wir grenzen in der Politik am laufenden Band aus – weil es notwendig ist. Das Grundgesetz sieht in Art. 18 explizit vor, dass du bestimmte Grundrechte verlierst, wenn du sie zur Bekämpfung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung benutzt. Wenn wir das nicht täten, würden wir den Intoleranten, den Anti-Demokraten, den modernen Faschisten Tür und Tor öffnen, die Leben von Minderheiten und unsere Demokratie zu ruinieren. Ausgrenzung wird und muss es leider immer geben, die wichtigen Fragen dabei sind: Wen grenze ich aus, warum grenze ich ihn/sie aus und wie viel darf er/sie trotz Ausgrenzung noch am öffentlichen Leben teilhaben? Als Querdenker wirst du ausgegrenzt, weil dein Verhalten eine Gefahr für die allgemeine Gesundheit darstellt, aber so lange du dich an die Hygienemaßnahmen hältst, hast du nach wie vor volle Teilhabe. Falls deine Einstellung andere Menschen abschreckt, ist das eine Konsequenz, mit der du – wie jeder andere Mensch mit eigener Meinung auch – leben musst.

-> 4. „Aber könnte das nicht der Anfang von etwas wie dem Dritten Reich sein?“ Nein. Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung erlaubt das nicht. Außerdem hat unsere Regierung nicht zu Aktionen wie der des Cafés Hilde aufgerufen, sondern es war die freie Entscheidung der Inhaber. Und als Inhaber hast du nun einmal die Freiheit zu entscheiden, wen du bedienst und wen nicht. Als Querdenker hast du noch genügend andere Lokale, die dich bedienen und die sogar deine Einstellung teilen. Als Café-Betreiber hingegen würde ich es mir auch zweimal überlegen, ob ich Leute in mein Lokal lasse, bei denen die Gefahr besteht, dass sie die Hygienemaßnahmen missachten.

...so, noch Fragen? Falls nein, habe ich noch eine Bitte an dich: Du hast dir die Zeit genommen, um diesen Text durchzulesen. Respekt. Würdest du dir dann bitte noch eine weitere Minute nehmen, um dem Café Hilde in Lichtenfels eine positive Google-Bewertung zu geben? Danke!“

Matthias Kolb,

Lichtenfels

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