aktualisiert:

MARKTGRAITZ

Sondersitzung des Marktgraitzer Gemeinderats

Das Pflgeheim in Marktgraitz. Foto: Roland Dietz

„Wir haben heute einen gewichtigen Tagesordnungspunkt“ erklärte Bürgermeister Jochen Partheymüller bei der Sondersitzung des Gemeinderats. Die Sitzung zeigte deutlich auf, dass Covid-19 unberechenbar ist. So hatte es in den vergangenen Tagen ein Virusausbruch im Pflegeheim „Am Eichberg“ gegeben mit vielen Infizierten und leider auch acht Todesfällen.

Dieses traurige Geschehen war sicherlich auch der Grund, warum sich viele Bürger in die Turnhalle begeben hatten. Auch der Gemeinderat war vollzählig erschienen, bis auf Gemeinderätin Tanja Beier. Sie ist Mitgründerin und Leiterin des Pflegedienstes Marktgraitz und Geschäftsführerin des Pflegeheims. Mit dieser Tatsache und damit, dass diese bewusst nicht eingeladen worden sei, konfrontierte Georg Bülling Bürgermeister Jochen Partheymüller.

Äußerst fragwürdiges Vorgehen

Während der folgenden Gespräche stellte sich heraus, dass dies drei Gemeinderäte, die nicht genannt werden wollten, angeregt hatten, um eine weitere Infektionsgefahr bei dieser Sondersitzung auszuschließen, obwohl Tanja Beier negativ getestet worden war. Es wurde aber beschlossen, dass Tanja Beier dann per Telefon der Sitzung zugeschaltet wurde. Zur Situation erklärte Partheymüller, dass er ständig mit der Führungsgruppe Katastrophenschutz im Landratsamt in Verbindung stehe.

Sehr bewegend waren dann die Ausführungen von Tanja Beier. Ein Bewohner des Pflegeheimes, der an einer chronischen Lungenkrankheit litt, hatte Erkältungssymptome. Er wurde vom Arzt daher mit Antibiotika behandelt. Nachdem der Bewohner verstorben war, bekam sein Zimmernachbar Fieber. Dem Bewohner wurde post mortem noch ein Abstrich entnommen. Dieser Abstrich und auch der des Zimmernachbarn fielen positiv aus. „Wir waren alle total schockiert“, teilte Tanja Beier den Tränen nahe mit. Es wurde schnellstmöglich das Gesundheitsamt informiert und Quarantänemaßnahmen eingeleitet.

Sie sagte, dass es nicht richtig sei, dass das Pflegeheim für Besucher zwischenzeitlich wieder geöffnet war. Schnell wurden zwei Stationen für infizierte und gesunde Bewohner eingerichtet. Mitarbeiter, die betroffen waren, kamen in Quarantäne und wurden ebenfalls von nicht Infizierten abgeschottet. Die Vermutung liege nahe, dass die erste Infizierung durch eine Mitarbeiterin des Pflegeheims kam, da ansonsten kein Kontakt der Heimbewohner nach außen bestand.

22 Bewohner an Covid-19 erkrankt, acht mittlerweile verstorben

Dann wurden von 72 Bewohnern und 69 Beschäftigten Abstriche genommen. Insgesamt seien 22 Bewohner an Covid-19 erkrankt, acht seien mittlerweile verstorben. Auch neun Mitarbeiter waren mit dem Corona-Virus infiziert. Davon sind inzwischen drei wieder negativ. Viele Mitarbeiter mussten sich in Quarantäne begeben. Dennoch habe es auch Infizierte gegeben, die einen leichten Verlauf hatten, bzw. überhaupt keine Symptome aufwiesen. Von 50 Pflegekräften waren schließlich nur noch acht übrig. Diese leisten in drei Schichten mit jeweils zwölf Stunden unmenschlichen Dienst. Trotz der spürbar betrübten Stimmung gab es dafür spontanen Beifall aller Anwesenden.

Derzeit gibt es ein strenges Besuchsverbot im Seniorenheim.. Foto: Roland Dietz

Bei den Verstorbenen, so Beier weiter, hatte sich das Virus als sehr aggressiv erwiesen. „Alle waren total verzweifelt und es wird Mitarbeiter geben, die im Nachhinein Hilfe in Anspruch nehmen müssen“ führte Tanja Beier aus. Sie sei sehr dankbar für jede Hilfe, die man im Pflegeheim bekommen habe. Derzeit sei das Pflegeheim komplett abgeschottet. Pflegeheim und Pflegedienst seien wie auch schon vor der Pandemie voneinander getrennt. Patienten, die im häuslichen Pflegdienst sind bräuchten sich daher keine Sorgen machen. Auch die ambulanten Pflegedienstmitarbeiter seien in jeder Form vom Pflegeheim abgeschottet, ebenso Mitarbeiter von Büro und anderen Räumlichkeiten. Die Mitarbeiter betreten das Haus außerdem über zwei separate Eingänge. So können sie in die einzelnen Stationen gelangen, ohne dabei mit anderen Bereichen des Hauses in Berührung zu kommen.

Auch gebe es im Bereich von Anlieferungen von Essen oder sonstigen Material Schleusen, die keinen Kontakt möglich machen. Markus Trinkwalter, Leiter des Pflegeheims, hatte in Verbindung mit dem Gesundheitsamt des Landkreises Schwerstarbeit zu verrichten. Ein Besuchsverbot bestehe ob der Situation weiterhin. Es habe sich in den letzten Tagen aber herausgestellt, dass eine Ausgliederung der Pflegediensteinrichtung nicht mehr nötig ist. Es wurde erörtert, den Pflegedienst in die Turnhalle auszulagern, da mit Internetanschluss, Parkplätzen und Toiletten alles unbedingt nötige vorhanden war.

Die wurde aber von Bürgermeister Jochen Partheymüller abgelehnt. Unzufrieden und enttäuscht zeigte sich Tanja Beier über die nach außen getragenen Informationen seitens des Bürgermeisters und der Presse. Von Krisenmanagement seitens des Bürgermeisters könne keine Rede sein. Künftig solle täglich Kontakt aufgenommen werden. Werner Schilling, dessen Vater sich im Pflegeheim befindet und dessen Mutter vom ambulanten Pflegedienst betreut wird, lobte die Arbeit des Heims und des Pflegedienstes während der schwierigen Zeit. Er stellte jedoch die Frage, wieso sich die Mitarbeiter des Pflegedienstes, seitens des Gesundheitsamts noch keinem Test unterziehen mussten. Diese Tatsache konnte keiner der Anwesenden nur annähernd verstehen. Eine weitere Frage war, wer die Tests bezahlen soll. „Wenn es für das Landratsamt zu teuer ist, müssen wir halt von der Gemeinde den Test selbst bezahlen“, schlug Nathalie Grammon (SPD) vor. Anton Hügerich sagte dazu, dass dies ob der Auslastung im Moment überall anders gehandhabt würde. „Es gibt nie eine 100-prozentige Sicherheit, auch nach einem Test nicht“, meinte Tanja Beier und die Gemeinde müsse hier noch mehr Druck aufbauen. Bürgermeister Jochen Partheymüller versprach, sich umgehend darum zu kümmern.

 
So ist's richtig
Anderen Raum vorgeschlagen
 Marktgraitz  Zum diesem Bericht muss Folgendes richtig gestellt werden: 
Bürgermeister Jochen Partheymüller hatte dem ambulanten Pflegedienst die Möglichkeit in die Turnhalle zu kommen nicht verweigert. Er hat lediglich einen anderen Raum vorgeschlagen und nach anderen Möglichkeiten gesucht. Auch sei er im stetigen Austausch mit der Führungsgruppe Katastrophenschutz und dem Gesundheitsamt des Landkreises Lichtenfels. Die Redaktion bittet den Fehler zu entschuldigen. (red)

Von Roland Dietz

Weitere Artikel