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Reiten nur um des Tierschutzes willen: Corona und die Pferde

Iman Hajjer verschafft ihrem Sultan die tägliche Bewegung im Longierzelt. Foto: Karin Sträßner

„Wohlan, die Zeit ist kommen, mein Pferd, das muss geritten sein…“ Wer hätte gedacht, dass dieser Liedtext eines alten Volksliedes aktuell so viel an Bedeutung gewinnt. Wer meint, die Reiter haben es gut, die dürfen im Gegensatz zu anderen auch in der Coronakrise zu ihren „Sportstätten“, der täuscht sich – wie am Beispiel des Pensionsstalls von Martin Söllner zu sehen ist.

Der Stallbesitzer Martin Söllner hat alle Hände voll zu tun, die ihm auferlegten Empfehlungen zu prüfen. Laut Landwirtschaftsministerium dürfen sich Reiter eines Pensionsstalles lediglich im Stall aufhalten, um das Notwendigste zu erledigen. Da der Stallbetreiber die Grundversorgung (Füttern und Misten) übernimmt, hat sich der Pferdebesitzer um die Bewegung und Pflege des Tieres zu kümmern.

Ein Pferd braucht Bewegung, sonst wird es nicht artgerecht gehalten

Nach dem Tierschutzgesetz ist der Mensch verpflichtet, das Leben und Wohlbefinden des Tieres zu schützen. Das Steppentier Pferd ist in freier Natur bis zu 16 Stunden täglich unterwegs, um Futter zu suchen. Das Tier muss deshalb die Möglichkeit zu artgemäßer Bewegung erhalten. Sonst drohten Verhaltensstörungen oder Schäden am Bewegungsapparat. Bewegungsmangel beeinträchtigt außerdem die Selbstreinigungsmechanismen der Atemwege.

Um dem Tierschutz gerecht zu werden, ist also jeder Pferdehalter verpflichtet, für Bewegung zu sorgen. Nicht notwendig sind jedoch mehrtägige Wanderritte, Turnier- oder Seminarbesuche oder auch Messen. Selbst Reitunterricht ist momentan untersagt.

Jeder darf nur eineinhalb Stunden auf dem Hof bleiben

Die Ausgangsbeschränkung gilt natürlich auch für den Reiter. Er begibt sich also zum Stall, trägt sich in eine Anwesenheitsliste ein und hat sich zügig um die Bewegung seines Vierbeiners zu kümmern. Die Anwesenheitslisten dienen der Übersicht, wer wo wie lange auf dem Hof ist. Als Zeitvorgabe für den Aufenthalt sind etwa eineinhalb Stunden anzupeilen. Und da ist man dann gefordert. Schließlich muss ordentlich geputzt, die Hufe ausgekratzt und gesattelt werden. Tierärzte empfehlen gerade bei älteren Pferden eine Aufwärmphase von 30 Minuten.

Birgit Hoffmann reitet im Gelände und verbindet somit das Angenehme mit dem Nützlichen. Foto: Karin Sträßner

So ist also schon fast eine Stunde vergangen, bevor man sich mal im flotten Trab oder Galopp fortbewegen kann. Jeder kann sich ausrechnen, dass da eineinhalb Stunden knapp bemessen sind. Nach ein paar dynamischen Runden muss bereits das Ende eingeläutet werden, da die Fellnase ja noch abgesattelt und eventuell mit Zusatzfutter oder Medikamenten versorgt werden muss.

Immer wieder gibt es Ärger, wenn jemand vergisst, sich in die Anwesenheitsliste einzutragen. Es dürfen nur maximal acht Pferdebesitzer gleichzeitig auf dem Hof sein. Am Sonntagnachmittag schaut Martin Söllner dann auch in seiner Anlage nach: „Leute, es sind zu viele Menschen hier! Bitte schaut, dass ihr euch besser verteilt, ich krieg' sonst Ärger und muss die Leute einteilen, wer wann kommen darf!“

Unfallgefahr und Ansteckungsrisiko möglichst niedrig halten

Eine engagierte Reiterin bei einer kurzen „Arbeitspause“ auf dem Reitplatz. Foto: Karin Sträßner

Das Reiten im Gelände war bis vor einer Woche wegen der höheren Unfallgefahr faktisch verboten. Schließlich sollte ein Reiter nicht wegen eines Unfalls ein notwendiges Intensivbett für einen Covid-19-Patienten unnötig belegen. Inzwischen wurde dieses Ausreitverbot gelockert, da mehr Tierhalter in der Reithalle und auf dem Reitplatz die Ansteckungsgefahr erhöhen. Doch auch hier sollte man sich beschränken, um sowohl die Unfallgefahr als auch das Ansteckungsrisiko im Stall möglichst gering zu halten.

Morgens sollte man nicht zu früh kommen, um die Ansteckungsgefahr für das Stallpersonal so gering wie möglich zu halten. Abends zwischen 18 und 19 Uhr muss der Stall abermals für das Stallpersonal freigehalten werden. Eine ganztags berufstätige Pferdebesitzerin empört sich: „Ich soll meinem Beruf gerecht werden, und muss nebenbei sämtliche ,Besuchszeiten‘ beachten, das ist ganz schön stressig, man muss sein ganzes Leben ja komplett an die Stallzeiten anpassen!“

Wer also einen Reiter bei der Ausübung seines Hobbies beobachtet, dem sei gesagt, dass auch hier das Vergnügen momentan ganz hinten angestellt ist. Lediglich, um dem Tierschutz gerecht zu werden, dürfen die Reiter noch zu ihren Lieblingen. Ansonsten gelten im Stall die gleichen Regeln wie anderswo. Mindestabstand und Hygienemaßnahmen sind zu beachten, Personenansammlungen zu vermeiden. Besucher, Angehörige oder Hunde müssen draußen bleiben. Selbst die notwendigen Termine mit Tierarzt oder Hufschmied sind vorab mit dem Stallbesitzer abzuklären.

„Wir werden doch die paar Wochen noch rumkriegen!“
Martin Söllner, Pensionsstallbesitzer
Da wartet schon ein Pferdchen auf seine Besitzerin und freut sich auf Auslauf (oder die mitgebrachten Möhren). Foto: Karin Sträßner

Trotzdem sind sich die Reiter einig, dass sie dankbar sein müssen, überhaupt noch zu ihren Pferden zu dürfen. Es soll Stallbesitzer geben, denen es auferlegt wurde, für die notwendige Bewegung selbst zu sorgen, und den Eigentümern der Tiere den Zutritt zu den Anlagen zu verwehren. Natürlich sorgen sich die Reiter genauso um ihre und die Gesundheit anderer. Eine Reitsportbegeisterte bestätigt: „Ich habe wirklich Panik vor diesem Virus!“ Doch der Pensionsstallbetreiber Martin Söllner ermuntert: „Wir werden doch die paar Wochen noch rumkriegen!“ Und damit spricht er wohl jedem Menschen aus der Seele.

Von Karin Sträßner

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