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MICHELAU

Michelauer Automobilzulieferer Smia entlässt 305 Mitarbeiter

Entlassungen drohen beim Automobilzulieferer Smia, dem zweitgrößten Arbeitgeber im Landkreis Lichtenfels mit Sitz in Michelau. Foto: Till Mayer

Hart treffen die Folgen der Krise in der Automobilindustrie und der Corona-Pandemie den Automobilzulieferer Smia. Betriebsbedingte Kündigungen hat der zweitgrößte Arbeitgeber im Landkreis Lichtenfels angekündigt. Betroffen sind 305 von insgesamt rund 1500 Mitarbeitern. Neben 98 Leiharbeitern in der Produktion sollen 207 Stellen im „indirekten Bereich“ eingespart werden, wie die Geschäftsleitung dem Betriebsrat mitgeteilt hat. Hintergrund sind Umsatzeinbrüche von rund 20 Prozent.

Betroffen nahm die Belegschaft die Ankündigungen auf, zumal das Unternehmen in der Pandemie verstärkt das Mittel der Kurzarbeit genutzt hatte, um die Auftragsrückgänge abzufedern. Erst im vergangenen Jahr hatte Smia 140 Mitarbeiter entlassen und eine Umstrukturierung angekündigt.

„Die langfristige Sicherung der verbleibenden Arbeitsplätze steht dabei an erster Stelle.“
Andreas Heuser, Motherson Group

Geplant sei ein „schonender Stellenabbau“, teilte Andreas Heuser, Vorsitzender des europäischen Vorstandsbüros des Mutterkonzerns Motherson Group, mit. Gründe für den Abbau seien die schon länger anhaltende Talfahrt am Automobilmarkt, die durch die Auswirkungen der Coronakrise noch deutlich verschärft worden sei. Außerdem seien in mehreren Unternehmensbereichen Restrukturierungen notwendig, um verschiedene betriebliche Kernprozesse für die Zukunft wettbewerbsfähig aufzustellen. „Die langfristige Sicherung der verbleibenden Arbeitsplätze steht dabei an erster Stelle“, betonte Heuser.

Vorruhestand, andere Jobs im Konzern und Gründung einer Transfergesellschaft

Mit Betriebsrat und Gewerkschaft solle in den nächsten Wochen ein Interessenausgleich und ein Sozialplan verhandelt werden. Unter anderem werde die Gründung einer Transfergesellschaft angestrebt, um die betroffenen Beschäftigten gezielt weiter zu qualifizieren und bei der Suche nach einer Anschlussbeschäftigung zu unterstützen. „Um den Personalabbau sozialverträglich zu gestalten und die Anzahl der betriebsbedingten Kündigungen so gering wie möglich zu halten, wird man auch die natürliche Fluktuation nutzen, Vorruhestandsangebote machen und offene Stellen im Konzern anbieten“, sicherte Heuser zu. Im „indirekten Bereich“ werden rund 200 Arbeitsplätze entfallen, davon werden voraussichtlich 180 Beschäftigte unter den Geltungsbereich des Sozialplans fallen. Im direkten Bereich, also der Produktion, werde der Abbau vorrangig durch die Reduzierung von Leiharbeitern realisiert.

Noch sind die Parkplätze vor dem Smia-Werk in Michelau gut belegt, doch die Folgen der Krise in der Automobilindustrie und der Pandemie haben den Zulieferer hart getroffen. Foto: Till Mayer

Wann die Kündigungen erfolgen sollen, ist noch unklar. Am Mittwoch trafen sich die Geschäftsführung und der Betriebsrat zu einer ersten Verhandlungsrunde, wie Betriebsratsvorsitzender Peter Leipold auf Anfrage berichtete.

„Es ist ein Schock, dass innerhalb so kurzer Zeit schon wieder betriebsbedingte Kündigungen erfolgen sollen“, sagte Leipold. Doch mit Kurzarbeit allein seien die Auftragseinbrüche aufgrund der mangelnden Nachfrage nicht mehr auszugleichen. „Die 207 Kündigungen von Festangestellten betreffen nicht die Produktion, sondern Mitarbeiter, die nicht direkt an den Maschinen stehen, um ein Teil zu produzieren“, erklärte er. Außerdem verteile sich der Stellenabbau auf das gesamte Unternehmen: „Es wird kein Bereich geschlossen, sondern es handelt sich um eine klassische Reorganisation.“ Angesichts des Ausblicks der Geschäftsführung auf die kommenden zwei Jahre und der Restrukturierungspläne sei er zuversichtlich, dass sich die Belegschaft auf diesem Niveau stabilisieren lasse und es zu keinen weiteren Einschnitten komme, erklärte Leipold.

Betriebsrat: Interessenausgleich und Sozialplan das Ziel

Einen Zeitplan gebe es noch nicht: „Wir nehmen uns die Zeit, um alles genau zu prüfen und das beste für unsere Kollegen herauszuholen.“ Ziel seien ein Interessenausgleich und ein Sozialplan. So sei es gelungen, im vorigen Jahr ein gutes Ergebnis für die gekündigten Kollegen zu erreichen. Neben Abfindungen sei es gelungen, zwei Drittel der Betroffenen über eine Auffanggesellschaft direkt in eine neue Beschäftigung zu vermitteln.

„Ich bin enttäuscht, dass nach dem beträchtlichen Einschnitt im vergangenen Jahr, jetzt weitere betriebsbedingte Kündigungen vorgesehen sind“, sagte Franz Peter Sichler, Projektsekretär der Industriegewerbkschaft BCE (IG BCE) auf Anfrage. Er hätte gehofft, dass nach der Entlassung von 140 Mitarbeitern im vergangenen Jahr die vorgesehene Betriebsneuorganisation greife.

„Das wird nicht schön, weil bei dieser Zahl von Betroffenen auch Kollegen gehen müssten, die nicht zu den rentennahen Jahrgängen gehören“, befürchtet er. Daher werde die Gewerkschaft zusammen mit dem Betriebsrat genau prüfen, welche Einschnitte in den einzelnen Betriebsbereichen vorgesehen sind. Ziel müsse es sein, nicht nur die Personalkosten zu senken, sondern gemeinsam mit den Mitarbeitern das Unternehmen zukunftsfähig zu gestalten.

„Es tut mir sehr leid um die Mitarbeiter und ihre Familien“, sagte Bürgermeister Dirk Rosenbauer. Auch für die Gemeinde Michelau sei es ein harter Schlag, dass der größte Arbeitgeber im Ort so viele Beschäftigte entlasse. Doch angesichts des massiven Umsatzeinbruchs bestehe wohl keine andere Möglichkeit, wie er aus regelmäßigen Gesprächen mit der Geschäftsführung wisse. Optimististisch sei er, dass Smia durch die geplante Umstrukturierung wieder Tritt fassen werde und der Standort in Michelau sowie die übrigen Arbeitsplätze damit gesichert seien.

Landrat und Bürgermeister wollen im Dialog helfen

„Jetzt sind die Befürchtungen, die ich im Frühjahr während der ersten Corona-Welle hatte, wahr geworden“, sagte Landrat Christian Meißner, der durch das Obermain-Tagblatt von den geplanten Kündigungen erfuhr. Die Folgen der Pandemie verschärften die Probleme der Autoindustrie noch. Die Leidtragenden seien letztlich die Zulieferer, die einen Großteil der Wirtschaftskraft in der Region stellen. Er sicherte Smia und den betroffenen Mitarbeitern jede Unterstützung zu, die der Landkreis leisten könne. Im Dialog werde versucht, die Kontakte zur Politik und den Institutionen zu nutzen, etwa um bei der Einrichtung einer Auffanggesellschaft oder Vermittlungen von Betroffenen auf dem Arbeitsmarkt in der Region zu helfen. „Wichtig ist es auch, dass die Politik alles tut, um der angeschlagenen Autoindustrie wieder auf die Füße zu helfen“, betonte er mit Blick auf Berlin.

Über Smia

Samvardhana Motherson Innovative Autosystems (SMIA) ist ein Unternehmen der Samvardhana Motherson Gruppe, die mit weltweit über 135 000 Beschäftigten zu den 23 größten Automobilzulieferern zählt. Am Standort Michelau in Oberfranken sind derzeit rund 1500 Mitarbeiter beschäftigt. Damit ist Smia der zweitgrößte Arbeitgeber im Landkreis Lichtenfels und der wichtigste in Michelau.

Smia ist die Nachfolgefirma von Scherer & Trier, das 1967 von Andreas Scherer, Georg Scherer und Lothar Trier gegründet wurde. Im Februar 2015 übernahm für indische Samvardhana Motherson Gruppe das Unternehmen. Smia fertigt und entwickelt hochwertige Kunststoffteile im Extrusions- und Spritzgussverfahren, vor allem für die Autoindustrie. Die Produkte reichen von Teilen der Innenausstattung bis zum Bestandteilen der Karosserie wie Dachleisten, Heckspoiler oder Tankdeckel. Zu den Kunden gehören Mercedes und BMW, VW und die PSA Group (Citroen, Opel, Peugeot, Vauxhall).

Von Gerhard herrmann

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