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MICHELAU

Michelau braucht dringend Bauplätze

Bürgermeister Jochen Weber (li.) und geschäftsleitender Beamter Norbert Eiser vor einem Plan der Großgemeinde: Bauplätze gäbe es in Michelau genug, aber sie stehen nicht zur Verfügung. Foto: Annette Körber

Keine neuen Baugebiete ausweisen, sondern nachverdichten, also vorhandene Baulücken innerorts schließen: Das ist ein Grundsatz, den nicht nur Umweltschützer und -schützerinnen hochhalten. Denn das bedeutet nicht nur weniger Flächenversiegelung, sondern auch weniger Kosten für die Infrastruktur. „Wir wären die letzten, die nicht mitmachen würden“, sagt der Michelauer Bürgermeister Jochen Weber. Aber was kann die Gemeinde tun, wenn die vorhandenen Baulücken in Privathand sind und die Eigentümer oder Eigentümerinnen nicht verkaufen wollen?

Etwa 180 voll erschlossene Bauplätze gibt es in Michelau, davon 100 im Kernort, sagt der Bürgermeister. Das resultiere auch aus dem Erschließungskonzept der Kommune, erklärt er: Die Gemeinde kauft dem Eigentümer oder der Eigentümerin ein Gebiet ab, unterteilt es in Grundstücke und verkauft diese voll erschlossen weiter. Dabei gilt, dass derjenige, der Bauland verkauft, ein Grundstück behalten darf – ohne Bauzwang.

Bauflächen werden für Kinder oder Enkel aufgehoben

Und das ist die Crux an diesem System. Denn in der Folge liegen viele Flächen über Jahre brach. Sie werden zurückgehalten für die Kinder, die sie oft gar nicht brauchen, weil sie ihr Lebensweg von der Heimatgemeinde weggeführt hat. Und die Enkel wollen das Grundstück erst recht nicht. Aber verkaufen – jetzt?

„Viele haben Angst, dass dann zusätzliche Steuern anfallen“, sagt Weber. Deshalb hat er sich nun Unterstützung geholt beim bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr: Dieses hat die Infobroschüre „Grundstücke aktivieren – Wohnraum schaffen“ neu aufgelegt. Darin werden die wichtigsten Fragen zum Thema beantwortet. Im Ministerium habe man sich gewundert, warum Michelau so viele dieser Broschüren angefordert hat, erzählt der Bürgermeister und schmunzelt. Er hat vor, alle Eigentümer und Eigentümerinnen von Baulücken anzuschreiben und das Infoblatt beizulegen.

Emotionale Bindung und Niedrigzinspolitik

„Wenn wir nur zehn Prozent hätten, dann hätten wir 18 Bauplätze. Damit könnten wir schon was anfangen“, rechnet Weber vor. Aber er weiß natürlich auch, dass bei vielen nicht nur die Tatsache eine Rolle spielt, dass die Fläche schon immer im Familienbesitz war. Angesichts der aktuellen Niedrigzinspolitik behalten die Leute lieber ihre wertvollen Grundstücke statt Geld auf die Bank zu tragen.

Der Bürgermeister hat keine Handhabe; er kann nur versuchen, Überzeugungsarbeit zu leisten. „Man sollte doch auch an die Gesellschaft denken“, findet er. Es gehe um junge Familien, die sich in der Korbmachergemeinde ansiedeln wollen. Unterm Jahr registriere er in zwei Wochen drei bis vier Anfragen, und allen müsse er absagen. „Dabei hätten wir so viel anzubieten.“ Das Gemeindeoberhaupt zählt auf: die Johann-Puppert-Schule, die nach der Sanierung die modernste im Landkreis sein wird, der neue Hort, das Hallenbad, die Dreifach-Turnhalle, das Martin-Luther-Haus, das Mehrgenerationenhaus und nicht zu vergessen die 100 Vereine, die für viel Gemeinschaftssinn in den Dörfern stehen.

„Viele sagen halt: Was interessiert es mich, wie es der Gemeinde geht?“
Jochen Weber, Bürgermeister

Aber Michelau schrumpft stetig. Vor vier Jahren lebten hier 6987 Menschen, heute sind es noch 6315. „Wir haben umgerechnet ein Dorf in der Größe von Lettenreuth verloren“, verdeutlicht Weber. Fehlendes Bauland schränke insofern die ganze Gemeinde in ihrer Entwicklung ein. „Aber viele sagen halt: Was interessiert es mich, wie es der Gemeinde geht?“

Dazu kommt, dass immer mehr Häuser leer stehen, wenn die Besitzer beziehungsweise Besitzerinnen sterben und die Erben sich längst woanders ein Zuhause eingerichtet haben. Schon jetzt verzeichne Michelau viele Leerstände. Und auch hier das gleiche Problem: Keiner will verkaufen. Bei alten Häusern sei das auch nicht so leicht wie bei Bauland, merkt Weber an. Zumal etliche unter Denkmalschutz stehen. Da ist ein Neubau anderswo oft einfacher zu stemmen als die Sanierungskosten.

Ehemalige Lettenreuther zieht es zurück in die Heimat

Und so bleibt dem Bürgermeister gar nichts anderes übrig, als den Blick auch auf neue Baugebiete zu richten. Der Bedarf ist da, das zeigt Lettenreuth. Für die 28 Grundstücke, die dort im Frühjahr 2022 erschlossen werden sollen, hätten innerhalb von 20 Tagen 26 Vormerkungen vorgelegen – mittlerweile seien es über 40. „So lange wie ich im Gemeinderat bin, haben wir für dieses Baugebiet gekämpft“, blickt Weber zurück. Nun gingen die Grundstücke in „Lettenreuth-West“ weg wie warme Semmeln.

Den Bürgermeister freut besonders, dass viele Anfragen von ehemaligen Lettenreuthern und Lettenreutherinnen kommen, die gern zurück in die Heimat wollen. Sie und andere Angehörige der Gemeinde Michelau würden bei der Auswahl den Vorrang erhalten vor Interessierten aus anderen Landkreisen. Pluspunkte sammelten auch junge Familien. Die vorgemerkten Bauwilligen würden aber grundsätzlich nach zeitlichem Eingang ihrer Anfrage abtelefoniert. Für alle, die den Zuschlag erhalten, gelte, dass sie innerhalb von drei Jahren bauen müssen.

Der Bürgermeister gibt die Hoffnung nicht auf

In Michelau selbst sind noch zwei Baugebiete geplant. „West 4“ hinter dem Norma-Markt würde 60 bis 70 Wohnungen in Ein- und Mehrfamilienhäusern bieten, „Nord-West 3“ bei der Kläranlage 34. Aber auch hier seien die Verhandlungen zäh, auch hier wollten die Leute nicht verkaufen.

Es bleibe ja auch der Zwiespalt, dass es besser wäre, innen Baulücken zu schließen als die Dörfer ständig nach außen zu vergrößern. Und so wird nun jeder Eigentümer und jede Eigentümerin eines erschlossenen Bauplatzes in den nächsten Tagen Post von der Gemeinde im Briefkasten finden. Vielleicht, so hofft der Bürgermeister, bringt er damit ja den einen oder die andere doch zum Nachdenken.

Von annette Körber

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