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MARKTZEULN

Marktzeuln: Wo Torhäuser Geschichte erzählen

Marktzeuln: Wo Torhäuser Geschichte erzählen
Ein wertvolles Kleinmod. Das Graitzer Tor. Foto: Heinz Fischer

Einst markierten sie die Einfriedung des Ortes: Neben dem wunderschönen Rathaus und vielen anderen bemerkenswerten und eindrucksvollen Fachwerkbauten sind die beiden Torhäuser, das Obere Tor und das Graitzer Tor einmalig und ortsprägend in Marktzeuln.

Marktzeuln: Wo Torhäuser Geschichte erzählen
Das Obere Tor in den 1920-er Jahren. Foto: Archiv

Wenn wir in der Geschichte zurückgehen, zählen diese beiden Gebäude wohl mit zu den ältesten des Marktfleckens. Es ist anzunehmen, dass sie zu jenen Häusern gehören, die nach der Brandschatzung durch schwedische Truppen 1646 zusammen mit anderen Fachwerkbauten im Ortskern wie auch dem Rathaus, neu errichtet wurden.

Sie markierten zusammen mit einem weiteren Torhaus im Bereich der Rodachbrücke – dieses existiert aber schon lange nicht mehr – die Grenzen des Ortes. Hier wurden früher auch Durchgangszölle erhoben. Angesichts der heutigen Verkehrslast im Ort könnte man auf den Gedanken kommen, dies wieder einzuführen.

Einst die Ortsgrenze markiert

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Blick durch das Graitzer Tor in alter Zeit. Foto: Repro: Heinz Fischer

Werfen wir zunächst einen Blick auf das kleinere der beiden Torhäuser, das Graitzer Tor, im Norden der Gemeinde an der Neuburg. Es markierte früher die Ortsgrenze nach Marktgraitz beziehungsweise Trübenbach. Heute gelangt man durch dieses Tor zum Spitzberg, zum Kreuzstein und zum Zeulner Käppela auf gut ausgebauten Wanderwegen. Schon seit langer Zeit ist es Eigentum der Kommune und wurde über viele Jahrzehnte bis Ende der 1990er Jahre als Sozialwohnung an jeweils zwei Familien vermietet, die sich rechte und linke Hälfte teilten.

Dann folgten einige Jahre Leerstand, bis der damalige Marktgemeinderat beschloss, das inzwischen recht marode Torhaus von Grund auf zu sanieren und wieder einer Nutzung zuzuführen. Die Sanierung erfolgte nach denkmalpflegerischen Richtlinien, es wurden vom Sockel bis zur Bedachung Materialarten genutzt, die schon beim Bau vor Jahrhunderten zum Einsatz kamen. Dabei wurden die energetischen Aspekte wie auch die Nachhaltigkeit nicht außer Acht gelassen.

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Ein echtes Schmuckstück: das Obere Tor heute. Foto: Heinz Fischer

2005 war das Projekt abgeschlossen. Im rechten Teil, von der Ortsmitte aus gesehen, wurde eine kleine, schmucke Wohneinheit eingerichtet, die auch sehr bald Mieter fand. Der linke Teil beherbergt nun Archivräume für die Gemeinde. Diese können auch für die örtlichen Vereine genutzt werden. So hat unter anderem der Musikverein hier ein Abteil in Anspruch genommen, wo alte Dokumente und dergleichen sicher verwahrt werden können.

Obere Tor hat zwei Eigentümer

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Das Obere Tor um 1960. Foto: Archiv

Das Obere Tor im Westen des Ortes Richtung Schwürbitz war dagegen schon immer in Privatbesitz. Es gab stets zwei Eigentümer, die sich die rechte und linke Hälfte teilten. Der vom Flecken aus gesehen linke Teil ist seit Ende des 19. Jahrhunderts im Besitz der Familie Flieger. Hier befand sich lange Zeit das Uhren- und Schmuckgeschäft „Uhren-Flieger“, später wurde es, bis heute, als Wohnung vermietet.

Auf der westlichen Seite erstreckt sich ein Anbau Richtung Gummel. Darin war lange Zeit, bis etwa 1965, das Elektrogeschäft von Anton Flieger, genannt „Radio-Flieger“. Rechts gab es bis in die 1980-er Jahre einen Tante-Emma–Laden der Familien Sünkel und Brunn. Hier konnte man alle Lebensmittel des täglichen Bedarfs einkaufen, ältere Bürger werden sich daran erinnern. Viele Artikel wie Zucker, Mehl oder Salz wurde offen verkauft und je nach Bedarf in Tüten (im fränkischen „Scharmützel“ genannt) abgefüllt. Auch stand immer ein Fass mit Salzheringen parat, das dem Laden einen unvergleichlichen Duft verlieh. Gegenwärtig wird dieser Teil des Torhauses vom derzeitigen Eigentümer von Grund auf saniert.

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Anton Flieger, Chef des Radiogeschäfts, mit seiner Gattin. Foto: red

Der Eingang zum Uhrengeschäft befand sich bis Ende des Zweiten Weltkrieges innerhalb vom Tor. Beim Einmarsch der US-Truppen im April 1945 wurde dieser Eingang kurzerhand von den GIs entfernt und die Straße etwas tiefer gelegt, damit die Panzer Platz für die Durchfahrt hatten. Danach kam der Eingang zum Laden an die Ostseite, wo er heute noch ist.

1974 wurden im Ort umfangreiche Straßenbaumaßnahmen durchgeführt. Das altehrwürdige Kopfsteinpflaster am Flecken musste einer Teerdecke weichen und im Zuge dieser Arbeiten wurde die Straße unter dem Oberen Tor abgesenkt, so dass eine Durchfahrtshöhe von vier Metern gewährleistet war. Nach damaliger Sicht sicher ein innovativer und zukunftsträchtiger Plan, heute sieht man das etwas anders.

Jetzt rollt der Verkehr hindurch

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Das historische Bild zeigt Uhrmacher Hanni Flieger. Foto: red

Wäre die Durchfahrt noch in der alten Höhe von circa 3,60 Meter, der Schwerlastverkehr wäre kein Thema. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Straße unter dem Tor im Besitz des Eigentümers ist, allerdings – natürlich - mit verbrieftem Durchfahrtrecht für den Verkehr. Heute weisen die Sandsteinmauern in der Durchfahrt beiderseits der Straße erhebliche Schäden auf, hervorgerufen durch den LKW-Verkehr und wohl auch durch überdimensionierte landwirtschaftlichen Geräten. Man denkt unweigerlich wieder mal zurück an die Zeit des Wegezolls …

Von Heinz Fischer

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