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WEIDHAUSEN

Gemeinde Weidhausen für lange Zeit im provisorischen Rathaus

Gemeinde Weidhausen für lange Zeit im provisorischen Rathaus
„Die Stromkästen und alle Leitungen im Rathaus sind Jahrzehnte alt“, so Bürgermeister Markus Mönch. Foto: Mathias Mathes

„Dass die Situation nicht gut ist, war uns allen klar. Aber dass es so schlimm steht, hat dann doch keiner gedacht.“ Der Bürgermeister der Gemeinde Weidhausen, Markus Mönch, spricht von einem Ereignis, das es nicht alle Tage gibt: Nach einer Kontrolle vor Ort erklärte die Gewerbeaufsicht das Rathaus als Arbeitsstätte für untauglich. Und zwar von jetzt auf gleich.

Gemeinde Weidhausen für lange Zeit im provisorischen Rathaus
Alles so schön neu hier. Die Gemeindeverwaltung hat sich bereits im Ausweichquartier, dem früheren Wilca-Bürogebäude, eingerichtet. Foto: Mathias Mathes

„Das war schon ein Schock“, sagt der Bürgermeister. Mönch war schon vor seiner Zeit als Rathauschef in der Gemeindeverwaltung tätig. Seit mehr als 25 Jahren habe er in dem Gebäude, das früher einmal die Schule von Weidhausen war, seinen Arbeitsplatz. Andere aus dem Team der Verwaltung kämen schon seit über 40 Jahren zum Arbeiten in das betagte Rathaus. „Und plötzlich darf keiner mehr rein.“ Diese Nachricht hätten alle erst einmal verdauen müssen, so Markus Mönch.

„Auch im Gewerbeaufsichtsamt liest man Zeitung.“
Bürgermeister Markus Mönch zur sofortigen Rathaus-Schließung

Eine Sanierung des Rathauses oder ein Neubau sind in Weidhausen schon seit einiger Zeit in der Diskussion. Vor den Kommunalwahlen im Jahr 2020 herrschte im Gemeinderat keineswegs Einigkeit über das weitere Vorgehen. Jetzt müssen alle Fraktionen erkennen, dass zwingender Handlungsbedarf besteht.

Gemeinde Weidhausen für lange Zeit im provisorischen Rathaus
Bürgermeister Markus Mönch ist sich bewusst, dass die Stromleitungen im Rathaus stark veraltet sind. Foto: Mathias Mathes

Und das kam so: Vor wenigen Wochen hatte der Bürgermeister den schlechten Zustand des Rathauses im Gemeinderat zum Thema gemacht. Ein Sachverständiger zeigte eine ganze Reihe baulicher Mängel auf. Mönch wollte einen Brandschutzexperten kommen lassen, der das Gebäude unter die Lupe nehmen sollte. Der war auf die Schnelle aber nicht zu bekommen.

Es geht um den Schutz der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen

Es folgten Medienberichte über die prekäre Situation. „Auch im Gewerbeaufsichtsamt liest man Zeitung“, weiß der Bürgermeister mittlerweile. Die Behörde war durch die Berichterstattung auf das Rathaus aufmerksam geworden. Sie prüfte nicht die bauliche Substanz. Vielmehr ging es um den Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Gemeinde Weidhausen für lange Zeit im provisorischen Rathaus
Auch der Zugang zum Keller befindet sich nicht gerade im besten Zustand. Foto: Mathias Mathes

Das Ergebnis: „Die Beschäftigung von Personen im Ämtergebäude Rathaus Weidhausen ist mit sofortiger Wirkung einzustellen“, wie es in dem Bescheid heißt, der dem Bürgermeister kurz nach dem Kontrollgang auf den Tisch flatterte. Einsturz- und Brandgefahr sowie das Risiko eines elektrischen Schlages seien eine unmittelbare Bedrohung für Leben und Gesundheit der Beschäftigten.

Verkabelung teils fast 50 Jahre alt

„Die Verkabelung ist sehr alt“, räumt Markus Mönch ein. Sie stamme großenteils aus den 1960-er und 1970-er Jahren. Das gewichtige Gemeindearchiv im Dachgeschoss sei nicht förderlich für die Statik des Gebäudes. Und gute Flucht- und Rettungswege im Brandfall gebe es in dem verwinkelten Haus nicht wirklich. So blieb dem Bürgermeister nur, allen Beschäftigungen zu verkünden, dass sie sofort ihren Arbeitsplatz räumen müssen. „Wir mussten sehr viel lernen“, sagt Mönch aus heutiger Sicht. Es reiche eben nicht, wenn alles schön gestrichen und der Teppichboden sauber ist.

Gemeinde Weidhausen für lange Zeit im provisorischen Rathaus
Bei Stromschlag Lebensgefahr: Eine Verbindung zur Straßenbeleuchtung befindet sich ungeschützt in einem Büro. Foto: Mathias Mathes

Die Gemeinde hat Glück im Unglück. Kurzfristig konnte ein Ausweichquartier gefunden werden. Das seit 2007 ungenutzte Bürogebäude des ehemaligen Polstermöbelherstellers Wilca ist nur wenige hundert Meter vom Rathaus entfernt. Büroeinrichtung ist ebenso vorhanden wie ein Stromnetz, dessen Güte die Verkabelung im Rathaus noch älter aussehen lässt, als sie es ohnehin schon ist.

„Es war ein beispielloser Akt des Zusammenhalts.“
Bürgermeister Markus Mönch zum Blitzumzug ins Wilca-Gebäude

Inzwischen hat sich die Verwaltung eingerichtet. Alles habe schnell gehen müssen und sei auch schnell gegangen, sagt der Bürgermeister. Seinem Team könne er für den Einsatz nur dankbar sein. „Es war ein beispielloser Akt des Zusammenhalts“, betont er. Und: „Ab 10. Mai sind wir wieder voll einsatzfähig.“

Und das alte Rathaus? Voraussichtlich Ende Juni werde sich der Gemeinderat damit befassen, wie es in Sachen Rathaus weitergehen soll, so Mönch. Angesichts des ziemlich schlechten Zustandes des Gebäudes, stellt sich dem Gemeinderat eine grundsätzliche Frage: Soll nicht gleich ein Neubau her? Dazu stünde sogar ein Grundstück zur Verfügung. Direkt gegenüber dem Rathaus hat die Gemeinde eine ausreichend große Wiese erworben.

Umgestaltung zu einem „Bürgerhaus“ im Gespräch

Was das alte Rathaus betrifft, ist die Umgestaltung zu einem „Bürgerhaus“ im Gespräch. In einer solchen Einrichtung könnten zum Beispiel die VHS oder Sozialverbände ein Zuhause finden. Für den Bürgermeister geht die Tendenz Richtung Neubau. Eine Sanierung komme nicht viel günstiger als die Neubaukosten, die nach einer ersten Schätzung bei rund 1,5 Millionen Euro lägen.

Unterdessen stellen sich Bürgermeister und Verwaltung auf einen längeren Aufenthalt im provisorischen Rathaus ein. Die Baufirmen seien auf absehbare Zeit ziemlich ausgelastet. Zudem müssten erst politische Entscheidungen getroffen und Pläne gemacht werden. „Ich glaube nicht, dass vor dem Frühjahr 2023 baulich was geht“, sagt Mönch.

Von Mathias Mathes

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