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HOCHSTADT

Direktvermarktung in der Region Obermain-Jura stärken

Direktvermarktung in der Region Obermain-Jura stärken
Michael Stromer, Leiter der Umweltstation Weismain und Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege, plädierte dafür, das verbreitete Einkaufsverhalten der Menschen während der Corona-Krise als Chance zu sehen: mehr Engagement für regionale Produkte und ihre Vermarktung. Foto: Corinna Tübel

Es ist ein Trend der Corona-Krise: verstärkt vor Ort einkaufen. „Dieser Wunsch, sich regional zu versorgen, ist noch mal gestiegen“, berichtet Michael Stromer, Leiter der Umweltstation Weismain und Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege. Die regionale Produktion und Vermarktung dieser Lebensmittel, insbesondere von Obst und Gemüse, ist ein Ziel der Öko-Modellregion Obermain-Jura, die am Dienstagabend zum Infoabend vor der Katzogelhalle in Hochstadt am Main eingeladen hatte.

Unter den rund 30 Teilnehmern befinden sich neben Fachkundigen aus den Bereichen Landwirtschaft und Garten auch viele neugierige Laien.

Im Vorfeld hatten Projektmanagerin Bianca Faber und ihr Team eine Umfrage unter den heimischen Landwirten gestartet und viel Interesse an einem Einstieg in den Gemüseanbau eruiert – unter bestimmten Bedingungen.

Solidarische Landwirtschaft: Ernteteilung

Wie diese aussehen könnten, stellt die Projektmanagerin anhand von verschiedenen Modellen aus benachbarten Landkreisen vor: Im Rahmen einer Solidarischen Landwirtschaft wird etwa auf einer Fläche Gemüse angebaut und die Ernte regelmäßig an die Mitglieder dieser Gemeinschaft aufgeteilt. Dafür unterstützen diese mit monatlichen Beiträgen den gesamten landwirtschaftlichen Betrieb.

„Durch die Wegeinsparung und Saisonalität vieler regionaler Produkte können diese sogar günstiger als herkömmliche Waren sein.“
Bianca Faber, Projektmanagerin Öko-Modellregion Obermain-Jura

Die Erzeuger könnten kleine Bio-Betriebe mit einem entsprechenden Zweig sein oder ein Zusammenschluss aus mehreren Einzelerzeugern oder Höfen oder ein Verein. Oder eine Genossenschaft beziehungsweise Kooperative stelle den Gärtner oder Landwirt an.

Die Frage von Anton Reinhardt, Kreisvorsitzender des Bunds Naturschutz Lichtenfels, ob ein Landwirt davon leben könne, ist berechtigt: Zunächst wäre dieses Modell wohl als Betriebszweig besser, so Bianca Faber. Jedoch bestehe natürlich immer Verhandlungsspielraum.

Selbsterntegarten: Wer lernt Laien fachlich an?

Auch die Idee des Selbsterntegartens, bei dem das Land in einzelne Parzellen aufgeteilt wird, macht das Publikum neugierig. Das Konzept könne beispielsweise einen gemeinsamen Jungpflanzenkauf, Arbeitsteilung und gegenseitiges Voneinander-Lernen beinhalten. Auch hier jedoch stellten sich Fragen: „Wer lernt die fachlich an?“ und „Wer sorgt etwa für die Grundvorbereitung des Bodens?“

Direktvermarktung in der Region Obermain-Jura stärken
Andreas Kremer, Nebenerwerbslandwirt und künftiger Bio-Bauer, kann bereits auf ein Erfolgsprojekt mit der Öko-Modellregion Obermain-Jura zurückblicken und zeigt sich den neuen Modellen gegenüber aufgeschlossen. Foto: Corinna Tübel

Direktvermarktungsmodell Abo-Kiste mit Obst und/oder Gemüse

Die Abo-Kiste mit Obst und/oder Gemüse, mittlerweile ein beliebtes Direktvermarktungsmodell, war vielen bekannt. Miriam Gehringer, eine der Initiatorinnen für den geplanten Dorfladen in Marktzeuln, findet diese sowie die weiteren Ideen gut: „Sie sind realistisch und am Puls der Zeit.“

Ihrer Ansicht nach haben regionale Produkte nur gute Seiten: „für die Umwelt, für die heimischen Betriebe, für eine gesunde Ernährung.“ Bianca Faber führt weiter aus, dass mit dem Kauf regionaler Produkte die Region und ihre Struktur, ihre Systeme und die Menschen dahinter unterstützt werden. Außerdem seien die Transportwege kürzer und klimaneutraler, die Transparenz besser.

„Und das heißt nicht: Regional ist immer teurer: Durch die Wegeinsparung und Saisonalität vieler regionaler Produkte können diese sogar günstiger als herkömmliche Waren sein.“

Direktvermarktung in der Region Obermain-Jura stärken
Stefan Schnapp, mit der Milchtankstelle in Hochstadt am Main als einer von vielen Direktvermarktern im Landkreis, befürwortet die Ideen – weiß aber um die Komplexität und das benötigte Fachwissen bei Gemüseanbau. Foto: Corinna Tübel

Ein geeignetes Grundstück für eine dieser oder noch kommender Ideen stünde bereit: Bernd Kraus aus Wolfsloch würde einen Teil seiner Felder für den Gemüseanbau zur Verfügung stellen. Dennoch betont Michael Stromer: „Wir haben heute keinen Königsweg vorbereitet und erwarten kein festes Ergebnis heute.“ Doch der Grundstein ist gelegt: Viele Neugierige füllen am Ende des Abends eine Interessensbekundung für die ein oder andere Idee aus – als Anbauer, Abnehmer oder Ernteteiler. Aus diesen könnte ein neuer Arbeitskreis gebildet werden.

Idealismus statt Perfektionismus und Zertifizierung

„Wir sollten die Corona-Krise nutzen, an unserem Verhalten etwas zu ändern“, vertritt auch Anton Reinhardt und befürwortet die vorgestellten Modelle: „Solche regionalen Strukturen helfen einander. Man ist nicht mehr Konkurrent, sondern Unterstützer und hilft sich gegenseitig. Wir wollen es im Kleinen anpacken und uns mit dem, was hier geschieht, identifizieren.“ Dabei müsse nicht gleich alles perfekt sein, plädiert er. „Wenn ich weiß, wer etwas bewirtschaftet und wie, brauche ich nicht gleich eine Zertifizierung.“ Dabei spricht er das schwierige Thema der Zertifizierung zum Bio-Betrieb an, für deren Zurückhaltung oft finanzielle Mittel oder mangelnde betriebliche Voraussetzungen trotz entsprechender Qualität verantwortlich sind. Auch Stefan Schnapp, der zusammen mit seinem Vater Inhaber der Milchtankstelle in Hochstadt am Main ist, findet die vorgestellten Ideen gut, deren Umsetzung jedoch schwierig: „Mit dem Anbau von Gemüse muss man sich gut auskennen, es gibt zum Beispiel viele Krankheiten, auf die man dann reagieren muss.“ Er selbst baut bislang Getreide an – zusätzlich zur Direktvermarktung der Milch: „Wir wollten damals unabhängiger von den Milchhöfen werden und die Milchpreise ein Stück weit selbst bestimmen. Es läuft sehr gut!“ Als einer von rund 50 Direktvermarktern sowie einer von sechs Automatenverkaufsstellenleitern in der Region Obermain-Jura setzt er auf regionale Qualität.

Neue Kulturformen auf Acker zwischen Roth und Thelitz

Direktvermarktung in der Region Obermain-Jura stärken
Das Bekenntnis zu regionalem Gemüse bedeutet vor allem eine Stärkung der Region und ihrer Struktur, ihrer Systeme und den Menschen dahinter. Foto: Corinna Tübel

Die Öko-Modellregion Obermain-Jura kann bereits auf viele Erfolgsprojekte zurückblicken: Mit Andreas Kremer aus Roth etwa gibt es einen Nebenerwerbslandwirt und künftigen Bio-Bauer, der für einen Feldversuch seinen Acker zwischen Roth und Thelitz zur Verfügung gestellt hatte. Mit dem Anbau neuer Kulturformen wie Hafer, verschiedenen Linsen und Ackerbohnen leistet er einen wertvollen Beitrag zum Ausbau des ökologischen Landbaus.

„Die Linsen sind gut gewachsen, werden nun gereinigt und abgepackt – in Kronach, also auch in der Region,“ verrät er. Bald könnten sie auch in ausgewählten regionalen Supermärkten erhältlich sein. Den am Dienstag vorgestellten Ideen gegenüber zeigt er sich aufgeschlossen und neugierig.

Interessierte können diese Veranstaltung nochmals am Dienstag, 1. September, um 18 Uhr in der kleinen Stadthalle besuchen. Um kurze formlose Anmeldung wird gebeten bei: Projektmanagerin Bianca Faber,

Landratsamt Lichtenfels, Kronacher Straße 32, 96215 Lichtenfels, E-mail.-Adresse bianca.faber@landkreis-lichtenfels.de, Tel. 0173-3178470. Weitere Information gibt es unter www.oekomodellregionen.bayern.

 

Von Corinna Tübel

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