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MARKTZEULN

Die guten Geister von Marktzeuln

Anni Rüttger bei der Arbeit an der Verkehrsinsel im Wohngebiet. Foto: Heinz Fischer

Nach einer mündlichen Überlieferung wurde um 1850 von der Marktzeulner Landwirtschaftsfamilie Fleischmann (Hausname „Ziegler“) auf eigenem Grund, der später in Gemeindeeigentum überging, eine Kapelle errichtet. Das kleine Gotteshaus steht nahe dem Graitzer Spitzberg am Weg nach Marktgraitz auf 365 Metern Höhe.

Das von vielen Spaziergängern und Wanderern gern besuchte Kleinod wurde in der Nachkriegszeit bis 1984 vom Marktzeulner Bürger Georg „Schorsch“ Ahles gepflegt. Im Jahr 1984 übernahm die Pflege dessen Sohn Rudi Ahles. Der Rudi, der heute auch schon 82 Lenze zählt, kümmert sich seither liebevoll um das „Zeulner Käppela“.

Zerstörungswut und Vandalismus hinterließen unschöne Spuren

Es war nicht immer ganz einfach. Zerstörungswut und Vandalismus blieben nicht aus und hinterließen ihre Spuren. So wurde die Kapelle 1993 von der Marktgemeinde und mit Hilfe von Rudi Ahles und vielen weiteren Zeulnern von Grund auf renoviert. Bis zu seinem Ruhestand kümmerte sich Rudi Ahles nebenbei um das Gotteshaus, nach der Arbeit, früher als Korbmacher, später im großen Versandhaus. Außerdem, nicht zu vergessen, führte er über Jahrzehnte den Liederkranz Marktzeuln als musikalischer Leiter und Dirigent.

Das Zeulner „Käppela“ am Spitzberg, von Rudi Ahles gepflegt und instand gehalten. Foto: Heinz Fischer

2006 wurde das Bauwerk trocken gelegt und innen komplett renoviert. Auch dies war das Werk von Rudi Ahles. Zwei mächtige Lindenbäume, die die Kapelle einsäumten, wurden wohl schon um 1856 gepflanzt. Einer davon viel 2007 dem Sturm „Kyrill“ zum Opfer. Auf Initiative des „Vereins der Freunde des historischen Marktzeuln“ wurde eine neue Linde gepflanzt, diese wurde auch von dem Verein gestiftet.

„Ich mache hier weiter, solange Gott es will.“
Rudi Ahles kümmert sich ums „Zeulner Käppella“

Mehrmals in der Woche ist Rudi oben auf dem Berg anzutreffen. Sauber machen, abgebrannte Kerzen und verblühte Blumen entfernen, es gibt immer was zu tun. Je nach Jahreszeit schmückt er das Kleinod, mit Forsythien und Osterglocken im Frühling, Kornblumen und Rosen im Sommer, Sonnenblumen und Astern im Herbst. Im Winter zieren dann Tannengrün, Strohsterne und eine kleine Krippe den Altar im Innenraum. In Bilderrahmen an der Wand können Besucherinnen und Besucher von ihm selbst verfasste Gedichte und Sinnsprüche lesen.

Rudi Ahles schmückt „seine“ Kapelle herbstlich. Foto: Heinz Fischer

„Ich verwende nur Blumenschmuck aus der Natur, die Wiesen und Wälder rund um den Spitzberg bieten alles, was ich brauche“, sagt das Zeulner Urgestein. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht: „Ich mache hier weiter, solange Gott es will.“ Auf die Frage, wer denn diese Arbeit einmal als Nachfolger machen könnte, zeigt er sich zuversichtlich. Er habe schon Leute im Auge, die sich wie er in den Dienst dieser schönen Sache stellen würden.

Die Gemeinde und sicher auch alle Besucherinnen und Besucher dieser Stätte sind für diesen uneigennützigen und freiwilligen Einsatz sehr dankbar. Nur so kann das Kleinod am östlichen Ausläufer des Spitzbergs der Nachwelt erhalten werden.

Schon lange waren ihr die Blumenbeete ein Dorn im Auge

Soweit zum Rudi Ahles. Es gibt aber noch einen „guten Geist“, über den heute berichtet werden soll. Scheinbar war es ein Jahrgang, dem die Wohltätigkeit in die Wiege gelegt war. Anni Rüttger, geborene Fleischmann, hat wie Rudi Ahles 1939 das Licht der Marktzeulner Welt erblickt. Als versierte Hobbygärtnerin und aktives Mitglied im leider nicht mehr existenten Obst- und Gartenbauverein missfielen ihr die gemeindeeigenen Blumenbeete am Treppenaufgang zur Kirche. Scheinbar ließ man diesen nur mäßige Pflege angedeihen. Täglich, bei ihrem Gang von und zur Arbeit als Arzthelferin musste sie sich das Elend ansehen.

Die Blumenbeete an der Kirche werden von Anni Rüttger gepflegt. Foto: Heinz Fischer

1999, als die Anni in den wohlverdienten Ruhestand ging, nahm sie die Sache selbst in die Hand. Mit Unterstützung ihres Gatten Manfred wurden in kurzer Zeit aus den beiden Grünflächen zwei schmucke, bunte Blumenbeete, mit Stauden, Schmetterlingsflieder und Bodendeckern. Seitdem sieht man die „Becklehners-Anni“, wie sie bei den Zeulnern heißt, alle paar Tage vor Ort, sie pflanzt, schneidet, hackt und jätet je nach Jahreszeit. Bunte Blütenpracht in Frühjahr, Sommer und Herbst belohnt ihre Arbeit.

„Alles Ableger und Sämereien aus dem eigenen Garten.“
Anni Rüttger über die Pflanzen in den von ihr gepflegten Grünanlagen

Aber nicht nur die Rabatten an der Kirche bearbeitet die Anni. Die Insel im Verkehrskreisel an der Kreuzung im Wohngebiet „Sandergarten West“ erfreut sich ebenfalls der Pflege der rüstigen und tatkräftigen Seniorin. Zunächst mehr oder weniger ihrem Schicksal überlassen, wurde das Beet auf der Verkehrsinsel später vom Obst- und Gartenbauverein bepflanzt. Als dies dann nicht mehr möglich war, kam Anni Rüttger ins Spiel. Kurzerhand wurde gerodet, geebnet und neu angepflanzt. Seitdem erstrahlt auch diese Verkehrsinsel in je nach Jahreszeit wechselnder Blumenpracht.

Viele Stunden in der Woche verbringt Anni Rüttger an den gemeindlichen Grünanlagen, freiwillig und unentgeltlich. Eine unersetzliche Unterstützung für den Bauhof der Marktgemeinde für eine willkommene Aufwertung des Ortsbildes. Wo hat sie die ganzen Blumen, Pflanzen und Stauden her? „Alles Ableger und Sämereien aus dem eigenen Garten“, erklärt sie nicht ohne Stolz.

Zeulner Bürger, stille Heldinnen und Helden aus dem Fachwerk-Ort. Die beiden sind nicht die einzigen dieser Art, aber davon soll noch berichtet werden.

Von Heinz Fischer

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