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REDWITZ

Bedeutende Stätte jüdischen Lebens

Thilo Hanft zeigt anhand einer Karte, wo sich ehemalige jüdische Häuser befunden haben. Foto: Thomas Micheel

Die CHW-Bezirksgruppe Redwitz und der Bürgerverein „Lebendiges Redwitz“ hatten im Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ in Zusammenarbeit mit der Gemeinde zu einer Ortsführung mit CHW-Bezirksgruppenleiter Thilo Hanft zu bedeutenden Stätten jüdischer Vergangenheit in Redwitz eingeladen.

Franken war eine bedeutende Stätte jüdischen Lebens und jüdischer Kultur. In Redwitz bestand seit dem 17. Jahrhundert bis ins Jahr 1921 eine relativ große jüdische Gemeinde, die die Entwicklung der Ortschaft maßgeblich prägte. Thilo Hanft beleuchtete dabei unter anderem die Geschichte des Anwesens Am Markt 5, das jetzige Bürgerhaus.

Nach der Begrüßung durch den CHW-Vorsitzenden Prof. Günter Dippold ließ Thilo Hanft wissen, dass die jüdische Bevölkerung von Redwitz rund 400 Jahre Tür an Tür mit den christlichen Einwohnern lebte. Ihre Häuser waren über die ganze Ortschaft verteilt. Das Haus Am Markt 5 kam schon bald in jüdischen Besitz. Spätestens 1659 erwarb das ehemalige kleinbäuerliche Anwesen der jüdische Handelsmann Gerson Levi. Der erlangte im Jahr 1668 ein Handelsprivileg für das „Coburgische“, das auf sechs Jahre befristet war. Das Anwesen ging noch vor 1696 an den Redwitz`schen Hausvogt und Schlossbauern Valentin Böhm über. Nach dessen Tod übernahm sein Sohn, der Bäcker Hans Böhm, das Anwesen. Grundstücke waren inzwischen veräußert.

Spätestens 1761 erwarb das Anwesen der jüdische Kaufmann Wolf Leser. Dieser verkaufte es später an den Ehemann seiner Cousine, den Handelsjuden Moyses Jakob. Bis zu seinem Tod war dieser Vorsteher der jüdischen Gemeinde Redwitz. In dieser Funktion wurde er vom Schlossherren mit dem Vorsängerhaus und der 1741 errichteten Synagoge belehnt. Nach seinem Tod im September 1789 ging das Anwesen an dessen Sohn Jakob Moyses über. 1817 verkaufte Jakob Moyses dieses an den Kaufmann Koppel Gütermann für 600 Gulden. Koppel Gütermann war der älteste Sohn des Tuchhändlers und Kaufmanns Samuel Marx Gütermann.

An der Schautafel zeigt Hanft jüdisches Leben in Redwitz auf. Foto: Thomas Micheel

Am Marktplatz baute der Kaufmann sein Handelsgeschäft auf

Hier am Marktplatz baute der angesehene Kaufmann Koppel Gütermann sein eigenes Handelsgeschäft auf und heiratete 1826 seine zehn Jahre jüngere Cousine Mina Brüll aus Seubelsdorf. Deren 1828 geborene Sohn, Max Gütermann, gründete 1867 in Gutach/Baden die Nähseidenfabrik Gütermann & Co, welche Weltruhm erlangte.

Nach den 1820 angelegten Judenmatrikeln war Samuel Marx Gütermann der reichste jüdische Einwohner in Redwitz. Sein Haupterwerbszweig war der Großhandel mit Textilien. Von 1811 bis 1849 sind die Gütermanns als Eigentümer des Redwitzer Zehnten nachzuweisen.

Die bestimmende wirtschaftliche Kraft in Redwitz

Die jüdische Gemeinde, im Jahr 1832 auf 45 Familienvorstände angewachsen, war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die bestimmende wirtschaftliche Kraft in Redwitz. Auch die Dorfgemeinde selbst profitierte vom wirtschaftlichen Aufschwung ihrer Bevölkerung.

1835 lehnte jedoch die Königliche Kreisregierung in Bayreuth das Gesuch der Gemeinde Redwitz, das Dorf zu einem Markt zu erheben, ab. So blieb es bei den beiden Märkten zur Kirchweih und zur „Kalten Kirchweih“.

Der neugeschaffene große Marktplatz inspirierte 1836 sicherlich auch den jüdischen Metzgermeister Alexander Lust sein Neubauvorhaben (Am Markt 10) gerade hier auszuführen. Bereits 1832 errichtete der Hopfenhändler Jakob Kann sein stattliches Wohn- und Handelshaus, das heutige Anwesen Kronacher Str. 6. 1836 errichtete auch Samuel Marx Gütermann ein neues Geschäftshaus, das heutige Anwesen Hauptstraße 36.

Der Aufruhr im März 1848

1847/48 erregten die als unzeitgemäß empfundenen Herrschaftsrechte des Adels zunehmend Unmut. Der Aufruhr im März 1848 richtete sich gegen die Adeligen, deren Beamte und die Juden. Letztlich wurden in der Nacht vom 12. auf den 13. März neben Schloss, Jägerhaus und Amtshaus auch 25 jüdische Gebäude beschädigt bzw. ausgeraubt. Die Mehrzahl der jüdischen Kaufleute sahen nun auf Grund der Ereignisse ihre Zukunft nicht mehr in Redwitz.

Koppel Marx Gütermann, bereits in Bamberg wohnend, verkaufte 1851 das Anwesen Am Markt 5 an den Sohn seiner Cousine, den Redwitzer Korbhändler Samuel Zinn. 1866 hatte er dieses komplett zur Korbwarenfabrik umgebaut. Bestand das Anwesen bis zu diesem Zeitpunkt noch aus drei verschiedenen Gebäuden (Wohnhaus, Scheune, Schuppen), so wurden diese nun unter einem großen Dach vereint und ausgebaut. Durch diesen Umbau erhielt das Gebäude das äußere Erscheinungsbild, wie es bis 2017 bekannt war. 1867 verlegte Samuel Zinn seinen Firmensitz ins aufstrebende Korbhandelszentrum Lichtenfels. Das Haus Am Markt 5 übernahm am 8.1.1877 der Korbhändler Emanuel Gutmann. So verblieb die Korbwarenmanufaktur Emanuel Gutmann als letztes jüdisches Korbhandelsgeschäft in Redwitz. Mit Ludwig Gutmann, Emanuel Gutmanns ersten Sohn aus zweiter Ehe, verstarb am 2. August 1936 der letzte Redwitzer Einwohner jüdischen Glaubens. Seine Beisetzung fand, als eine der letzten fünf, auf dem Ebnether Judenfriedhof statt.

 

Von Thomas Micheel

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