HOCHSTADT

Serie „Main Garten“: Ein Naturgarten zum Wohlfühlen

Das Haus wurde 1922 gebaut – der Sandsteinsockel besteht aus Steinen des Klosters Langheim.

Gleich neben der Tankstelle steht ein schönes altes Haus mit einem Sockel, dessen Sandsteine vom Kloster Langheim stammen. Walmdach und Mittelrisalit sorgen für ein villenartiges Aussehen. In drei Jahren wird das Prachtstück 100 Jahre alt. Die Linde daneben wurde nach dem Krieg gepflanzt, als 1946 der Garten neu angelegt wurde. Ein Prachtstück auch sie. „Sie ist wunderschön, auch im Winter, wenn man ihre Form sieht“, schwärmt Christa Glätzer, die Eigentümerin. 2006 wurde die Linde zum Naturdenkmal erklärt, wegen ihrer „hervorragenden Schönheit und besonderen Bedeutung für das Ortsbild“, wie es in der Begründung heißt.

Klaus Glätzer hatte damals den Antrag bei der Unteren Naturschutzbehörde gestellt. Der Garten war seine Leidenschaft. Natürlich ging er auch zur Gründungsversammlung der Hochstadter Garten- und Blumenfreunde – und kam als Vorsitzender zurück. Er blieb 37 Jahre im Amt.

2003 beteiligten sich die Glätzers dann auch am „Tag der offenen Gartentür“. Auf ihrem 2800 Quadratmeter großen Grundstück ist Platz für viele Besucher. „Das ist ein Naturgarten, in dem sich jeder wohlfühlen soll“, erklärt Christa Glätzer. „Hier feiert auch jeder gerne. Der Garten ist ja groß genug.“ Sie kramt den Flyer von damals heraus, in dem der naturnahe Garten mit seinem großen alten Baumbestand gewürdigt wird. „Das war sehr schön damals“, erinnert sie sich und lächelt, wenn sie an die überraschten Gäste denkt. „Mancher, der noch nie da war, kann nicht glauben, dass hier hinten so ein Garten ist.“

Es war das Reich ihres Mannes, er hat das Gemüse gepflegt, die Rosen geschnitten, rund ums Haus den Rasen gemäht. Aber 2012 ist er ganz plötzlich gestorben. „Wenn ich den Garten nicht gehabt hätte, ich hätte nicht gewusst, wohin mit meiner Trauer“, sagt Christa Glätzer. Sie schüttelt lächelnd den Kopf. „Ich hab früher oft zum Klaus gesagt: Du bist stundenlang im Garten. Woran denkst du denn da? Da hat er lachen müssen: Ich denk an nichts, hat er gesagt. Jetzt geht's mir genauso. Und das tut mir so gut.“

Der gepflasterte Hausplatz auf der von der Straße abgewandten Seite wird von rot, rosa, orange, lila und gelb blühenden Zinnien, Dahlien und Ringelblumen gesäumt. Und von einer alten Korkenzieher-Haselnuss, unter der ein Pumpbrunnen steht. Statt des Schwengels holt eine elektrische Pumpe das Wasser hoch. Der Pegel ist auf einer Höhe mit dem Main. Normalerweise reicht das. Aber aufgrund der langen Trockenheit führte nicht nur der Fluss heuer weniger Wasser, auch der Grundwasserspiegel sank. Christa Glätzer musste mit Leitungswasser nachhelfen.

„Mancher, der noch nie da war, kann nicht glauben, dass hier hinten so ein Garten ist.“
Christa Glätzer

Die große Wiese, die sich nach hinten anschließt, hat sie nicht gegossen, das empfände sie als Verschwendung. Dass das Gras grün ist, hat andere Gründe: Bis auf einen Streifen rund ums Haus wird das Gelände nur zwei Mal im Jahr gemäht. So entsteht eine Blumenwiese mit Margeriten, Mohn, Soldatenknöpfen, Kornblumen und einer ganzen Menge Kräuter. Im Sommer vertrocknete das alles, blieb liegen und schützte die Schicht darunter vor der Sonne. Gerahmt wird der Garten von alten Bäumen: Fichten, Akazien, eine Walnuss, ein Apfel- und ein Zwetschgenbaum und eine Lärche. Zwei Fichten sind vor zwei Jahren einem Sturm zum Opfer gefallen. An der frei gewordenen Stelle hat die Gärtnerin nichts gepflanzt, sondern zugesehen, wie die Natur sie sich zurückerobert hat. Jetzt freut sie sich, wenn hier im Frühling das Schöllkraut über und über blüht.

Unter den Bäumen lässt die Hochstadterin Blätter und Reisig einfach liegen, für die Tiere. Unter dem auf Paletten aufgeschichteten Ofenholz fühlen sich Igel wohl, im Steinhaufen Eidechsen. Heuer hat Christa Glätzer hier sogar Salamander entdeckt. Außerdem leben im Garten ein braunes und ein schwarzes Eichhörnchen, eine Nachtigall und viele Spechte. Erstmals war dieses Jahr ein Eichelhäher zu Besuch und ein Fasan: „Aber der hat sich verflogen“, ist sich Christa Glätzer sicher. Am Abend kommen die Fledermäuse heraus, die einen eigenen Kasten im Garten haben. Vielleicht hausen sie auch im Schuppen dahinter, das weiß die Seniorin nicht so genau.

Hitze sorgt für große Beeren

An den Schuppen schließen sich die Beete an, in denen sie alle möglichen Salate, Rucola, Kräuter, Bohnen, Kohlrabi, Sellerie, Lauch, Zwiebeln und Tomaten zieht. Nicht mehr so viel wie früher, aber doch genug, dass es auch für ihre Kinder und Enkel reicht, für die sie gerne kocht. Dazu ihre Beerensträucher: „Ich hab' noch nie so große Johannisbeeren gehabt wie heuer“, schwärmt Christa Glätzer. Und zehn Gläser Stachelbeeren hat sie eingeweckt, die Ausbeute nur eines Bäumchens. Marmelade und Gelee genug, dass sie nicht von ihrer Gewohnheit abweichen muss: „Ich hab noch nie ein Glas Marmelade gekauft.“ So hatte die Hitze auch ihre Vorteile. Auch wenn die Sonne die Stauden verbrannt hat, die ihre Beete rahmten.

Genauso wie Frauenmantel, Storchenschnabel und Margeriten in der Rabatte im vorderen Teil des Gartens. Zwischen Buchs und Efeu glänzen dafür vier Orgelpfeifen, die sich die Glätzers gesichert haben, als die Kirche eine neue Orgel bekam. Nur glückliche Erinnerungen sind damit verbunden: Hochzeit, Taufen, Erstkommunion ... Zur Beerdigung ihres Mannes erklang bereits das neue Instrument. Und die alten Orgelpfeifen stehen in dem Garten, den seine Witwe als sein Vermächtnis ansieht und erhalten will: „Er soll so bleiben wie beim Klaus.“

Schön blüht noch Christa Glätzers Trompetenbaum an der Hauswand, der jetzt auch schon Schoten ausgebildet hat.
Der Brunnen reicht tief: Das Grundwasser findet sich auf derselben Höhe wie der Main. Heuer hat das nicht gereicht.
Serie „Main Garten“: Ein Naturgarten zum Wohlfühlen
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