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LICHTENFELS / BAD STAFFELSTEIN

Ärger über Schülerbeförderung im Landkreis Lichtenfels

So sieht im Jahr 2019 die Schülerbeförderung im Landkreis Lichtenfels aus. Um 13 Uhr setzt sich ein fast leerer Stadtbus der Linie 1202 (re.) vom Bahnhof aus in Bewegung.Fotos: Steffen Huber

Für die beiden Söhne von Sigrid und Anthony Matthews war der Weg zur Viktor-von-Scheffel-Realschule in Bad Staffelstein bis Ende des vergangenen Schuljahres ziemlich einfach. Die beiden Jungs aus dem Lichtenfelser Stadtteil Seubelsdorf mussten am Morgen lediglich von ihrem Haus ein paar hundert Meter zur Bushaltestelle in der Bamberger Straße laufen und konnten von da mit der Buslinie 1212 bequem bis zur Realschule in der Nachbarstadt fahren.

Um kurz nach halb sieben startet der Bus

Dann trat zum 1. September die Fahrplanänderung für den Öffentlichen Personennahverkehr im Landkreis in Kraft. Seither gilt für die Jungs und 27 weitere Realschüler aus dem Lichtenfelser Stadtteil folgender morgendlicher Ablauf, erklärt von einer Fünftklässlerin (Name der Redaktion bekannt): „Wir fahren kurz nach halb sieben mit dem Bus der Linie 1202 zum Lichtenfelser Bahnhof, warten dann ewig, bis um 7.09 Uhr der Zug nach Bad Staffelstein fährt. Vom Bahnhof dort geht es dann entweder mit dem Bus oder zu Fuß zur Schule, wo um dreiviertel acht der Unterricht startet.“

Nur wenige Minuten nachdem der Bus weggefahren ist, rollen jede Menge Fahrzeuge auf dem Bahnhofsvorplatz ein.

Nach Schulschluss um 12.45 Uhr haben die Realschüler dann 14 Minuten Zeit, um die 1,2 Kilometer zum Bahnhof Bad Staffelstein zu kommen – per Bus oder zu Fuß. Dort fährt der Zug um 12.59 Uhr nach Lichtenfels, wo er um 13.04 Uhr eintrifft, so die Schülerin weiter. Dumm nur, dass der Anschlussbus der Linie 1202 nach Seubelsdorf bereits um 13 Uhr vom Bahnhof abgefahren ist. Nun haben die Schüler mehrere Möglichkeiten: Entweder sie werden von den Eltern vom Bahnhof abgeholt. Oder sie warten auf den nächsten Bus. Oder sie gehen zu Fuß nach Hause – für eine Fünftklässerin mit einem bis zu zehn Kilogramm schweren Schulranzen und einer Wegstrecke über fast zweieinhalb Kilometer eine durchaus sportliche Herausforderung.

Mehrkosten in Höhe von 200 Euro pro Schuljahr und Kind

„Bis zum vergangenen Schuljahr stiegen unsere Kinder um 12.50 Uhr bei der Realschule in den Bus der Linie 1212 ein und fuhren von dort nach Hause“, sagt Sigrid Matthews und schüttelt wegen der neuen Regelung verständnislos den Kopf. Sie habe bereits beim für den Nahverkehr zuständigen Mitarbeiter des Landratsamts angerufen und nachgefragt, ob die 29 Seubelsdorfer Realschüler weiterhin die Linie 1212 nutzen dürfen.

„Das bedeutet Mehrkosten von etwa 200 Euro pro Schüler – insgesamt also rund 6000 Euro – für den Landkreis, so die Antwort. Deswegen wurde unsere Anfrage abgelehnt“, ärgert sich die zweifache Mutter. Sigrid Matthews hatte sogar angeboten, die Differenz von 400 Euro für ihre Söhne zu zahlen. Doch dies war rechtlich nicht möglich, so die Antwort des Landratsamtes.

Trotz Krankheit: Landratsamt lehnt Busfahrt für Schülerin ab

Bei zwei Realschülern aus einer anderen Seubelsdorfer Familie kommen noch gesundheitliche Aspekte hinzu. Den Kindern wurde von Fachärzten eine Beeinträchtigung attestiert, die es ihnen nicht möglich macht, die Wegstrecke von ihrem Zuhause zum Bahnhof Lichtenfels beziehungsweise vom Bahnhof Bad Staffelstein zur Realschule zu laufen. „Wir haben deswegen beantragt, dass unsere Kinder wie bisher mit dem Bus zur Schule fahren dürfen“, so die Eltern.

Auch hier gab es einen ablehnenden Brief vom Landratsamt. Das Sachgebiet Gesundheit habe der für die Schülerbeförderung zuständigen Abteilung mitgeteilt, dass „entgegen dem fachärztlichen Attest aus amtsärztlicher Sicht die Voraussetzungen für die beantragte Beförderung der Schülerin mit dem Bus von Lichtenfels nach Bad Staffelstein nicht gegeben“ seien, heißt es in bestem Behördendeutsch in dem Schreiben.

„Der Amtsarzt hat unsere Kinder nicht untersucht, sondern nach Aktenlage entschieden.“

Betroffener Vater von zwei Realschülern

Um etwa 13.10 Uhr kommen Schüler aus dem Bahnhof auf den Vorplatz. Da kein Bus auf sie wartet, marschieren sie zu den eben mit ihren Autos eingetroffenen Eltern.

„Der Amtsarzt hat unsere Kinder nicht untersucht, sondern nach Aktenlage entschieden“, sagen Vater und Mutter. Was beide besonders ärgert: „Wir haben einen Brief des Landratsamtes aus dem Jahr 2016. In dem wurde eine dauerhafte Behinderung attestiert. Und nun wird dieses Attest ohne Untersuchung einfach aufgehoben.“ Verwunderung löst bei den Eltern auch ein Brief des Landratsamtes aus, in dem von einer Untersuchung eines ihrer Kinder durch den Amtsarzt die Rede ist. „Es gab aber keine Untersuchung“, versichert der Vater. Er zeigt sich ebenso enttäuscht von Landrat Christian Meißner: „Obwohl er über die Vorgänge informiert war, hat er sich nicht für das Anliegen unserer Kinder eingesetzt.“

Warum der Busfahrplan geändert wurde

Zu diesem Fall gab es vom Landratsamt keine Stellungnahme, als Grund wurde der Schutz der Persönlichkeitssphäre der Kinder genannt. Dagegen wiederholte die Landkreisbehörde die Gründe für die Fahrplanumstellung, die sie bereits gegenüber den betroffenen Eltern der 29 Kinder geäußert hatte.

Grundsätzlich sei es so, dass Schüler mit dem Bus befördert würden, wenn der Schulweg mehr als drei Kilometer betrage, heißt es in der Auskunft der Pressestelle. Da bisher der Fahrplan der Stadtbusse nicht auf den Fahrplan der Bahn abgestimmt gewesen sei, hätten die Seubelsdorfer Schüler mit einem Ticket des Verkehrsverbunds Großraum Nürnberg (VGN) der Tarifstufe 3 sowohl die Linie 1212 als auch die Bahn nutzen dürfen.

Um etwa 13.10 Uhr kommen Schüler aus dem Bahnhof auf den Vorplatz. Da kein Bus auf sie wartet, marschieren sie zu den eben mit ihren Autos eingetroffenen Eltern.

Wie das Landratsamt weiter mitteilt, gebe es wegen Fahrplanumstellungen und geänderter Bahn-Abfahrtszeiten ab diesem Schuljahr die Möglichkeit, mit dem Stadtbus zum Bahnhof zu fahren und anschließend den Zug zwischen Lichtenfels und Bad Staffelstein zu nutzen. Für diese Verbindung reiche ein VGN-Ticket der Tarifstufe 2, was 54 Euro im Monat koste. Zum Vergleich: Ein VGN-Ticket der Tarifstufe 3 kostet 71,80 Euro im Monat.

Eltern der 29 Kinder wurden im Juli informiert

Das Landratsamt betont, die Eltern der 29 Kinder im Juli informiert zu haben, dass sie künftig die ein VGN-Ticket der Tarifstufe 2 erhalten würden. Lediglich in einem Fall habe es einen Widerspruch gegeben, so die Behörde in ihrer Stellungnahme. In ihr wird ferner betont, dass bei der Schülerbeförderung die Grundsätze der Wirtschaftlichkeit zu beachten seien.

„Eine Übernahme der (höheren) Beförderungskosten gegenüber den (niedrigeren), dem Schülerbeförderungsrecht entsprechenden und damit wirtschaftlicheren Kosten würde eine freiwillige Leistung des Landkreises Lichtenfels darstellen, welche wirtschaftlich nicht vertretbar ist, zumal hierbei Bezugsfälle geschaffen werden würden“, heißt es vom Landratsamt.

Taktung zu eng für eine Fahrplanänderung

Die Landkreis-Behörde hat übrigens auch bei den für den Lichtenfelser Busverkehr zuständigen Stadtwerken angefragt, ob eine Änderung der Fahrtszeiten, speziell der Linie 1202 mit Abfahrt um 13 Uhr ab dem Bahnhof, möglich sei. Damit könnten die Realschüler, deren Zug aus Bad Staffelstein erst um 13.04 Uhr einfahre, den Bus noch nutzen. Allerdings musste dieses Anliegen abgelehnt werden, wie die zuständige Stadtwerke-Mitarbeiterin Elfriede Fischer erläutert: „Wir verstehen das Anliegen der Eltern, allerdings sind die Abfahrtszeiten unserer Busse so eng getaktet, dass wir keine Verschiebung um fünf Minuten vornehmen können.“

Die Eltern sind jedenfalls mit dem neuen Busfahrplan alles andere als glücklich. „Die einfachste Lösung wäre es, den Bus der Linie 1212 wie bisher zu nutzen. Und das sieht die Mehrheit Eltern der betroffenen Kinder ebenfalls so“, sagt Sigrid Matthews.

Von Steffen Huber

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