aktualisiert:

LICHTENFELS / VIERZEHNHEILIGEN

Zwei Nothelfer mit Hirsch in der Basilika Vierzehnheiligen

Auch der heilige Eustachius ist mit einem Hirsch abgebildet. Foto: Dr. Hertel

Es war einmal ein Pilger, der aus dem fernen Athen in das Rhônetal nach Frankreich kam und sich in der Nähe von Arles tief im Wald als Eremit niederließ. Diese Legende berichtet von Ägidius, der in seiner Höhle jeden Tag von einer Hirschkuh besucht wurde, die ihn mit ihrer Milch nährte. Am 1. September 720 verstarb er in Saint-Gilles. Das Grab des Einsiedlers, das man heute noch besichtigen kann, war im Mittelalter ein berühmter Wallfahrtsort. Saint-Gilles lag an der wichtigen Pilgerstraße nach Santiago de Compostela in Nordwest-Spanien und war einst Sammelstelle für Hunderttausende von Wallfahrern. Ägidius und Eustachius sind zwei der 14 Nothelfer in Vierzehnheiligen. Der Gedenktag von beiden ist im September, der von Ägidius ist am 1. September. Am Gnadenaltar wird er mit der aus der Legende bekannten Hirschkuh dargestellt.

Verehrung für Ägidius war im Mittelalter sehr groß

Die Verehrung für Ägidius war vor allem im Mittelalter überaus groß, nicht nur in Frankreich, sondern im gesamten deutschen Sprachraum. Von diesem Kult zeugen bis heute zahlreiche Ortsnamen wie Gillenberg, Gillersheim, Gilden, Gillersdorf oder St. Gilgen. Zu vielen dieser Orte existierten besonders im Mittelalter berühmte Wallfahrten, die Tausende von Gläubigen anzogen. An einigen Orten gibt es die Ägidius-Wallfahrten bis zum heutigen Tag; sie werden besonders von Bauern und Jägern besucht. Einer dieser noch existierenden Wallfahrtsorte ist Schildthurn im bayerischen Bistum Passau. Der heilige Ägidius ist Patron von Nürnberg, Osnabrück und Braunschweig.

Auch einen Ägidius-Brauch gibt es: Manche Bauern mischen ihrem Vieh am Ägidius-Tag geweihten Fenchel unter das Futter. In Pestzeiten verehrten die Gläubigen Ägidius auch als Pestpatron, man bat ihn um persönlichen Schutz vor der Krankheit und um das Ende der Epidemie. Heute wird er noch bei Trockenheit, Feuer und Sturm, um Beistand für eine gute Beichte und bei Verlassenheit angerufen. Der 1969 reformierte römische Kalender führt Ägidius nicht mehr auf.

Der heilige Eustachius soll gegen schädliche Insekten helfen

Auch der heilige Eustachius ist mit einem Hirsch abgebildet. Foto: Dr. Hertel

Auch der heilige Eustachius wird mit einem Hirsch abgebildet. Sein Gedenktag ist am 20. September. In der Legende wird berichtet, dass ihm eines Tages bei der Jagd ein Hirsch begegnete, der in seinem Geweih ein strahlenumwobenes Kruzifix trug. Vor Schreck fiel er von seinem Pferd. Gleichzeitig hörte er die Stimme Christi. Diese Erscheinung wiederholte sich mehrmals; auch seine Frau hörte die Stimme. Daraufhin ließ sich die gesamte Familie taufen. Der Heilige und seine Familienangehörigen sollen als Christen das Martyrium im Jahre 118 erlitten haben. Er ist der Patron von Paris. Angerufen wird der Nothelfer bei Trauerfällen und in schwierigen Lagen. Ebenso soll er gegen schädliche Insekten helfen. Wie Hubertus wird auch Eustachius als Schutzpatron der Jäger verehrt. Außerdem rufen ihn die Förster, Tuchhändler, Krämer und Klempner an. In einem Gebet an den heiligen Eustachius steht: „Hilf uns, die Natur zu verstehen und in ihr die Spuren des Schöpfers zu sehen.“

„Hilf uns, die Natur zu verstehen und in ihr die Spuren des Schöpfers zu sehen.“
Gebet an den heiligen Eustachius

Nicht nur die Nothelfer in der wunderschönen Basilika waren und sind für die Besucher von Bedeutung. Gerne nutzen sie die Gelegenheit für die heilige Beichte. In der Regel finden sie an jedem Samstag von 14 bis 16 Uhr in der Beichtkapelle des Klosters statt. Auch gibt es immer wieder zusätzliche Beichtgelegenheiten in der Basilika. Früher wurde diese von den katholischen Gottesdienstbesuchern auch deshalb genutzt, um nicht in der eigenen Pfarrei vor dem heimischen Pfarrer seine Schulden zu bekennen. So mancher spekulierte sogar darauf, dass im Beichtstuhl der schwerhörige Pater sitzen könnte, wie im Vers aus dem Mundartgedicht mit einem kleinen Schmunzeln berichtet wird. Keiner der sieben Franziskaner im Konvent ist heute schwerhörig. Nach der Säkularisation hat König Ludwig I. von Bayern 1839 die Franziskaner in das Gebäude geholt, das über 30 Jahre leer gestanden hatte. Vorher waren die Zisterzienser vom vier Kilometer entfernten Kloster Langheim am Gnadenort tätig gewesen. Doch das Zisterzienserkloster wurde 1803 verstaatlicht.

Kirchenführung jeden Dienstag um 14.30 Uhr

Seit Jahrhunderten haben Patres und Brüder die Wallfahrer und anderen Kirchenbesucher betreut: im Beichtstuhl, in Gesprächen, bei Gottesdiensten, bei Kirchenführungen, als Organisten, Mesner und Pförtner, als Köche und Gärtner. So empfängt seit Jahren Pater Heribert in der roten Stola mit den Namen der 14 Nothelfer regelmäßig die Pilger. An jedem Dienstag um 14.30 Uhr kann man an einer fachkundigen Kirchenführung der Franziskaner teilnehmen. Treffpunkt für den halbstündigen Rundgang ist der Gnadenaltar in der Basilika.

Vierzehnheiligen-Gedicht

ochdheiling

ge amoll

nein wäddshaus

und souch

dse dein vorre

di kering

gedd oo

neunheiling

wo dä

schwähörich

baade

imme

in den

beichdschull

ode

in

sälln?

Josef Motschmann

Von Andreas Motschmann

Weitere Artikel