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LICHTENFELS

Vision 2030: Die Schule als ein Lern- und Lebensraum

Vision 2030: Die Schule als ein Lern- und Lebensraum
Die Obere Schule in Kulmbach verfügt seit über zehn Jahren über eine gebundenen Ganztagsklasse und schafft mit der Verknüpfung von Unterricht und Freizeit mehr Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten.

In Frankreich gibt es sie schon seit über 100 Jahren. Auch in Finnland, Großbritannien oder Australien sind sie seit Jahrzehnten gang und gäbe: Ganztagsschulen. Bereits ab der ersten Klasse ist es für ABC-Schützen eine Selbstverständlichkeit, die Schule bis in den Nachmittag hinein zu besuchen.

Unterricht und Freizeitgestaltung sind eng miteinander verwoben. Auch in Deutschland gewinnt das Thema an Bedeutung: Nach der aktuellen Statistik für das Schuljahr 2016/2017 hat sich die Anzahl der am Ganztag teilnehmenden Schülerinnen und Schülern kontinuierlich erhöht. Bei Grundschulen lag der Anteil im Jahr 2016 bei 40 Prozent – eine Verzehnfachung seit der erstmaligen amtlichen Zählung der Kultusministerkonferenz im Jahr 2003.

Und in Lichtenfels? Mit der Herzog-Otto-Schule verfügt die Korbstadt bereits über eine gebundene Ganztagsschule im Mittelschulbereich. Ein entsprechendes Angebot für Grundschüler gibt es bislang nicht. Aber genau das soll sich ändern. Im Zuge der Vision 2030 ist der Bau einer neuen Grundschule vorgesehen, die von der 1. bis zur 4. Jahrgangsstufe sowohl Regel- als auch Ganztagsklassen enthalten soll.

„Damit können wir Eltern dabei unterstützen, Beruf und Familie besser zu vereinbaren“, erklärt Roland Christeiner, ehemaliger Leiter der Ivo-Hennemann-Volksschule. Er und Thomas Petrak, BRK-Kreisgeschäftsführer, leiten das Projektteam, das derzeit am Konzept der neuen Schule arbeitet. Auch für die Schüler ist das Modell mit Vorteilen verbunden, wie Thomas Petrak erläutert: „Mit dem Mehr an Zeit lässt sich eine ganz neue Lernkultur schaffen. So können Kinder individuell gefördert werden, und zwar unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Stärken und Interessen“.

Unterricht und Entspannung im Wechsel

Auch wenn sich das Lichtenfelser Projekt noch in der Anfangsphase befindet, steht jetzt schon fest, dass es sich um ein gebundenes Ganztagskonzept handeln wird. Das heißt der Unterricht folgt über den Tag verteilt einer vorgegebenen Struktur: Übungs- und Lernzeiten stehen im Wechsel mit sportlichen, musischen und künstlerischen Angeboten. Anders als beim offenen Konzept, wo nach dem klassischen Vormittagsunterricht ein freiwilliges Nachmittagsprogramm angeboten wird, ist bei der gebundenen Form der Aufenthalt in der Schule an mindestens vier Wochentagen mit täglich mindestens sieben Zeitstunden verpflichtend, ebenso wie die Teilnahme am Mittagessen.

In der Regel findet der Unterricht von Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und am Freitag bis 13 Uhr statt. Ein typischer Schultag könnte beispielsweise so aussehen, dass es um acht Uhr früh zunächst mit Musikunterricht losgeht. Danach wird ein Frühstück eingenommen und eine zwanzigminütige bewegte Pause eingelegt.

Im Anschluss heißt es Mathematik und Deutsch, bis erneut eine bewegte Pause stattfindet. Vor dem Mittagessen steht noch das Lernen in Gruppen mit Förderlehrern auf dem Programm. Die Zeit von zwölf bis zwei Uhr wird für ein gemeinsames Essen und Freispiel genutzt. Danach geht es zum Beispiel mit dem Leseclub weiter, bis das Fach Heimat- und Sachunterricht an der Reihe ist.

Abschließend besteht noch die Möglichkeit, an einem Sportprogramm wie Tischtennis, Karate oder Aerobic teilzunehmen, bevor der Unterricht schließlich um Viertel vor vier endet. Statt schriftlichen Hausaufgaben gibt es in der Regel betreute Übungseinheiten, die bereits während der Schule vorbereitet werden.

Erfahrungen aus Kulmbach und Coburg

In Oberfranken haben bereits zwei Dutzend Grundschulen gebundene Ganztagsklassen im Angebot. Eine davon ist die Obere Schule in Kulmbach, die das Konzept schon vor zehn Jahren als Modellversuch eingeführt hat. Wie Schulleiterin Daniela Naujoks erklärt, „ist der Bedarf an einer qualitativen pädagogischen Nachmittagsbetreuung definitiv da. Das können wir sehr gut im Rahmen der gebunden Ganztagsklasse umsetzen, da hier Lehrkräfte den Nachmittag gestalten und auch die Lernzeiten begleiten.“ Sie stellt aber auch fest, dass viele Eltern die geringe Flexibilität bei der gebundenen Form stört – schließlich müssen die Kinder von Montag bis Donnerstag bis 15.30 Uhr in der Schule sein. Das Konzept hat also sowohl seine Stärken als auch Schwächen. Für das kommende Schuljahr haben jedenfalls wieder ausreichend Eltern Interesse bekundet, so dass es abermals eine erste Klasse in gebundener Form an der Oberen Schule geben wird.

Ähnlich verhält es sich an der Melchior-Franck-Grundschule in Coburg. Als großen Vorteil nennt Rektorin Susanne Thaler den Faktor Zeit: „Der gebundene Ganztag gibt den Kindern einfach mehr Möglichkeiten, weil sie länger in der Schule sind. Das heißt zum Beispiel, dass Projekte in Bereichen wie gesunde Ernährung angeboten werden können, was sich beim Regelzug schwieriger umsetzen lässt, da nicht ausreichend Zeit dafür da ist.“ Ob das Konzept für ein Kind das Richtige ist, hängt für Susanne Thaler auch davon ab, wie das jeweilige Familienmodell aussieht und sollte stets individuell von den Eltern entschieden werden.

„Es ist wichtig, dass man die Eltern im Vorfeld ausreichend informiert und am allerwichtigsten ist natürlich, dass sich das Kind dann auch wohl fühlt“. Bislang wird – wie auch in Kulmbach – der Bedarf an der Coburger Grundschule optimal abgedeckt. Die Entscheidungen für Ganztag und Regelklassen halten sich erfreulicherweise stets die Waage.

Umsetzung soll bis 2025 erfolgen

In Lichtenfels soll es 2025 soweit sein. Bis dahin sind noch viele Aspekte zu durchdenken und offene Fragen zu klären. Das betrifft vor allem den Standort. Eine gute verkehrstechnische Anbindung sollte ebenso gegeben sein wie eine passende Infrastruktur vor Ort, beispielsweise für sportliche Aktivitäten. Auch über mögliche Kooperationspartner muss im Detail noch nachgedacht werden – das gilt für die Mittagsbetreuung ebenso wie die Bereitstellung von Zusatzangeboten, sei es im musischen, kreativen, sportlichen oder sozialen Bereich. Denkbar wäre hier eine enge Verzahnung unter anderem mit der städtischen Musikschule, Sportvereinen oder Förderzentren wie der Maximilian-Kolbe - oder St. Katharina-Schule.

Vision 2030: Die Schule als ein Lern- und Lebensraum
Noch kennen die Lichtenfelser Grundschüler nur den klassischen Vormittagsunterricht. Das soll sich spätestens 2025 mit der geplanten Ganztagsgrundschule ändern. Foto: Marion Nikol

Darüber hinaus ist auch von einen Betreuungskonzept während der Schulferien die Rede, welches vor allem berufstätigen Eltern in den langen Sommerferien entgegenkommen soll.

Dass in Lichtenfels Bedarf vorhanden ist und das Vorhaben sehr gut bei der Bevölkerung ankommt, zeigt das positive Feedback der Bürger. Dies wurde unter anderem bei der Zukunftswerkstatt im Mai deutlich, wie Projektleiter Roland Christeiner zusammenfasst: „Wir haben nicht nur eine breite Zustimmung erhalten, sondern auch viele konstruktive Ideen und Vorschläge, die wir in unsere Planungen mit einfließen lassen werden“. Er betont ebenfalls, dass mit der Etablierung der neuen Ganztagsgrundschule keine Schließung anderer Schulstandorte verbunden sein soll. Darüber hinaus werden die Eltern frei entscheiden können, ob ihr Kind an der neuen Schule die gebundene Ganztags- oder die Regelklasse besuchen sollen. Bis dahin wird zwar noch etwas Zeit ins Lande gehen, aber es ist jedenfalls schon jetzt sicher, dass in der Korbstadt Bewegung in die Bildungslandschaft kommt.

Von Marion Nikol

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