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LICHTENFELS

Im ganzen Landkreis nur noch ein „Sozi“ als Rathauschef

Zur zehnjährigen SPD-Mitgliedschaft gab es es eine schicke Urkunde für Bürgermeister Andreas Hügerich. Foto: Till Mayer

Es hat viele Momente gegeben, an denen Sozialdemokraten Geschichte schrieben. Der „Kniefall von Warschau“, das war so ein Augenblick. Willy Brandt bat als Bundeskanzler am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Am jenem 7. Dezember 1970 war Andreas Hügerich noch gar nicht geboren. Aber die Gestes Brandts hat sein Leben geprägt. „Das war ganz groß. Das hat alles überstrahlt“, sagt der Lichtenfelser Bürgermeister heute in seinem Büro.

Brandt, seine Ostpolitik, das hat Andreas Hügerich 2007 bestärkt, in die SPD einzutreten. „Auch wenn ich die Positionen der Grünen und Freien Wähler auch in vielem teilen konnte“, meint Hügerich. Seine Wahl fiel dann doch klar auf die Sozialdemokraten. 2008 ist er bereits SPD-Kreisvorsitzender. Heute, mit seinen 36 Jahren, jüngster Bürgermeister im Landkreis Lichtenfels. Vor allem steht er auch als einziger Sozialdemokrat am Obermain einer Kommune vor.

Der mit Abstand erfolgreichste Kommunalpolitiker

Das war anders, als er 1999 seine Ausbildung in der Stadt Lichtenfels antrat. Damals gab es eine rote Achse: Redwitz, Marktzeuln, Michelau, Lichtenfels und Bad Staffelstein. Die sozialdemokratische Kommunalpolitik war gut aufgestellt. Aber vielleicht schien es auch nur so. Denn in Sachen Nachwuchsarbeit zeigten die roten Kommunalgranden damals wenig Weitsicht. Selbst eine rote Arbeiterhochburg wie Redwitz fiel. „Bis heute fehlen uns engagierte Menschen, die eine Generation älter sind als ich, fast völlig“, meint Hügerich.

Der 36-Jährige ist der mit Abstand erfolgreichste rote Kommunalpolitiker am Obermain und sieht gerade einigermaßen fassungslos zu, wie sich die Bundespartei nach allen Regeln der Kunst zerlegt. „Ich war kein Fan von Andrea Nahles. Aber so wie ihr mitgespielt wurde, das will ich nicht gutheißen“, meint der Lichtenfelser Bürgermeister.

Dass Jungsozialist Kevin Kühnert eine Kapitalismus-Diskussion anstößt, findet Hügerich gar nicht nicht so schlecht. „Diskussion bedeutet auch lebendige Politik, egal, was man von seinem Standpunkt hält“, meint er.

Eigentlich kennt Andreas Hügerich die SPD nur als eine Partei auf Selbstfindungstrip. Auch wenn er es so wohl nie ausdrücken würde. Seinen Vater, einen Eisenbahner, erlebt er als Kind noch als traditionellen Sozi. Doch schon in Hügerichs Jugend zeichneten sich die ersten tiefe Risse in der Sozialdemokratie ab. Die SPD verlor immer mehr ihre Bedeutung bei Gewerkschaften und Arbeitern. Dann kam Rot-Grün und Hartz IV.

„Aber ich kann das Gejammer nicht hören, dass Hartz IV der einzige Grund für die schlechte Situation der SPD sein soll. Wir müssen endlich in die Zukunft sehen. Wissen, wo wir stehen. Zuhören lernen“, meint der 36-Jährige. „Damals waren Reformen notwendig. Gut möglich, dass sie zu hart waren“, meint der Bürgermeister. Aber Alt-Kanzler Gerhard Schröder macht er aus einem anderen Grund einen Vorwurf: „Das mit Gazprom und das Anbiedern an Putin, das finde ich unwürdig. Das hat der Partei geschadet“, meint Hügerich.

„Ich bin mit Herzen Kommunalpolitiker. Da ticken die Uhren einfach anders.“
Andreas Hügerich, SPD-Politiker

Derzeit wird im Ortsverein und Kreisverband heftig über die Fortführung der großen Koalition diskutiert. Für Hügerich ist klar, eine weitere Auflage der großen Koalition muss vermieden werden. „Ich denke, das ist besser für die SPD, aber auch für die Union. Der Wähler vermisst ein klares Profil.“ Aber diese Legislaturperiode sollen die drei Parteien ihren Wählerauftrag erfüllen: „Das verlangt die Verantwortung gegenüber dem Land.“

Andreas Hügerich mit seinem Parteibuch.

„Aber das ist alles Bundespolitik. Ich bin mit Herzen Kommunalpolitiker. Da ticken die Uhren einfach anders. Da geht es um die Personen“, sagt der Bürgermeister. Andreas Hügerich ist bekennender Team-Arbeiter. „Ich bin nicht so der Parteimensch. Verschiedene Ansichten sind in der Lokalpolitik wichtig, aber auch, dass die Vertreter der demokratischen Parteien zusammenarbeiten, gemeinsam Ziele erreichen.“ Die Krise der SPD, meint Hügerich, die wird sich wenig auf die Kommunalwahlen in Lichtenfels auswirken. „Im Gegenteil, wir können derzeit neue Mitglieder gewinnen. Gerade auch junge Menschen“, meint der Sozialdemokrat.

Stolz auf eine Menschenrechtspartei

In Zeiten, in der Rechtsaußen-Parteien in ganz Europa zulegen, erinnert Andreas Hügerich an eine Stärke der deutschen Sozialdemokratie. „Die SPD musste sich nach der NS-Diktatur nicht umbenennen. Sozialdemokraten starben im KZ, weil sie für eine gerechte Sache standen. Die SPD war und ist eine Menschenrechtspartei. Darauf bin ich stolz“, sagt der Sozialdemokrat. Dass einige Genossen Richtung Dänemark schielen, weil die dortigen erfolgreichen Sozialdemokraten eine eher rigide Migrationspolitik betreiben, kann Hügerich nicht verstehen. Ein Rechtsruck, da ist er sich sicher, wäre nur ein weiterer Tiefschlag für die SPD.

Von Till Mayer

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