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LICHTENFELS

Jasmin Herold erzählt die dunkle Geschichte von der Gier

Jasmin Herold erzählt die dunkle Geschichte von der Gier
Von Manfred König zu den Erlebnissen während der Dreharbeiten befragt, boten Jasmin Herold und Michael Beamish viele Einsichten in kanadische Verhältnisse und Vorgehensweisen beim Filmen. Foto: Markus Häggberg

„Prädikat besonders wertvoll“, meint die maßgebliche Filmbewertungsstelle zu einem Albtraum. Diesen Albtraum fing eine Schwürbitzerin ein, die jetzt in Leipzig lebt. Der Film „Dark Eden - der Albtraum vom Öl“, den Jasmin Herold mit ihrem Mann Michael Beamish in Kanada drehte, ist eine nun in Kinos anlaufende 80-minütige Dokumentation über das, was das Erdöl mit Menschen und Träumen macht. Am Sonntagnachmittag war er kurz nach dem bundesweiten Start auch im Lichtenfelser Kino zu sehen. Mit Jasmin Herold, Michael Beamish und jeder Menge Schwürbitzern.

Kraterlandschaften, Ödnis, Kahlschlag, ein Gebiet so groß wie England mit immensen Krebsraten bei Mensch und Tier, hervorgerufen durch das „Fracking“ zur Erdölförderung. Und durch das Menschsein. Durch Gier also, durch den Traum vom schnellen Geld, dem besseren Leben, dadurch, dass Menschen Menschen sind und Fehler haben, sich an so einem für viele Arbeitnehmer begehrten Ort ansiedeln, ihn als Boom-Region begreifen, darum Grundstücke erwerben, selbst zu Spekulanten und somit zum Teil eines Systems werden. Das dunkle Eden eben.

Vier Jahre Recherche

Und eingetaucht in diese Wirklichkeit der kanadischen Provinz Alberta ist von 2013 an für vier Jahre auch Jasmin Herold. Hier in Fort McMurray begegnete sie auch ihrem jetzigen Mann. Was herauskam ist abendfüllend und lebt von der großen Qualität, keinen Zeigefinger zu erheben, ein im Grunde stiller und spiegelnder Film zu sein. Zweimal, Dienstag und Mittwoch, soll er in dieser Woche in der Filmbühne laufen, doch er lief schon ganz woanders als in Lichtenfels. „Auf Festivals in Australiens, im Iran, Finnland, auf 16 Festivals und er erhielt drei Preise“, erklärt die einstige Schwürbitzerin mit interessantem Lebenslauf. Was sie auf diesem beschritt, waren Stationen wie das Studium der Literaturwissenschaften, eine Arbeit bei einem australischen Radiosender, in einer Werbeagentur und literarisches Schaffen zwischen Kurzgeschichten und Drehbuch.

Mit diesen Kenntnissen nahm sie es mit einem Thema auf, machte vor Filmbeginn zwei „Recherchetrips“ nach Kanada. Das, was sie in Begegnungen mit 600 Menschen und der zerstörten Natur zutage förderte, war schwere Kost. „Ich habe 'ne Nacht gebraucht um das zu verarbeiten“, erklärte beispielsweise Moderator Manfred König nach der Filmvorführung gegenüber dem Publikum. Er holte Herold und ihren Mann, der in Fort McMurray sehr wahrscheinlich ob der Umweltverschmutzung an Krebs erkrankte, zu einer Fragestunde vor die Leinwand. Im Raum schwang dabei so ein Schwürbitzer Stolz auf eine Frau mit, die „eine von uns ist“.

Gern in der alten Heimat zurück

Auch Jasmin Herold schien es Freude zu machen, mal wieder Gesichter der Heimat zu sehen. Vor dem Film und danach sollte es Umarmungen geben, Plausche und Schulterklopfen. „Ich bin superhappy, hier zu sein“, so Herold anlässlich einer kleinen Fragerunde im Nachgang der Präsentation. Als Schwürbitzerin sieht sie sich noch heute. „Ich komme aus dem Steinernen Haus“, so die Frau, der mit 1588 auch das Jahr der Erbauung präsent ist.

Zurück zum Film: Da war beispielsweise dieser Mann, der unberührbar für das Offensichtliche die Kampagne für „Oil Sands“ unter sich hatte, ein Lobbyist, der trotz Umweltverschmutzung ein Loblied auf den wirtschaftlichen Nutzen für die Provinz spricht und vor der Kamera auch mal die Fassung verlor. Eine der 600 Begegnungen.

Oder der Mann aus Uganda, der sich hier Wohlstand erhoffte. Oder das deutsch-russische Ehepaar, welches wie viele andere Arbeitnehmer auch, Häuser auf Kredit erwarb und dann den Brand in Fort McMurray miterlebte. Inklusive Wertminderung. Immer wieder gelang es Herold und ihrem mittlerweile gut genesenen kanadischen Mann, die Zwischentöne aufzuspüren, die Schrägheiten bei diesem zu den größten Industrieprojekten der Welt zählenden Unternehmen. Dabei sparte sie nicht mit Reflexionen zu sich selbst, gab zu, selbst ja auch Teil des Systems gewesen zu sein. Das eigene dunkle Eden an diesem geldreichen Ort war die baldige Krebserkrankung ihres Mannes.

Aber die Gefahr sei noch anderweitig vorgekommen. „Einmal hat uns jemand versucht bewusst umzufahren und Facebook wurde gehackt“, erklärte Herold das „Klima der Einschüchterung“ an diesem Ort. Zu Erkenntnissen bezüglich der Krebsraten hatte die Schwürbitzerin auch so ihre Ansicht gewonnen: „Es gibt keine unabhängigen Studien, weil Industrie und Regierung (…) miteinander im Bett sind.“

„Klima der Einschüchterung“

Der Film könnte seinen Weg machen, Preise errang er schon und er lebt von einer reflektierenden Stille. Das ist das Erzähltempo von Herold und Beamish und die Absicht, trotz klarer Stellungnahme nicht vorwurfsvoll zu werden, vermittelten das Drehbuch samt Schnitt beeindruckend gut. Nun ist im Abspann auch das Emblem des ZDF zu finden, nun ist das Projekt aber auch ein zurückliegendes. Jasmin Herold blickt nach vorne und verrät, dass sie und ihr Mann schon länger an einer neuen Doku arbeiten und recherchieren.

Von Markus Häggberg

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