aktualisiert:

LICHTENFELS

Vision 2030: Wenn kleine Schritte viel bewegen

Ob Bienenwachstücher oder Trinkwasser aus der Leitung – Kristina Bechmann (li.) und Lisa Waigand wollen Müll in ihrem Alltag möglichst vermeiden und sind sich einig, dass sich auch mit kleinen Verhaltensänderungen viel bewegen lässt. Foto: Julia Klump

Nur ein einziges Glas Müll pro Jahr – mehr Abfall produzieren Menschen wie die Amerikanerin Kathryn Kellogg schlichtweg nicht. Sie lebt den sogenannten „Zero-Waste Lifestyle“ und gehört damit einer Bewegung an, die seit Jahren weltweit immer mehr Anhänger findet. Die Idee dahinter: die möglichst vollständige Vermeidung von Müll.

Das klingt utopisch, wenn man bedenkt, dass in Bayern pro Einwohner durchschnittlich 480 Kilogramm Haushaltsmüll im Jahr anfallen und der Durchschnitts-Lichtenfelser laut jüngst veröffentlichter Abfallbilanz mit über 530 Kilogramm pro Jahr sogar noch mehr Abfall produziert. Umso dringlicher erscheint deshalb die Frage, wie sich diese Entwicklung umkehren lässt und welchen Stellenwert das Thema Müllvermeidung künftig in der Kreisstadt einnehmen soll.

Bestandteil der Ideenschmiede

Konstruktive Ideen und Anregungen von Seiten der Bürger dürfte es hierzu sicherlich am 10. Mai im Rahmen der Zukunftswerkstatt für die „Vision Lichtenfels 2030“ geben. Laut Sebastian Müller, Pressesprecher der Stadt Lichtenfels, wird der Aspekt der Müllvermeidung innerhalb der Säule „Grüne Stadt“ ein Bestandteil der Ideenschmiede sein.

Wer sich schon jetzt unter den Lichtenfelsern umhört, wird merken, dass die „Zero-Waste“-Philosophie bereits bei vielen großen Anklang findet. Vor allem junge Mütter ändern ihren Lebensstil und wollen einen Beitrag dazu leisten, ihren Kindern eine bessere, sauberere Welt zu hinterlassen.

Dazu gehören auch Lisa Waigand und Kristina Bechmann, die sich einig sind, dass es viele einfache Möglichkeiten gibt, die einen Unterschied machen. „Wenn man sich vor Augen führt, was heutzutage alles unnötig in Plastik eingepackt ist, so fällt es mit etwas Umdenken beim Konsum ganz leicht, viele dieser Dinge zu vermeiden“, erklärt Kristina Bechmann.

Feste statt Flüssigseife

„Warum nicht feste Seife statt Flüssigseife verwenden? Oder Mineralwasser in Glas- statt in Plastikflaschen kaufen? Stilles Wasser kommt bei uns aus der Leitung und mein Einkauf nicht mehr in Plastiktüten, sondern in Stoffbeutel.“ Auch Alu- oder Frischhaltefolien benötigt die zweifache Mutter so gut wie gar nicht mehr und ersetzt diese durch Bienenwachstücher, die sich auch leicht selbst herstellen lassen.

Die Devise „Do-it-yourself“ verfolgt auch Lisa Waigand und setzt im Haushalt zum Beispiel auf selbst gemachten Reiniger, beispielsweise aus Kastanien oder Zitronenschalen. Statt Weichspüler lässt sich genauso gut Essig verwenden. Dieser ist auch in Glasflaschen erhältlich, ebenso wie Milch, Sahne und Joghurt.

Natürlich stoßen die beiden bei ihrem Unterfangen, Müll so gut es geht zu vermeiden, auch an gewisse Grenzen. Gerade bei vielen Lebensmitteln lassen sich Verpackungen nicht so leicht vermeiden – zumindest beim Einkauf in einem Supermarkt. „Wer hat schon die Zeit, drei verschiedene Geschäfte anzufahren, um dort jeweils die umweltfreundliche oder unverpackte Variante der gewünschten Nahrungsmittel zu bekommen?“ gibt Lisa Waigand zu Bedenken.

Umdenken der Händler gefragt

Hier ist sicherlich ein Umdenken von Seiten der Händler gefragt. Als positiv werten Lisa und Kristina die Entwicklung, dass beispielsweise in manchen Lichtenfelser Märkten an der Frischetheke eigene Behälter für Wurst und Käse mitgebracht werden können.

Vorbild "Unverpackt"-Laden?

Einen großen Schritt weiter sind da schon die Bamberger, welche seit Anfang 2018 einen „Unverpackt“-Laden in der Innenstadt haben. Wie die Geschäftsleiterin Therese Gerischer verrät, läuft das Geschäft sehr gut. „Alleine in diesem einem Jahr haben wir so viele Stammkunden gewinnen können, die einfach Lust auf weniger Plastikmüll haben, und es werden immer mehr“, so Gerischer. Ob das Konzept auch in kleineren Städten aufgeht, wird sich wohl schon bald im benachbarten Kulmbach zeigen – dort soll im Herbst ebenfalls ein Unverpackt-Laden an den Start gehen.

„Kinder sind gute Multiplikatoren und lernen Abfälle zu vermeiden und Wertstoffe zu trennen, damit diese dem Abfallstrom entzogen werden.“
Andreas Grosch, Pressesprecher Landratsamt

Wo ein Wille ist, dort ist auch ein Weg? Gerade beim Thema Müll lässt sich darüber streiten, wie viel Eigeninitiative von Seiten der Bürger nötig ist, und was von kommunaler Seite aus für Anreize gesetzt werden können. Fakt ist, dass den Bürgerinnen und Bürgern bei allen Fragen rund um die Vermeidung und richtige Entsorgung von Abfällen der Abfallberater des Landkreises Lichtenfels zur Verfügung steht.

Dazu muss freilich die Bereitschaft vorhanden sein, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Für Andreas Grosch, Pressesprecher des Landratsamtes Lichtenfels, beginnt die Sensibilisierung dafür bereits bei den Kleinsten. So setzt die vom Landkreis betriebene Umweltstation Weismain wichtige Akzente in Sachen Umweltbildung und Umweltbewusstsein.

Schulen und Kindergärten gefragt

Dabei werden beispielsweise im Rahmen eines Theaterstücks jedes Jahr wichtige Tipps zum Thema Recycling an Grundschülerinnen und Grundschüler vermittelt. „Kinder sind gute Multiplikatoren und lernen Abfälle zu vermeiden und Wertstoffe zu trennen, damit diese dem Abfallstrom entzogen werden“, so Andreas Grosch. Hier sollten Eltern mit gutem Beispiel vorangehen, ebenso wie Kindergärten und Schulen einen wichtigen Beitrag bei der Umwelterziehung leisten können.

Mehrweg-Isobecher

A propos Schule: Schulabgängern werden im Landkreis Lichtenfels ganz konkrete Alternativen angeboten, da sie im Rahmen der „MyLif“-Kampagne unter anderem hochwertige Mehrweg-Isobecher geschenkt bekommen. Doch damit nicht genug: Um über alle Altersklassen hinweg die Flut an weggeworfenen Coffee-to-Go-Einwegbechern in der Korbstadt einzudämmen, wurde im vergangen Jahr mit dem sogenannten Obermain-Becher ein Mehrwegbecher-Pfandsystem initiiert (wir berichteten). Hier bleibt es spannend, wie das System sowohl von Anbietern als auch Endverbrauchern angenommen und in welchem Maße es zur Müllvermeidung beitragen wird.

Für junge Familien wiederum dürfte das Thema Windeln interessant sein. Schließlich verbraucht ein Kleinkind im Durchschnitt 5000 Einwegwindeln, bis es „trocken“ ist. Das kostet nicht nur eine Menge Geld, sondern ergibt auch einen gigantischen Müllberg.

Zwar kommen einige Studien zu dem Schluss, dass aufgrund des hohen Wasser- und Energieverbrauchs bei der Reinigung die Ökobilanz von Stoffwindeln nicht besser sei als die von Wegwerfwindeln. Auf jeden Fall aber sind die Kosten und das Abfallaufkommen deutlich geringer als bei Einwegwindeln.

Förderung für Mehrwegwindeln

Wer sich in Lichtenfels für Mehrwegwindeln entscheidet, erhält sogar vom Landkreis eine finanzielle Förderung – eine Maßnahme, die bereits im Jahr 1998 beschlossen wurde, aber vielen Familien womöglich nicht bekannt ist. Denn die Zahl der in Anspruch genommenen Förderungen ist derzeit noch sehr gering. Allerdings hat sich die Menge der Anträge in den jüngsten beiden Jahren immerhin verdreifacht, was einen positiven Trend vermuten lässt.

Laut Umweltbundesamt nehmen die Abfälle aus deutschen Haushalten zu – Grund genug, dieser Entwicklung auf regionaler Ebene entgegen zu wirken. Gefragt sind hier auch die Verbraucher selbst. Foto: Marion Nikol

Von über einem Kilo Müll am Tag zu einem 500-Milliliter-Einwegglas Abfall pro Jahr wäre es also für die Lichtenfelser noch ein weiter Weg. Doch ganz so drastisch muss der Traum von der „müllfreien“ Kommune ja gar nicht verwirklicht werden. Oftmals reichen schon kleine Verhaltensänderungen, die vor allem deshalb eine große Wirkung entfalten können, weil die Masse den Unterschied macht – schließlich benötigt jeder Mensch Trinkwasser sowie Nahrungsmittel und möchte auch in einer sauberen Wohnumgebung leben.

Und genau in diesen Bereichen lässt sich ansetzen. Um unseren Lesern hierfür einige Anregungen zu geben, zeigen wir einfache Tipps und Tricks, wie sich in der Küche und im Bad Müll vermeiden und gleichzeitig noch der Geldbeutel schonen lässt.

 

 

 

 

Von Marion Nikol

Weitere Artikel