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LICHTENFELS / ALTENKUNSTADT

AWG: Alle Mitarbeiterinnen bleiben an Bord

Feierstimmung herrschte bei der Eröffnung der AWG-Filiale in Altenkunstadt 2015: Die Kunden hoffen sehr, dass es dort weiter geht. Foto: Red

Wenn ein Unternehmen mitteilt, dass es in finanzielle Schieflage geraten ist, drückt das gewöhnlich auf die Stimmung der Belegschaft. Und je nachdem, wie intensiv sich die Betroffenen damit auseinandersetzen, kann daraus auch eine Belastung für die tägliche Arbeit werden. Die Mitarbeiterinnen der Textilhandelskette AWG (Allgemeine Warenvertriebs GmbH) in den Filialen Lichtenfels und Altenkunstadt waren sicher alle mehr oder weniger geschockt, als sie vor wenigen Tagen erfuhren, dass ihr Arbeitgeber Insolvenz angemeldet hat. Inzwischen hat sich der Frust über die Hiobsbotschaft in positive Energie und den Glauben an die eigene Stärke gewandelt. Davon sind die beiden Filialleiterinnen, Katrin Gerlach in Altenkunstadt sowie Stefanie Deumlich in Lichtenfels, sowie deren Bezirksverkaufsleiterin Claudia Möller überzeugt.

AWG hätte eigentlich allen Grund zur Freude: Das Unternehmen mit Stammsitz in Köngen (Landkreis Esslingen/Baden-Württemberg) feiert heuer 50-jähriges Bestehen. Es zählt deutschlandweit rund 2900 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in 290 Filialen. AWG gehört zu den 50 größten Textilhändlern in Deutschland.

Insgesamt 19 Beschäftigte

19 Beschäftigte arbeiten in den beiden heimischen Filialen – sechs in Altenkunstadt und 13 in Lichtenfels. „Wir haben Kolleginnen, die schon Jahrzehnte an Bord sind“, sagt Stefanie Deumlich. AWG ist in Lichtenfels seit langem ein Begriff. Mehrere Jahre war die Filiale an der Robert-Koch-Straße zuhause, bevor mit der Eröffnung des Fachmarktzentrums der Umzug in die Mainau und damit eine deutliche Aufwertung des Standorts erfolgte. Die Filiale in Altenkunstadt ist noch relativ jung: Seit Oktober 2015 bereichert das Unternehmen das Fachmarktzentrum an der Weismainer Straße.

„Wir können die unternehmerischen Entscheidungen nicht beeinflussen, die jetzt anstehen. Aber wir sorgen wie gewohnt dafür, dass unsere Kunden bei uns prima einkaufen können und beraten werden“, sagt Clauda Möller. Die Filialen haben zeitlich unverändert geöffnet, betont sie.

„Wir tun das, was wir tun können. Wir machen das Beste daraus.“
Katrin Gerlach, AWG-Filialleiterin Altenkunstadt

Katrin Gerlach bringt es genauso auf den Punkt: „Wir tun das, was wir tun können. Wir machen das Beste daraus“, sagt sie über sich und ihre Arbeitskolleginnen. „Die Kunden sollen merken, es geht weiter“, ergänzt Claudia Möller. Die Belegschaft in Altenkunstadt hat sicher ihren Anteil daran, dass die Geschäfte im vergangenen Jahr dort recht gut liefen. Die Bezirksleiterin betont, dass es hier zum Vorjahr eine Umsatzsteigerung gegeben hat. Alle Mitarbeiterinnen seien mit Blick auf die Zukunft „hoffnungsvoll“. Unter den zum Teil langjährigen Mitarbeiterinnen in Lichtenfels gibt es es laut der dortigen AWG-Filialleiterin keine, die wegen des derzeit aufgespannten „Schutzschirmes“ kündigen wolle. Die Nachricht vom Beginn des Insolvenzverfahrens sei für sie zwar „überraschend“ gekommen. „Es ist aber nicht so schlimm, dass wir den Kopf in den Sand stecken müssen“, sagt Kollegin Gerlach. Die Filialleiterin geht mit Zuversicht voran. Im Gespräch mit dieser Redaktion verweist sie zudem auf erfolgreiche Rettungen von angeschlagenen Unternehmen in den vergangenen Jahren am Obermain.

Von einem guten Geschäftsverlauf 2018 spricht auch Gerlachs Kollegin Deumlich in Lichtenfels. „AWG hat sich hier gut entwickelt“, sagt die seit etwa zwei Jahren hier tätige Filialleiterin. Der Umzug in das FMZ habe eine Verdoppeliung der Verkaufsfläche gebracht. Zudem seien zwei Stores mit namhaften Marken dazugekommen. „Geholfen“ habe dem Standort Lichtenfels auch die Entscheidung der Unternehmensführung, die Filiale im nahen Rödental im Frühjahr 2018 zu schließen. So sei das Einzugsgebiet der Filiale weiter gewachsen.

Chef: wie eine große Familie

Filialleitung, Bezirksleitung sind Mitarbeiterinnen sind nicht nur wegen der guten Geschäftszahlen sehr guten Mutes, dass es am Obermain weiter gehen wird. Unisono loben sie die sehr transparente Informationspolitik des Unternehmens, die großes Vertrauen schaffe . „Es wird offen kommuniziert. Wir werden ständig auf dem Laufenden gehalten“, sagt Katrin Gerlach. Diese Strategie entspricht der Unternehmensphilosophie von AWG-Geschäftsführer Albrecht Maier. „Meine Mitarbeiter und ich waren immer eine große Familie – gemeinsam werden wir auch diese schwere Situation meistern“, hat er kürzlich in einem Zeitungsinterview gesagt. Maier leitet das Unternehmen seit 1976.

Bis Ende April indessen sind im Laufe des Schutzschirmverfahrens die Löhne und Gehälter der AWG-Beschäftigten durch das Insolvenzgeld gesichert. Bis zu diesem Zeitpunkt muss wohl feststehen, wie AWG die brenzlige Situation meistern will. Derzeit wird die Ertragsfähigkeit aller Filialen geprüft. Der heiße Sommer und der warme Herbst haben 2018 der Textilbranche das übliche Geschäft 2018 vermasselt. Dass unrentable AWG-Filialen geschlossen werden müssen, erscheint sehr wahrscheinlich. In Lichtenfels und Altenkunstadt laufen die Geschäfte vergleichsweise gut. „Wir sind gut ins Jahr 2019 gestartet,“ sagt die Bezirksleiterin.

Verfahren in Eigenverwaltung

Die Eigenverwaltung bietet Unternehmen beim Insolvenzverfahren einen rechtlichen Rahmen, um sich bei laufendem Geschäftsbetrieb in enger Abstimmung mit den Gläubigern neu aufzustellen. Im Unterschied zu einem regulären Insolvenzverfahren bleibt dabei die unternehmerische Verantwortung in den Händen der Geschäftsführung, die die Sanierung selbst steuert. Das Insolvenzrecht erlaubt dies in Fällen, in denen Unternehmen bei wirtschaftlichen Problemen frühzeitig selbst tätig werden und genügend Handlungsspielraum für eine Lösung besteht. Beides ist bei der AWG der Fall. In der Eigenverwaltung setzt das zuständige Amtsgericht keinen Insolvenzverwalter, sondern einen sogenannten Sachwalter ein. Dieser überwacht ähnlich wie ein Aufsichtsrat das Verfahren im Interesse der Gläubiger. (red)
Die AWG-Filiale im Fachmarktzentrum in Lichtenfels: Die Geschäfte dort laufen gut. Foto: Roger Martin

Von Roger Martin

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