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LICHTENFELS

Beziehungsdrama: Aus Eifersucht gab es Hiebe statt Liebe

Prozess um Messerstecherei: Geduldsprobe für den Richter
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Geschwollene Lippe, Schmerzen im Gesicht und ein Lebensgefährte, der dafür verantwortlich zeichnete. Trotz Hausverbot suchte ein 36-Jähriger aus dem Landkreis im Juni 2018 die Nähe zu seiner Freundin. Am Donnerstag wurde er für die an ihr begangene vorsätzliche Körperverletzung samt Hausfriedensbruch verurteilt.

Das Gericht unter Vorsitz von Richter Alexander Zenefels hatte zeitweise Mühe, das Opfer davon zu überzeugen, dass es nicht selbst schuld an der Misshandlung war. So nämlich argumentierte die 25-Jährige: „Ich fühle mich schuldig!“ Hintergrund des Vorfalls vom 1. Juni 2018 bildete eine Eifersuchtsszene. „Er hat erfahren, dass ich Mist gebaut hatte“, so die junge Frau in ihrer Anhörung gegenüber Zenefels und Staatsanwalt Daniel Killinger über einen von ihr begangenen Seitensprung.

Doch was die vor ihr sitzenden aufmerksamen Zuhörer stutzig werden ließ, war auch die Wortwahl der jungen Frau. Zeitweise ähnelte sie der des Angeklagten.

So sprach sie davon, dass ihrem damaligen und jetzigen Freund „im Reflex“ die Hand ausgerutscht sei, eben darum, weil sie selbst zuerst die Hand erhoben habe.

Richter Zenefels sprach aus, was als Verdacht im Raum stand: Absprache. Zwar entließ er die junge Verkäuferin vorläufig aus dem Zeugenstand, doch er sorgte dafür, dass sie im Flur vor dem Gerichtssaal nicht Kontakt zu weiteren Zeugen aufnehmen konnte. Ein Justizwachtmeister hatte darauf ein Auge.

Hausverbot missachtet

Der Angeklagte selbst zeigte sich bedauernd und erklärte, dass er damals „nicht mehr daran gedacht“ habe, dass seitens der Mutter der Geschädigten schon längst ein Hausverbot gegen ihn ausgesprochen wurde.

Da er schon mehrere Jahre mit seiner Freundin zusammen gewesen ist, habe er, als er Kenntnis davon bekam, dass er einen Nebenbuhler haben könnte, das Grundstück seiner Freundin aufgesucht und diese zur Rede gestellt. „Fragen kostet ja nix“, so der Mann.

Erbost über diese Haltung sollte sich besonders auch die Mutter der Geschädigten zeigen. Diese, so ihre Tochter zuvor im Zeugenstand, sei nie so recht warm mit ihrem potenziellen Schwiegersohn geworden. Die Gründe dafür blieben unbenannt.

Aber es gab etwas, das Richter Zenefels im Zusammenhang mit der als Absprache empfundenen Formulierung gegenüber der Geschädigten ansprach: „Kann es sein, dass es früher schon mal vorkam, dass Sie vom Angeklagten einstecken mussten?“ Die Antwort darauf blieb die Gefragte schuldig, jedoch bestätigte sie, kein Strafverfolgungsinteresse zu haben.

Was bei dem Prozess zudem Fragen aufwarf, war die zeitliche Spanne, die zwischen dem ersten und dem zweiten mit flacher Hand verabreichten Schlag des Angeklagten vergangen ist. Sprach die Geschädigte von zehn bis 15 Sekunden, so sprach ihre in den Zeugenstand gerufene Schwester, die angab, bei der Szene dabei gewesen zu sein, dass fünf Minuten vergangen seien. Mehr noch, denn die 23-Jährige dementierte gar einen Erstschlag ihrer Schwester. Was allerdings stimmte dann an der Einlassung, wonach der Angeklagte ja nur im Reflex und als Erwiderung zuschlagen habe?

An diesem Punkt äußerte die Geschädigte gar die Frage, die Zenefels und Kilinger abermals die Köpfe schütteln ließ: „Ja, war das überhaupt ein Schlagen?“ In seinem Plädoyer, bei dem er den wesentlichen Anklagepunkt bestätigt sah, sprach Killinger von erheblichen Zweifeln in Bezug auf einen Erstschlag des Opfers. „Sie haben den Vorfall bis zur Selbstverleugnung runtergespielt“, so der Staatsanwalt, der wegen vorsätzlich begangener Körperverletzung samt Hausfriedensbruch 1800 Euro Geldstrafe für den an sich geständigen 36-Jährigen forderte. Es sollte nicht bei einer Geldstrafe bleiben, denn Zenefels sprach eine viermonatige Haftstrafe zur Bewährung gegen den schon einmal hafterfahrenen Mann aus.

Mochte ihm ein Reflex zugute gehalten werden, so habe es nach richterlicher Begründung „für den zweiten Schlag keine Rechtfertigung mehr“ gegeben.

Eben darum sprach Zenefels auch von fehlender Impulskontrolle bei dem Mittdreißiger und machte ihm zur Auflage, 300 Euro an eine soziale Einrichtung zu zahlen und verbindlich an einer Gewaltpräventionsmaßnahme teilzunehmen. Zwei Jahre lang wird der Verurteilte überdies unter Aufsicht eines Bewährungshelfers gestellt bleiben.

Von Markus Häggberg

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