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Bauernhochzeit: In der Kutsche nie umdrehen

Bauernhochzeit: In der Kutsche nie umdrehen
Mit Schleier und Blumenstrauß: Im Jahr 1914 trug die Braut am Obermain schon Weiß. Foto: Andreas Motschmann

Bei lauschigen Temperaturen und Sonnenschein, am liebsten im Wonnemonat Mai, so wird heute geheiratet. In den Dörfern am Obermain vor 100 Jahren und bis in die 1950-iger Jahre war es ganz anders. Die Bauernhochzeiten fanden überwiegend im Januar und Februar statt.

Die staatliche Eheschließung, die Zivilehe, wurde 1875 im Deutschen Reich zur Pflicht erhoben. Erst nach der standesamtlichen kam die kirchliche Trauung. Der Besuch im Standesamt war eher eine lästige Pflichtübung, die kirchliche Trauung eine Stunde später oder am nächsten Tag war die eigentliche Hochzeit, mit Gästen und einem großen Fest. Eine Hochzeit ohne kirchliche Trauung war vor Generationen unvorstellbar.

Vor der Hochzeit besuchte der Hochzeitslader mit Zylinder alle einzuladenden Hochzeitsgäste im Ort oder in den Nachbardörfern und übergab ihnen persönlich ihre Einladung. Beim Pfarrer wurde das Aufgebot bestellt und er verkündete in der Kirche beim Hauptgottesdienst von der Kanzel die bevorstehende Hochzeit.

Bis vor 100 Jahren wurde bei dieser Proklamation der Bräutigam als „Junggeselle“ und die Braut als „Jungfrau“ betitelt. Heute kann jeder das Aufgebot im Schaukasten der Gemeinde lesen.

Leichenwagen als Unglücksbote

Am Tag der Hochzeit ging die Hochzeitsgesellschaft, wenn möglich zu Fuß, vom Bauernhof zur Kirche. Aus den umliegenden Orten kamen sie zum Teil auch zu Fuß oder mit dem Pferdefuhrwerk, das Brautpaar fuhr mit der Kutsche vor. Inzwischen ist die Hochzeitskutsche auch im 21. Jahrhundert wieder beliebt.

Allerdings weiß heute niemand mehr, dass sich die Braut nach alten Volksglauben bei der Fahrt nicht umsehen durfte: Sie bekommt dann keine Kinder, und es wäre ein „Umsehen nach dem Unglück“ im Ehestand. Auch durfte die Hochzeitskutsche keinem Leichenwagen begegnen. Dagegen bedeutete es Glück, wenn das Brautpaar auf dem Weg von und zur Trauung recht oft „aufgehalten“ wurde. So versperrten die Schulkinder oft den Weg und freuten sich über kleine Geldspenden.

Dem Weihrauch nicht gewachsen

In der Kirche verstreuten Brautmädchen und –jungen Blumen. Sie waren sehr wichtig, denn kleine Kinder waren eine gute Vorbedeutung für die Fruchtbarkeit des Brautpaares. Bei der Trauung selbst wurde darauf geachtet, welcher Eheteil zuerst den Handschuh herunter brachte: Da bestimmte sich, wer in der Ehe das Regiment führen wird.

In der katholischen Kirche schwangen die Ministranten das Weihrauchfass und so manche Braut hatte mit dem besonderen Duft in unmittelbarer Nähe ihre Probleme. Am Ausgang der Kirche erhofften die Ministranten einen kleinen Obolus und freuten sich über jedes Zehnerla. Dabei musste der Autor dieser Zeilen als kleiner Ministrant immer wieder feststellen, dass so mancher armer Bauer im Dorf großzügiger mit der Geldspende war als ein reicher Bauer.

Mit einem Zylinder

Der Hochzeitstag erhielt damals wie heute durch festliche Kleidung seinen besonderen Charakter. Die Männer unter den Gästen trugen bis in die 1950-iger Jahre einen Zylinder auf dem Kopf. Die Braut trug in ländlichen Gegenden noch bis um 1900 ein schwarzes Kleid, das später auch für andere feierliche Anlässe genutzt werden konnte. So setzte sich in den Städten schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts das weiße Hochzeitskleid durch. Auf den Fotos im letzten Beitrag ist die Braut im Jahre 1906 noch mit schwarzem Kleid, aber weißem Schleier zu sehen. Acht Jahre später war die Braut am Obermain schon ganz in Weiß. Ein schwarzes Kleid unterstrich nicht nur die Frömmigkeit der Braut, sondern war vor allem leicht sauber zu halten.

In den 1920-er Jahren hat es erst verstärkt den Wechsel vom schwarzen zum weißen Brautkleid gegeben. Doch nur, wer noch unbescholten war - also kein Kind erwartete - durfte auch das weiße Kleid tragen. Der Bräutigam trug zu Frack und Zylinder bei den Aufnahmen ein sehr ernstes Gesicht, genauso ernst war aber auch die Braut. Ein Mann, der um 1900 die Ehe einging, war im Durchschnitt 29 Jahre alt; bei den Frauen lag das durchschnittliche Heiratsalter bei etwas mehr als 26 Jahren.

Brauch der Brautentführung

Ein weiterer Brauch einer Bauernhochzeit war die Brautentführung. Die Braut wurde meist von Freunden des Bräutigams während des Hochzeitsfestes entführt und in einer nahegelegenen Dorfwirtschaft oder in einem Privathaus versteckt. Der Ursprung dieser alten Sitte rührt daher, dass in Gesellschaften, die von Männerüberschuss gekennzeichnet waren, nur der Bräutigam seine Braut wert war, der auch ordentlich auf sie aufpassen konnte. Dieser Hochzeitsbrauch der Brautentführung ist auch heute noch bekannt und wird ab und zu praktiziert.

Sobald die junge Frau ihr neues Heim betrat, musste sie sich erst einige Augenblicke auf einen Fußschemel niedersetzen, damit sie sich besser eingewöhne. Innerhalb der ersten vier Wochen ihrer Ehe durfte sie ihr Elternhaus nicht wieder besuchen. Besonders die ersten Monate nach der Hochzeit waren oft für den eingeheirateten Ehepartner nicht leicht, musste er oder sie sich doch erst an das neue Leben mit anderen Regeln und Gewohnheiten auf dem Bauernhof gewöhnen.

Nicht selten führte die Schwiegermutter das Regiment im Haus, oder alles musste auf den Hausherrn hören. Das jungvermählte Ehepaar musste sich schnell an das Sagen der Eltern und Großeltern im Haus anpassen und die Arbeit stand im Mittelpunkt.

Von Andreas Motschmann

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