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Mainblick: Weihnachtsmuffel taut langsam auf

Mainblick Wenn der Rentner einfach zuschlägt
Radtouren mit meinen Kindern Femke (9) und Luis (11) sind ein Vergnügen. Doch beim jüngsten Ausflug vergeht mir kurzzeitig das Lachen: Am Beginn des Radweges von Schönbrunn nach Bad Staffelstein bleiben die beiden neben der gesperrten Unterführung (früherer Radweg) bei Schönbrunn stehen, weil meiner Tochter die Kette abgesprungen ist. Ich halte hinter ihnen an, als schon von oben ein Rentner-Ehepaar mit E–Bikes angerauscht kommt. Der Mann schießt durch die Lücke, die meine Kinder gelassen haben, und schreit: „Aus dem Weg. Lernt erst mal das Radfahren!“ Während die Frau passiert, rufe ich hinterher: „Das sind fei Kinder.“ Und nun traue ich meinen Ohren nicht. Die „Dame“ brüllt: „Halt's Maul, du Drecksack.“ Mein Adrenalin-Spiegel steigt schlagartig. Ich radele schnell hinterher, erreiche die Frau und frage nicht gerade gentleman-like: „Was hast du gesagt?“ Ein Sie will mir nicht mehr über die Lippen, leise bin ich auch nicht gerade. Die Rentnerin fängt sofort an zu schimpfen und leugnet ihre unflätige Beleidigung. Schon steht ihr Mann mit seinem Rad in nächster Nähe neben uns, mault mich an, ich solle seine Frau nicht bedrängen. Ich werde als Lügner, Choleriker, schlechter Vater und als Alkoholiker tituliert. Ich wehre mich verbal – und schon liege ich am Wegesrand. Der Endsechziger hat mich umgeschubst, ich bin perplex. Aber das ist noch nicht alles. Als ich mich aufgerappelt habe, gehe ich auf den Rentner zu. Die Frau schreit: „Lass' meinen Mann in Ruhe. Er ist behindert, er hat Krebs.“ Er nimmt seinen Helm ab, schlägt damit nach mir. Dann schmeißt er ihn zur Seite und droht mir nicht nur mit Hieben. Meine Kinder stehen aufgeregt hinter uns, die Kleine weint bitterlich und bittet die beiden immer wieder, ihren Papa in Ruhe zu lassen. Beide betonen immer wieder, dass die Frau doch die Beleidigungen ausgestoßen habe. Das juckt den Mann überhaupt nicht. Der „Schwerkranke“ versucht zu tänzeln wie Muhammad Ali und traktiert mich mit Faustschlägen, die ich zumeist abwehren kann. Doch kurz passe ich wegen Femke nicht auf, und schon schlägt es unter dem rechten Auge ein. Ich habe den niederen Instinkt, den alternden Rambo auch zu prügeln. Stattdessen lache ich ihn aus und bringe meine Kinder in Sicherheit, sprich, wir gehen mit den Rädern ein paar Meter zurück. Ich halte einen anderen Radler an und bitte ihn zu bleiben, damit nicht noch mehr passiert. Währenddessen machen sich die beiden Rentner auf und davon, obwohl die Frau vorher angeblich die Polizei per Handy gerufen hat. Ich beruhige meine Kinder. Und wir setzen unsere Tour fort, genießen ein tolles Essen in Horsdorf, essen später noch ein Eis in Lichtenfels. Wir haben trotz dieser unbegreiflichen Episode viel Spaß. In dieser Zeit wächst und wächst mein Veilchen unter dem Auge. Ein Bekannter spricht mich auf die blaue Schwellung in meinem Gesicht an und begreift, als er die Story hört, zunächst nicht, warum ich keine Anzeige erstattet habe. Er hat Recht, aber der Tag mit meinen Lieben ist mir viel zu wertvoll. Leider mussten die beiden und ich (am eigenen Leib) erleben, dass die Gewalt im Alltag auch bei uns zunimmt. Und harmlos aussehende Rentner zu der Gruppe der alles Leugnenden gehören können, die Probleme ausschließlich mit dem Faustrecht lösen. Bisher kannten meine Kinder ältere Leute ganz anders: besonders freundlich, gute Manieren, kinderlieb. Foto: Guido Geelen

Weihnachtsmuffel - so habe ich mich stets eingeschätzt. Aber mit eigenem Nachwuchs ändert sich das gewaltig. Trotzdem bin ich immer wieder froh, wenn der Trubel vorbei ist.

Als ich am vergangenen Wochenende den Weihnachtsbaum ableerte und entsorgte, machte ich mir Gedanken über die Adventszeit und die Feiertage 2018. Und siehe da, es kam ein bisschen Wehmut auf. Für dieses Gefühl sind vor allem Femke (9) und Luis (10) verantwortlich, aber auch der Lichtenfelser Weihnachtsmarkt.

Wie das? Wir haben dort einige schöne Stunden verbracht, so manchen Glühwein, vor allem den mit Honig, beziehungsweise Kinderpunsch genossen, Leckereien, Mützen und Schals sowie Deko-Artikel aus Holz und Glas gekauft. Und eine besondere Freundschaft vertieft.

Schon 2017 sind die Kinder und ich lange an einer Bude hängen geblieben. Zunächst wegen der bunten Glaskunst. Wir wollten uns unbedingt einige dieser Glanzstücke (Kugeln, Kelche, Lampen) für Omas und Tanten als Geschenke sichern. Und kamen dabei mit Petra aus Reundorf ins Gespräch, ließen uns beraten, „fachsimpelten“, lachten viel. Die Zeit verging wie im Flug.

Ein Jahr danach steuerten Femke und Luis bei unserem ersten Marktbesuch sofort Petras Bude an. Es nieselte, es war nasskalt, unangenehm. Ein herzliches „Hallo“! Und nach einem kürzeren Aufenthalt das Versprechen, am nächsten Wochenende - bei hoffentlich besserem Wetter - wiederzukehren.

Die Hoffnung erfüllte sich: ein frostiger Samstag. Petra schien zunächst ein bisschen enttäuscht. Wir hätten uns doch erst für Sonntag angekündigt, monierte sie. Des Rätsels Lösung: Geschenke für die Kinder, die lägen bei ihr zu Hause. Kein Problem: „Wir kommen morgen noch einmal!“ Wir blieben lange, die Kinder durften ins Häuschen und mit verkaufen. Und am Sonntag das gleiche Spiel: Petra hatte sogar ihre rote Mütze auf, um Femke zu erfreuen, die die gleiche am Tag zuvor in Schwarz bekommen hatte. Ich machte dutzende Fotos, wir tauschten Adressen aus, verabredeten, dass wir in den nächsten Ferien gemeinsam Glas verzieren. Am letzen Markttag noch ein Spontanbesuch und herzliche Umarmungen.

Femke und Luis werden diese Tage sicherlich für immer in Erinnerung behalten und freuen sich auf einen besonderen Bastelnachmittag. Und der Weihnachtsmuffel? Freut sich auf besinnliche Stunden an „Oma“ Petras Bude in 2019!

Von Guido Geelen guido.geelen@obermain.de

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