Gartenserie: Naturnah, unkompliziert und viel Platz

Von einem Garten, in dem von Februar bis November etwas blüht, profitieren auch Insekten.

Was ist der perfekte Garten? Da gehen die Meinungen sicher auseinander. Aber wer einen hat, der liebt ihn. Im Rahmen der OT-Gartenserie äußert sich Michael Stromer, Kreisfachberater für Gartenbau und Landespflege, über positive und negative Trends und gibt Tipps für eine naturnahe, insektenfreundliche Gestaltung.

Frage: Herr Stromer, was ist für Sie der perfekte Garten?

Michael Stromer: Der perfekte Garten ist einfach zu benennen, aber schwierig zu haben: der Garten Eden oder das Paradies. Auf unsere profanen Verhältnisse heruntergebrochen will das heißen: Im Garten ist Platz für viele Pflanzen und Tiere, es gibt verschiedene Sitzplätze je nach Sonnenhunger und Schattenbedarf, reichlich kreativen Platz für die Kinder (und die Erwachsenen), einen großen Gemüse- und Obstbereich, und das Ganze recht natürlich und unkompliziert oder, wie es in den Gartenzeitschriften heißt: naturnah.

Wie Häuser oder die Inneneinrichtung unterliegen aber auch die Gärten Trends. Was ist aktuell besonders beliebt? Ich denke da vor allem an Rasenmähroboter oder mit Steinen und Kieseln bedeckte Vorgärten …

Stromer: Ja, die Beobachtung mache ich natürlich auch: „Moderne“ Gärten sind, was die Vielfalt angeht, oft sehr reduziert. Etwas überspitzt gesagt: von Natur keine Spur, aber ziemlich durchgestylt. Mich bekümmert das sehr: In der Landschaft und in den Gärten fand und findet immer noch ein großes Ausräumen statt mit krassen Folgen im großen Maßstab: Klimawandel, Artenschwund, große Probleme mit einwandernden Schädlingen wie der Kirschessigfliege oder dem Eichenprozessionsspinner und so weiter.

Der Garten soll heute „pflegeleicht“ sein, weil man nicht mehr viel Zeit dafür hat. Da ist beispielsweise der Mähroboter eine willkommene Hilfe. Leider lässt er nicht mal mehr einen Klee oder einen Spitzwegerich zum Blühen kommen – mit den entsprechenden Auswirkungen auf die pollen- und nektarsuchenden Insekten und die anschließende natürliche Nahrungskette.

Auch selbst Gemüse ziehen, ernten und einkochen ist wieder „in“. Ist das im Landkreis Lichtenfels auch zu spüren? Oder waren hier Selbstversorgergärten eh immer eine Selbstverständlichkeit?

Stromer: Glücklicherweise gibt es neben den „modernen Gärten“ auch viele Gartenbesitzer und Initiativen, die diesem Trend einen Gegentrend entgegensetzen. Gemeinschaftsgärten, Krautgärten, Solidarische Landwirtschaft und andere Initiativen haben gerade in städtischen Gebieten schon viele Mitmacher gerade auch unter jüngeren Leuten gefunden. Ich habe schon seit längerer Zeit die Augen und Ohren offen, ob so ein Gemeinschafts-Garten-Projekt auch bei uns gestartet werden sollte.

Aber es stimmt: Im Landkreis Lichtenfels haben wir mit den vielen Gartenbauvereinen ein großes Pfund, so dass gerade in den Dörfern die Selbstversorgung, das Haltbarmachen und so weiter gepflegt wurde und immer noch wird. Meines Erachtens ist dies – nach dem Schwerpunkt der Dorfverschönerung in den vergangenen Jahrzehnten – eine große und sehr wichtige Zukunftsaufgabe der Gartenbauvereine: Das Können und Wissen rund ums Versorgen mit gesundem Obst und Gemüse weitergeben. Keine Zeitschrift und kein Gartenblog kann dies so gut leisten wie erfahrene und kreative Leute vor Ort.

Ein eigenes Haus mit Garten ist für viele ein Traum. So ein Garten kostet aber auch Zeit, die viele nicht haben, weil sie berufstätig sind. Was raten Sie? Gibt es eine Gartengestaltung, die naturnah ist, aber trotzdem wenig Arbeit macht?

Stromer: Die gibt es tatsächlich, vorausgesetzt, man akzeptiert, dass es auch mal etwas „schlampig“ natürlich ausschaut, also nicht alles „sauber“ und durchgepflegt ist. Und man braucht etwas Geduld, bis sich die Pflanzengesellschaften so etabliert haben, dass sie sich weitgehend selbst regulieren. Der Mähroboter bleibt dann natürlich in der Garage und die Handsense wird wieder rausgeholt.

Und wie gelingt es, auch einen kleinen Garten möglichst individuell zu gestalten?

Stromer: Grundsätzlich ist jeder Garten individuell, weil jeder Gartenbesitzer individuell ist und die Rahmenbedingungen wie Licht- und Bodenverhältnisse nie gleich sind. Gerade kleine Gärten können eine erstaunliche Vielfalt beherbergen.

Das Insektensterben ist mittlerweile in aller Munde. Was kann man als Gartenbesitzer beitragen, um dem entgegenzuwirken?

Stromer: Vielfalt, Vielfalt, Vielfalt. Will heißen: Unterschiedliche Lebensbereiche wie höheres Gras mit Kräutern, die blühen dürfen, trockene und steinige Bereiche, Ritzen, Haufen, Sandstellen, Wasserstellen, Gehölze, auch Totholz, Fassadenbegrünung, Stellen für Wildkräuter und so weiter. Wichtig ist, dass von Februar bis Oktober und November etwas blüht und im Winter Rückzugsmöglichkeiten wie Ritzen, Halme, Stengel oder auch richtig ausgestattete Insektenhotels vorhanden sind.

Michael Stromer, Kreisfachberater für Gartenbau und Landschaftspflege.
Serie „Main Garten“: Ein Naturgarten zum Wohlfühlen
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