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BAD STAFFELSTEIN

Vom Staffelsteiner Landratsamt in die Brüsseler Botschaft

Das ehemaliges Amtshaus des Bamberger Domkapitels (1720 bis 1803) beherbergte später das Bezirksamt/Landratsamt (1862 bis 1972) und ist heute Domizil des Amt für Landwirtschaft sowie des Bayerischen Bauernverbands. Foto: Martina Drossel

Als 1946 der Landkreis Staffelstein, seit 1937 zusammen mit Lichtenfels verwaltet, wieder einen eigenen Landrat erhielt, wählte der Kreistag den jungen, aus Schlesien stammenden Volkswirtschaftler Dr. Gerhard Kroll (1910–1963), Mitbegründer der Bamberger CSU, zum Landrat. Im selben Jahr wurde er noch in den Landtag gewählt; ferner stand er dem Bezirksverband seiner Partei vor und gehörte ihrem Landesvorstand an. Unter diesen Ämtern litt freilich seine Amtsführung als Landrat. Als ihm überdies Vorteilsnahme vorgeworfen wurde, verlor er 1948 sein Amt.

Der Kreistag, der damals den Landrat kürte, entschied sich mit deutlicher Mehrheit für den parteilosen Juristen Karl Friedrich Kölmel. 1909 in Bruchsal geboren, hatte er in Karlsruhe 1933 das erste, 1938 das zweite Staatsexamen abgelegt. In der Zwischenzeit hatte er als Referendar bei der Staatsanwaltschaft und am Landgericht Freiburg im Breisgau sowie bei einem dortigen Rechtsanwalt gearbeitet.

Er studierte nicht nur Jura, sondern auch mehrere Sprachen

Ferner erweiterte er seine Sprachkenntnisse: Er lernte Russisch. Nach der großen Staatsprüfung besuchte er 1939 für einige Monate die Ecole Supérieure pour la Formation d?Interpretes et de Correspondanciers Polyglottes in Vevey, wo er Französisch, Englisch, Russisch und Spanisch studierte. Möglicherweise strebte Kölmel schon damals in den diplomatischen Dienst.

Zum Nationalsozialismus wahrte er offenbar Distanz. Die Spruchkammer stufte ihn nach Kriegsende als „nicht belastet“ ein. So kam Kölmel, verheiratet und Vater zweier Kinder, im Spätsommer 1945 als Angestellter im Landratsamt Haßfurt unter. Seine Ehefrau war 1922 in Haßfurt geboren worden und hatte nach der Eheschließung 1942 dort gewohnt.

Vom Staffelsteiner Landratsamt in die Brüsseler Botschaft
Das Wappen des Bamberger Domkapitels am ehemaligen Amtshaus. Foto: Martina Drossel

Am 1. Juni 1948 wählte der Staffelsteiner Kreistag Kölmel zum Landrat, und umgehend trat er sein neues Amt an. Dabei logierte er anfangs in der Scheffelklause, da seine Familie in Haßfurt wohnen blieb.

„Er ist ruhig und macht nicht viel von sich reden, besitzt aber großes Ansehen in seinem Kreis, hat starke Initiative und weiß die Dinge richtig anzupacken.“
Der Regierungspräsident über den Staffelsteiner Landrat Kölmel

Der Regierungspräsident fand 1950 lobende Worte über ihn: „Herr Kölmel ist einer der fähigsten und tüchtigsten Landräte des Regierungsbezirks. Er ist ruhig und macht nicht viel von sich reden, besitzt aber großes Ansehen in seinem Kreis, hat starke Initiative und weiß die Dinge richtig anzupacken. Gegenüber der Regierung hat er sich stets völlig loyal verhalten. Er besitzt gute Sprachkenntnisse und pflegt Beziehungen zum Ausland.“

Nach gut zwei Jahren gelang Kölmel endlich der – offenbar von langer Hand vorbereitete – Sprung in die diplomatische Laufbahn. Das Bundeskanzleramt entschied, Kölmel sei für eine Verwendung im Auswärtigen Dienst vorgesehen. Eine Woche später, am 28. September 1950, beschloss der Kreisausschuss, Kölmel werde „für die Sonderausbildung in Bonn unter Weitergewährung der Bezüge freigestellt“. Am 15. November 1950 nahm er seinen Dienst im Auswärtigen Amt auf, blieb aber Landrat von Staffelstein.

Zeitgleich im Auswärtigen Amt und als Landrat tätig

Für Kölmel bedeutete das doppelte Bezüge, was der Coburger Journalist Erich Vieth am 14. Dezember 1950 heftig kritisierte. Sein Kommentar ist überschrieben: „Ich möchte auch zweimal Gehalt haben. Feststellungen zum Ausscheiden des Landrats Kölmel.“

Vom Staffelsteiner Landratsamt in die Brüsseler Botschaft
Das ehemalige Bezirksamt/Landratsamt in der Lichtenfelser Straße in Bad Staffelstein. Foto: Martina Drossel

Erst mit Schreiben vom 3. Januar 1951 teilte Kölmel dem Kreistag mit, dass er rückwirkend mit Beginn des neuen Jahres von seinem Amt als Landrat zurücktrete. Noch im selben Jahr wurde er zum Bundesbeamten auf Lebenszeit ernannte.

Überregionale Schlagzeilen verursachte Kölmel dann als Diplomat. Während er als Gesandtschaftsrat an der Botschaft in Brüssel eingesetzt war, lebte er auf allzu großem Fuß und machte Spielschulden. Um sie zu decken, brachte er „einen größeren Personenkreis durch betrügerische Kreditaufnahme um erhebliche Geldbeträge“.

Betrug in 13 Fällen und ein falscher Doktortitel

Als seine Machenschaften bekannt wurden, tauchte er im Mai 1953 in Deutschland unter. Der Bundespräsident versetzte ihn in den einstweiligen Ruhestand. Wieder konnte Kölmel sich Geld borgen, das er dann in der Spielbank Konstanz verspielte.

Seit September 1954 lebte er mit seiner Frau und seinen mittlerweile drei Kindern in Freiburg im Breisgau Im Frühjahr 1956 hatte er sich vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Bonn zu rechtfertigen. Ihm wurden Betrug in 13 Fällen und die unrechtmäßige Führung des Doktortitels vorgeworfen.

So endete eine viel versprechende Karriere auf wenig ehrenvolle Weise. Kölmel starb am 12. Juni 1976 in München.

 

Von Günter Dippold

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