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Vierzehnheiligen: Die Legende von Frankenthal

Vierzehnheiligen: Die Legende von Frankenthal
In der Kerzenkammer der Basilika zeigt ein Fenster den Zyklus der Erscheinungen von Frankenthal. In der obersten Reihe ist eine erste Kirche abgebildet, wie sie schon früh in Frankenthal errichtet worden ist. Foto: Fabian Brand

„Freundlich grüßt ins Maintal nieder, vom Berg dies hehre Gotteshaus“, mit diesen Zeilen beginnt ein uraltes Wallfahrtslied aus Vierzehnheiligen. Und tatsächlich: Wer das Obermain-Tal durchquert, wird schon von Weitem von den beiden Türmen der Basilika begrüßt. Unzählige Menschen zieht es Jahr für Jahr hinauf, auf den heiligen Berg, um im Gotteshaus zu verweilen. Doch wo liegen eigentlich die Ursprünge der Wallfahrt nach Vierzehnheiligen? Und warum hat man gerade an dieser Stelle in früheren Jahrhunderten eine so prächtige Kirche errichtet?

Die Ursprungslegende von Vierzehnheiligen, die erstmals im Jahr 1519 schriftlich fixiert wurde, erzählt Folgendes: Am 14. September 1445, dem „Freytag in der Goltfasten“, wollte der Sohn des Klosterschäfers, der den Namen Hermann trug, abends seine Schafe heimtreiben. Als er nun näher zum Hof Frankenthal kam, hörte er ein Kind schreien und weinen. Als er sich umsah, sah er ein kleines Kind auf einem Acker sitzen, das ihn anlachte.

Zwei brennende Kerzen und ein Kind

Der Schäfersohn wollte das Kind aufheben, doch als er sich näherte, verschwand es. Er setzte seinen Heimweg fort und schaute sich abermals um: Da sah er das Kind wieder an derselben Stelle sitzen, diesmal von zwei brennenden Kerzen begleitet. Dem Schäfer war die Sache nicht ganz geheuer: „Da rufft er seinem Hunde von Furcht wegen und segend sich“. Wiederum lacht das Kind den Hirten an und wieder entschwindet es, da sich der Schäfer ihm naht.

Zuhause erzählt Hermann seinen Eltern und einem Priester von den seltsamen Ereignissen. Diese aber raten ihm, zu schweigen; sie scheinen die Erzählungen als Ausdruck der kindlichen Fantasie gedeutet zu haben.

Es dauert bis zum 29. Juni 1446, bis ihm das Kind abermals erscheint: Nackt sitzt es an der vorigen Stelle, umgeben wird es von vierzehn Kindlein, die halb rot und halb weiß gekleidet sind. Das Kind in der Mitte trägt ein rotes Kreuz auf der Brust. Der Schäfer fragt nun, wer die Kinder seien und was sie haben wollten. Da antwortete das Kind in der Mitte: „Wir sein die vierzehn Nothelffer / und wöllen ein Cappeln haben / auch gnediglich hie rasten / und biß unser diener / so wollen wir dein Diener sein“. Und wieder verschwanden die Kinder gen Himmel.

Am Samstag darauf senkten sich zwei brennende Kerzen an die besagte Stelle und verweilten dort eine Zeit, bevor sie wieder in den Himmel auffuhren.

Geschehnisse auf Bildern dargestellt

Vierzehnheiligen: Die Legende von Frankenthal
Der Schäfersohn Hermann Leicht sieht ein weinendes Kind auf einem Acker sitzen. Ein Ausschnitt aus einem Deckenfresko in der Basilika Vierzehnheiligen bildet die Legende ab. Foto: Fabian Brand

Soweit erzählt es die Legende, die den Ursprung für die Wallfahrt nach Vierzehnheiligen bildet. Schon viel eher als die schriftliche Fassung, wurden die Geschehnisse auf Bildern dargestellt. Das älteste Zeugnis der Erscheinungen von Frankenthal befindet sich in der Nürnberger Lorenzkirche: Auf dem sogenannten „Konhofer“-Fenster, das sich auf die Jahre 1477/79 datieren lässt, sind die Erscheinungen vor dem Schäfer abgebildet. Weitere Darstellungen finden sich auf Holzschnitten aus dem 15. und 16. Jahrhundert: Sie zeigen ebenfalls eine dreigegliederte Erscheinung, zunächst zwei Mal nur das Kind und dann das Kind mit den 14 Begleitern.

Doch kehren wir noch einmal zur schriftlichen Legende zurück, die freilich erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts, also fast 75 Jahre nach den Ereignissen, niedergeschrieben wurde. Zwei Dinge fallen dabei ins Auge: Zunächst ist unverkennbar, dass die Legende in ihrer Endform von einem kundigen Theologen bearbeitet worden ist. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit waren hier die Langheimer Mönche am Werk. Allein der Vergleich der Legende von Frankenthal mit der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas (2,1-21) lässt deutliche Parallelen erkennen (dort sind es die Hirten, die zum Jesuskind kommen, in Frankenthal ist es ein einziger Schäfer).

Durch Fasten und Gebet geprägt

Auch die zeitliche Einordnung „am Freytag in der Goltfasten“ ist nicht zufällig: Am Freitag nach dem Fest der Kreuzerhöhung befindet man sich in der Quatemberwoche, die besonders durch Fasten und Gebet geprägt war. Damit ist der Acker für eine göttliche Vision gut bestellt: Wer sich intensiv dem Fasten und dem Gebet widmet, der ist gut vorbereitet, dass ihm eine himmlische Begegnung zuteilwird.

Insgesamt ist die Legende in ihrer Endfassung theologisch sauber kombiniert und lässt in vielen Details die Mystik der Zisterzienser von Langheim durchscheinen.

Zweitens ist bei den Erscheinungen von Frankenthal ein ziemlicher Bruch auffallend: Obwohl im Zentrum der Visionen die Begegnung des Schäfers mit dem Christuskind steht, werden die Erscheinungen zur Ursprungslegende einer Wallfahrt zu den vierzehn Nothelfern. Es erweckt den Eindruck als wäre es nicht ausreichend gewesen, dass Christus selbst erschienen ist. Vielmehr hätte es erst die vierzehn Nothelfer gebraucht, um dem Ort sozusagen noch mehr Heiligkeit zu verleihen.

Vierzehnheiligen: Die Legende von Frankenthal
Aus dem Jahr 1623 stammt diese Darstellung der dritten Erscheinung von Frankenthal: Sie zeigt den „Frankenthaler Kinderkranz“ in dessen Mitte Christus, mit einem Kreuz auf der Brust, erscheint. Foto: Fabian Brand

Doch hier zeigt sich, dass die Legende von Frankenthal eine gewachsene Erzählung ist: Mutmaßlich hat es in Frankenthal bereits vor 1445 eine Wallfahrt gegeben, die in Zusammenhang mit einem Hostienwunder gestanden hat. Solche Hostienwunder waren immer mit der Erscheinung von Christus selbst verbunden, wie das auch in Frankenthal der Fall war. Für die Langheimer Mönche scheint dies jedoch problematisch gewesen zu sein: Denn in Pfaffendorf bei Altenkunstadt gab es bereits eine Kirche, die ein Wallfahrtsort aufgrund eines Hostienwunders war.

Warum und wann sich in Frankenthal eine Verehrung zu den 14 Nothelfern entwickelt hat, bleibt offen. Eine Tatsache jedoch ist, dass es bereits in Langheim selbst ein Nothelfer-Heiligtum gegeben hat: In der heutigen Katharinenkapelle wurden schon vor 1445 die 14 Nothelfer verehrt. Möglich, dass die Langheimer Mönche diese Nothelfer-Verehrung, die im 15. Jahrhundert eine große Blütezeit erlangte, gewissermaßen ausgelagert haben und in Frankenthal einen eigenen Wallfahrtsort schaffen wollten. Mit der bereits vorhandenen Wallfahrt gab es gute Anknüpfungspunkte: Christus wurde mit den 14 Heiligen verbunden, so, wie es dann auch die Legende ins Wort bringt.

Ist die Legende eine bloße Erfindung?

Verdankt sich der Ursprung von Vierzehnheiligen also einer theologischen Finte der Zisterzienser aus der Abtei Langheim? Oder anders gesagt: Ist die Legende von Frankenthal eine bloße Erfindung? Nein, beides kann man wohl nicht bestätigen. Denn allein aus wissenschaftlich-theologischen Gründen hat sich noch keine Wallfahrt entwickelt. Es brauchte schon ein einschneidendes Erlebnis, das die einfachen Menschen aus dem Volk motiviert hat, nach Frankenthal zu kommen und hier zu beten.

Mit anderen Worten: Die Wallfahrt von Vierzehnheiligen ist im Volk entstanden. Und zwar deswegen, weil die Gläubigen an diesen Ort gekommen sind und dort in irgendeiner Weise Beistand und Hilfe erfahren haben. Menschen aller Zeiten haben geglaubt, dass an diesem Ort Christus besonders nahe ist, dass sie hier Erhörung ihrer Anliegen finden.

Mag sein, dass die theologisch hochgebildeten Langheimer Mönche bei der Verschriftlichung der Legende von Frankenthal maßgeblich beteiligt waren. Aber der Kern der Legende, die Begegnung eines Menschen mit Christus und seinen Heiligen, stammte entsprang sicher nicht theoretischem Nachdenken. Sie war tief im Volk verankert. Nur deshalb, weil Menschen hier etwas erfahren haben, konnte die Wallfahrt von Vierzehnheiligen so viele Gläubige anziehen – und sie tut es bis heute.

Von Fabian Brand

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