aktualisiert:

BAD STAFFELSTEIN

Stadtrat lehnt Service-Wohnanlage Hirtenberg Nedensdorf ab

Auf diesem Gelände mit sensationellem Panoramablick oberhalb von Nedensdorf würde ein Investor gerne eine Wohnanlage errichten. Aufgrund der veränderten Nutzung – von der Senioren-Residenz mit Palliativstation zum Service-Wohnen auch für Geschäftsreisende – lehnt dies der Stadtrat ab. Foto: Markus Drossel

War es ein Paukenschlag? Zumindest ein Aufrufezeichen wurde in der letzten Sitzung des Stadtrats vor der Sommerpause gesetzt, und zwar ein deutliches. Einstimmig lehnten die Räte den Bauantrag über die Errichtung einer Service-Wohnanlage am Hirtenberg in Nedensdorf und damit ein Projekt von mehreren Millionen Euro Invest ab. Sie stellten sich dabei gegen den Vorschlag der Bauverwaltung. Anfangs hatte es nicht danach ausgesehen.

„Service Wohnen Residenz“: So soll die Wohnanlage am Hirtenberg nach den Vorstellungen des Investors aussehen. Der Bauantrag aber fiel im Stadtrat durch. Foto: Grafik: Marketing & Projektmanagement Verwaltungs GmbH

Es ist die Firma RLH Wohnungsbau GmbH aus dem südhessischen Mörfelden-Walldorf, die gerne die „Senioren-Residenz am Hirtenberg & Service-Wohnanlage“ errichten würde, etwa 300 Meter nach Ende der derzeitigen Wohnbebauung des 251-Einwohner-Dorfs im Banzgau, auf einem erhöht liegenden Hanggrundstück mit zweifelsohne traumhafter Aussicht. Angedacht sind insgesamt 130 Einheiten: Wohnungen für „Senioren Ü50“, Zimmer (Mikroapartments) und betreute Wohnungen mit unterschiedlichen Pflegebereichen beziehungsweise Pflegestufen und mit Palliativstation.

„Die Leute werden auf die Barrikaden gehen!“
Astrid Balzar, Ortssprecherin von Nedensdorf

Die so genannten Mikroapartments sollen über eine Kitchenette verfügen und für maximal sechs Monate angemietet werden können. Eben für Geschäftsreisende oder für Arbeiter, die in der Region kurzzeitig ihrer Tätigkeit nachgehen. Einer der Hauptkritikpunkte in der Argumentation der Stadträte.

„Service Wohnen Residenz”: So soll die Wohnanlage am Hirtenberg nach den Vorstellungen des Betreibers aussehen. Foto: Marketing & Projektmanagement Verwaltungs GmbH

Ehe diese in die Diskussion einstiegen, erinnerte der amtierende Bürgermeister Hans-Josef Stich (CSU) daran, dass man bereits einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan aufgestellt habe für den Bereich Hirtenberg. Damals war noch ein anderer Investor im Gespräch, doch der Plan ist rechtskräftig. Er nannte es schade, dass das ursprüngliche Konzept Senioren-Wohnanlage mit Palliativstation und kleinem Hotel (für Angehörige) nun sehr in Richtung Service-Wohnanlage verrutscht wurde. Dies aber sei wohl laut Vorgaben des Bebaungsplans zulässig.

Bauamtsleiter Michael Hess ging ins Detail und erläuterte die Vorstellungen des Investors genauer. Nach oben hin dreigeschossig und in den Hang hineingebaut werden soll die dreiflügelige Anlage, die sich zum Tal und damit zum Panorama hin öffnet. Es gebe weiterhin betreutes Wohnen (22 Einheiten), auch ein Pallitativbereich mit 38 Plätzen sei weiter angedacht, aber eben nicht nur: Es sollten auch 25 „normale“ Wohnungen und 43 Mal genanntes „Mikrowohnen“ entstehen, eine Gastroeinheit inklusive. 111 Stellplätze sind geplant. Auch wenn sich die Pläne geändert hätten, so Bauamtsleiter Hess, sei das durchaus weiterhin mit dem ausgewiesenen sonstigen Sondergebiet vereinbar.

„Service Wohnen Residenz”: So soll die Wohnanlage am Hirtenberg nach den Vorstellungen des Betreibers aussehen. Foto: Marketing & Projektmanagement Verwaltungs GmbH

„Das ist nicht das, was ursprünglich ausgemacht war“, zeigte sich Werner Freitag (Grüne/Staffelsteiner Bürger für Umwelt und Naturschutz) überrascht. „Für mich stellt sich das als Ferienwohnanlage dar.“

Auch CSU-Fraktionschef Jürgen Hagel war unzufrieden: „Bei den ersten Beratungen stand noch etwas ganz anderes in der Objektbeschreibung.“ Zumindest habe man es anders aufgefasst. Er stellte die Frage in den Raum, ob die Straße Hirtenberg überhaupt für eine Erschließung dieser Art ausreiche. Außerdem wisse keiner, ob die Palliativstation überhaupt komme, ebenso wenig, ob das betreute Wohnen umgesetzt werde – und dann habe man womöglich noch mehr Wohnungen mit stetig wechselnden Gästen. Hagel schlug eine alternative Erschließung über die andere Seite vor, über bisherige Flurwege.

Stadträte über neue Planungen verwundert

„Ich habe große Augen gemacht, als ich die Planungen gesehen habe, denn damit habe ich in keinster Weise gerechnet“, sagte Volker Ernst (Freie Wähler). Die Dimension des Projekts erschrecke. Auch er sah die Zufahrt als problematisch an. „Wir müssen die Bürger von Nedensdorf so früh wie möglich mit einbinden.“ Das forderte auch Jürgen Hagel. „Ich kann den Eindruck nicht verhehlen, dass hier irgendwas gedreht wird“, formulierte es Erwin Richter (FW) vorsichtig. Mit einer Seniorenwohnanlage „Ü 50“ konnte er sich so gar nicht anfreunden: „Unser amtierender Bürgermeister ist auch Ü 50 – aber ist er ein Senior? Sicher nicht.“ Bärbel Köcheler (FW) sprach von „Etikettenschwindel“.

Der Landratsamt hatte den Bauplan vorab schon überprüft und prinzipiell keine Bedenken geäußert. „Deswegen befinden wir uns im Prinzip in einer Sackgasse“, sagte Walter Mackert (CSU). Es sei zu befürchten, dass die übergeordnete Behörde ein Veto des Stadtrats aufhebe.

Ein eindringlicher Appell der Nedensdorfer Ortssprecherin

Letztlich waren es die mahnenden Worte von Nedensdorfs Ortssprecherin Astrid Balzar, die den amtierenden Bürgermeister Stich, aber wohl auch etliche Räte ihre Meinung überdenken ließen. „Der Hirtenberg ist für so ein Projekt sicher nicht der richtige Erschließungsweg, es bräuchte eine Erschließung über die Straße zur ICE-Einstiegsstelle.“ Balzar appellierte eindringlich, nicht zuzustimmen. „Ich fühle mich getäuscht, warne vor dem Verkehr, den der Hirtenberg und letztlich ganz Nedensdorf dann ertragen muss. 111 Stellplätze, das ist ein ,Haufen Holz‘. Die Leute werden auf die Barrikaden gehen!“

111 Stellplätze sind für die Service-Wohnanlage angedacht. Foto: Marketing & Projektmanagement Verwaltungs GmbH

Nach diesen Ausführungen war Stich nachdenklich geworden. „Ich tue mir selbst hart, werde aber jetzt auch dagegenstimmen“, kündigte er vor der Abstimmung an. „Hätten wir damals, als wir den Bebauungsplan aufgestellt haben, schon von der heute angestrebten Nutzung gewusst, das Gremium hätte wohl anders entschieden“, fügte Walter Mackert an. Und so wurde dem Bauantrag einstimmig das gemeindliche Einvernehmen versagt.

 

Standpunkt: Unzumutbar für die Anwohner

Standpunkt: Unzumutbar für die Anwohner
_

Eng geht es zu am Hirtenberg: Die Straße ist schmal, die Wohngrundstücke reichen bis an sie heran. Zwei Autos kommen im Begegnungsverkehr nur schwer aneinander vorbei, an manchen Stellen gar nicht. Wenn ein Landwirt mit seinem Schlepper hinauf zu seinem Feld will, wird es noch einmal schwieriger. Und diese Straße wäre die einzige Zufahrt zu einer 130 Wohneinheiten zählenden Residenz: unvorstellbar. Für die Anwohner wäre das eine Zumutung. Oder besser: unzumutbar. Wäre oben am Hirtenberg wirklich eine Seniorenwohnanlage entstanden, der Verkehr hätte sich vielleicht noch einigermaßen in Grenzen gehalten. „Mikrowohnen“ allerdings verspricht etwas anderes: Geschäftsreisende, Monteure und Arbeitstrupps hätten sich hier einquartiert. Mal für ein paar Wochen, mal für wenige oder nur einen Tag. Natürlich müssen diese früh zur Arbeit, vielleicht mittags zurück, abends aber ganz sicher. Hoher Durchgangsverkehr am Hirtenberg wäre also programmiert. Und so hat der Stadtrat Bad Staffelstein gut daran getan, einmütig ein Signal zu setzen: Man lässt sich nicht an der Nase herumführen, wenn beim Wechsel der Investoren mal eben die Konzepte grundlegend geändert werden. Abzuwarten bleibt, ob die Aufsichtsbehörde am Landratsamt das eindeutige Votum wieder kassiert. Für den Bauwerber aber dürfte die Botschaft klar sein: Die Stadt Bad Staffelstein hat klare Vorstellungen. Wenn überhaupt, muss noch einmal grundlegend über die Idee Service-Wohnen am Hirtenberg geredet werden. 

Im Stadtrat kurz notiert

• Jedes Klassenzimmer der Adam-Riese-Schule und der Ivo-Hennemann-Schule soll mit einem mobilen Luftreiniger ausgestattet werden. Das hat der Stadtrat als Sachaufwandsträger einstimmig beschlossen und ging letztlich über den Vortrag der Verwaltung hinaus: Nicht nur Klassen- und Mehrzweckräume, sondern auch Verwaltungs- und Aufenthaltsräume sollen einen Luftreiniger erhalten. Dies hatte Volker Ernst (FW) vorgeschlagen.

„Absolut wichtig und unabdingbar“, sagte Sabine Scheer (CSU), die selbst Lehrerin ist. „Alleine das Vorhandensein wirkt auf Eltern, Lehrer und Schüler beruhigend, zumal die Jüngsten ja kein Impfangebot erhalten.“ Wenngleich, so der amtierende Bürgermeister Stich (CSU), ein Luftreiniger Lüften und Masken nicht ersetze. „Das ist eine Investition in die Gesundheit unserer Kinder, das muss es uns wert sein“, so Walter Mackert (CSU).

Der Freistaat wird bis zu 50 Prozent der Anschaffungskosten übernehmen. Wartung und Pflege verbleiben bei der Stadt, die deshalb filterlose Geräte anschaffen möchte. Der Stadtrat beauftragte Stich und die Verwaltung, sich um die Anschaffung zu kümmern. Ob die anvisierten rund 144 000 Euro außerplanmäßigen Haushaltsmittel reichen, ist zweifelhaft. „Wir wollen keine Zeit verlieren, wenngleich ich aber nicht versprechen kann, dass wir die Geräte bereits zu Schuljahresanfang haben“, so Stich. • Das neue Domizil der Freiwillige Feuerwehr Uetzing ist bereits im Bau, das neue Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug 10 schon bestellt, nun ist auch der Mannschaftstransportwagen auf den Weg gebracht: Einstimmig votierte der Stadtrat für die Anschaffung des Fahrzeugs, das auch im Feuerwehrbedarfsplan gefordert wird. Die Kosten für das MTW belaufen sich auf rund 60 000 Euro, der Zuschuss der Regierung beträgt 16 300 Euro. Vom Landkreis gibt es keine finanzielle Beteiligung. Die Lieferzeit dürfte neun bis zwölf Monate betragen. (mdr)

 

Von Markus Drossel

Weitere Artikel