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KUTZENBERG

Spatenstich in Kutzenberg für Tuberkulose-Zentrum

Spatenstich in Kutzenberg für Tuberkulose-Zentrum
Kräftig den Spaten schwangen für den Startschuss des wegweisenden Bauprojekts (v. re.) Architekt Jürgen Diroll, Landrat Christian Meißner, Alois Dechant, Bezirkstagspräsident Henry Schramm, GeBO-Chefin Katja Bittner und der Chefarzt der Kutzenberger Lungenfachklinik, Dr. Saleh Al-Hamoud. Foto: Mario Deller

Da die Uneinsichtigkeit mancher mit Tuberkulose Infizierten nicht nachvollziehbar ist, sieht das Infektionsschutzgesetz die klinische Zwangseinweisung solcher Therapieunwilliger vor. Nachdem die bestehende bundesweite Einrichtung im oberpfälzischen Parsberg in die Jahre gekommen ist und im Laufe dieses Jahres schließt, wurde das Gelände des Bezirksklinikums Obermain als neuer Standort einer solchen „Non-Compliance“-Einrichtung mit 20 Behandlungsplätzen ausgewählt.

Der nun erfolgte Spatenstich in Kutzenberg war daher geprägt von der Freude über diese Entscheidung, betonte aber auch die baulichen Herausforderungen der Maßnahme.

„Genauso wie der Neubau des Bezirksklinikums bedeutet auch dieses Projekt eine Stärkung des Standorts Kutzenberg.“
Henry Schramm, Bezirkstagspräsident

Der neue Standort muss zwei Voraussetzungen mitbringen, nämlich eine vorhandene psychiatrische Klinik sowie zudem eine Klinik für Lungenheilkunde. Beides erfüllt Kutzenberg. Dass die per Staatsvertrag zwischen dem Freistaat Bayern und den übrigen Bundesländern als bundesweit klassifizierte Einrichtung jetzt aber tatsächlich hier am Obermain entsteht, verdient das Attribut „wegweisend“.

Dies betonte auch Bezirkstagspräsident Henry Schramm in seinen Ausführungen: „Genauso wie der Neubau des Bezirksklinikums bedeutet auch dieses Projekt eine Stärkung des Standorts Kutzenberg.“ Zudem erfahre die Kutzenberger Lungenklinik unter der Leitung von Dr. Saleh Al Hamoud dadurch eine nochmalige Aufwertung und eine noch bessere Auslastung. Positiver Nebeneffekt seien die im Zuge der Maßnahme entstehenden rund 30 Arbeitsplätze.

Inbetriebnahme für Anfang 2022 geplant

Von Anfang an wurde in der Planung Wert darauf gelegt, so der Bezirkstagspräsident weiter, dass die heimische Bauwirtschaft eingebunden werden soll. Als leitende Baufirma bekam schließlich die Firma Dechant in Weismain den Zuschlag, deren Seniorchef Alois Dechant mit anwesend war. Die Inbetriebnahme der Non-Compliance-Einrichtung ist bereits für Anfang 2022 geplant.

Spatenstich in Kutzenberg für Tuberkulose-Zentrum
Hier am Rande des Kutzenberger Geländes, nahe des Hauses 3 (gelb) entsteht nun bis Jahresende die bundesweit relevante Non-Compliance-Einrichtung für uneinsichtige Tuberkulosepatienten. Foto: Mario Deller

Dem Projekt einen gelungenen und unfallfreien Verlauf wünschte Katja Bittner vom Vorstand der Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken (GeBO). Sie ging auf die lange Historie des Bezirksklinikums ein, das auf eine mehr als 70-jährige Erfahrung bei der Behandlung von Tuberkulosepatienten zurückblicken kann und zitierte einen Leitsatz, den sich die Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken mit ihrem engagierten medizinischen und pflegerischen Personal auf die Fahnen geschrieben hätten: „Tue das, was du besonders gut kannst und intensiviere das.“

Landrat Christian Meißner lobte das gute konstruktive Miteinander aller Beteiligten im Entscheidungs- und Planungsprozess und brachte seine Freude zum Ausdruck, dass nun der Bau starten kann: „Es wurde viel gesprochen. Mit dem heutigen Tag soll auch der Öffentlichkeit deutlich gemacht werden: Jetzt wird gehandelt.“

„Diese Maßnahme stärkt den Markt Ebensfeld“
Gabriele Böhmer, Zweite Bürgermeisterin von Ebensfeld

Dass das Projekt im gemeindlichen Bauausschuss offen diskutiert worden und natürlich nicht unumstritten war, räumte Gabriele Böhmer ein, die beim Spatenstich als Zweite Bürgermeisterin den Markt Ebensfeld vertrat. Doch letztlich überwogen nach der Auffassung des Gremiums die positiven Aspekte, weshalb seitens der Kommune das gemeindliche Einvernehmen erteilt worden war. „Diese Maßnahme stärkt den Markt Ebensfeld“, ist Böhmer überzeugt.

Als zuständiger Architekt wartete Jürgen Diroll im Festsaal dann per Präsentation mit konkreten Details zur Baumaßnahme auf. Das Areal, auf dem der Neubau entsteht, befindet sich am Rande des Kutzenberger Klinikgeländes zwischen dem die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik beherbergenden Haus 3 und dem Hubschrauberlandeplatz.

Aus den Ausführungen Dirolls wurde deutlich, welche Herausforderungen die Realisierung der Non-Compliance-Einrichtung für Planer und beauftragte Firmen darstellt. „Das ist ein baulicher Spagat, den es hier zu bewältigen gilt“, unterstrich er. So müsse das Ziel lauten, das Gebäude in die landschaftliche und bauliche Umgebung einzubetten. Deshalb habe man sich für eine eingeschossige Bauweise entschieden, weil dadurch der Bau nicht so gedrungen wirkt.

Die Flucht von Patienten verhindern

Spatenstich in Kutzenberg für Tuberkulose-Zentrum
In Nachbarschaft zum Haus 3 (gelb), welches die psychiatrische Klinik in Kutzenberg beherbergt, entsteht - auf dieser Ansicht links davon - die neue Non-Compliance-Klinik für uneinsichtige Tuberkulosepatienten. Die für bundesweite Patienten vorgesehene Einrichtung soll Anfang 2022 ihren Betrieb aufnehmen. Foto: Mario Deller

Quasi dreigeteilt sein wird der Baukörper der künftigen Einrichtung. Ein Trakt betrifft die notwendigen Mitarbeiterräume. Des weiteren ist die eigentliche Station mit den Patientenzimmern zu nennen. Während man es bei einer „normalen“ Klinik damit bewenden lassen könnte, gelte es bei einer Non-Compliance-Klinik auch die hohen Sicherheitsanforderungen zu berücksichtigen gilt. Schließlich müsse eine Flucht von Patienten ins Freie verhindert werden. Die vorliegende Konzeption, ergänzt durch einen äußeren Bauring mit Mauer und Übersteigschutz, gewährleiste den Schutz der Bevölkerung, betonte Architekt Jürgen Diroll.

Investitionssumme von knapp sieben Millionen Euro

Weil gerade der Aspekt der Sicherheit bei einer Non-Compliance-Klinik ins Geld geht, ergibt sich hieraus eine nicht geringe Investitionssumme von knapp sieben Millionen Euro. Doch handelt es sich hier keineswegs um finanzielle Bürden, die dem Landkreis auferlegt werden. Zunächst werden laut Staatsvertrag zwischen den Ländern die Investitionskosten von der GeBO vorfinanziert. Anschließend sind gemäß dem Vertragsinhalt die Investitions- und Betriebskosten – neben dem Part, den Krankenkassen und sonstige Kostenträger einnehmen – von den nach Herkunft der Patienten die Einrichtung nutzenden Bundesländer mitzutragen.

Anschließend griffen die Beteiligten bei fortwährendem Regen zum Spaten und gaben das Startsignal für eine Einrichtung von bundesweiter Relevanz.

Tuberkulose

• Weltweit erkranken rund 10 Millionen Menschen an Tuberkulose; 2019 starben 1,4 Millionen.

• Für das das Jahr 2020 verzeichnet das Robert-Koch-Institut deutschlandweit 4127 Infizierte.

• Verursacher der Tuberkulose ist ein Bakterium, das vor allem die Lunge befällt. Frühzeitig erkannt, ist sie gut behandelbar, kann unbehandelt aber tödlich verlaufen.

• „Offene Tuberkulose“ birgt Ansteckungsgefahr per Tröpfcheninfektion.

• Bei rund jedem zehnten Infizierten bricht Tuberkulose aus, abhängig von der Leistungsfähigkeit des Immunsystems.

Von Mario Deller

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