aktualisiert:

BAD STAFFELSTEIN / HORSDORF

Sagenhafte Orte: Die fromme Magd zu Horsdorf

Sagenhafte Orte: Die fromme Magd zu Horsdorf
Fresko mit der Sichel in der Kirche in Rothmannsthal. Foto: Andreas Motschmann

Warum ist auf einem Fresko in der Kirche in Rothmannsthal eine Magd mit einer schwebenden Sichel dargestellt? Es handelt sich um die fromme Magd zu Horsdorf. Wir finden eine weitere Abbildung von der schwebenden Sichel auf dem Notburga-Bildstock in der Pfaffendorfer Kirche bei Altenkunstadt.

Eine Frau aus dem Dorf gab vor über 100 Jahren bei der Befragung über die Errichtung des Bildstocks an: „Weil die Grousera dodd gwen is.“ Sankt Notburga wurde im Dialekt als die „Grousera“ (Graserin) bezeichnet, welche Gras und Getreide geschnitten hatte. Was steckt hinter der Geschichte von der Magd zu Horsdorf, und stammt sie wirklich vom Obermain?

„Weil die Grousera dodd gwen is“

Diese Sichel finden wir in einer Erzählung aus dem Staffelsteiner Land, welche im Buch „Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes“ von E. u. K. Radunz zu finden ist: Hier war es eine Magd in Horsdorf. Bei den Erntearbeiten befahl der Bauer den Mägden und Knechten, bis in die späten Abendstunden am Samstag zu arbeiten. Als die Magd am Nachmittag aufhören wollte, ließ es der Bauer nicht zu. Da sprach die fromme Magd: „Ist es für mich Sünde, diese Abendstunde zu arbeiten, so möge meine Sichel in der Luft hängen bleiben. Wenn nicht, so geschehe Euer Wille.“ Die Sichel blieb in der Luft hängen, der Bauer erschrak. In der Folgezeit wurde die Magd an Samstagnachmittagen nie mehr gezwungen, später zu arbeiten.

Wo ist der Ursprung der Volkssage?

Die „fromme Magd zu Horsdorf“ ist in einem Fresko in der Kirche in Rothmannsthal dargestellt und ist mit der Heiligen Notburga gleichzustellen. Darüber hinaus finden wir diese Sage am Neckar mit einer Geschichte von der alten Burg Hornberg.

Doch wo ist der Ursprung dieser Volkssage? Vermutlich in Österreich, genauer gesagt auf Schloss Rottenburg im Unterinntal in Tirol. Dort treffen wir auf Notburga von Eben, die spätere Heilige Notburga. Als junges Mädchen wurde sie als Küchenmagd auf Schloss Rottenburg im Unterinntal in Tirol geschickt. Als dort entdeckt wurde, wie sie bei den Mahlzeiten übrig gebliebene Nahrungsreste und das, was sie sich selbst vom Mund abgespart hatte, aufhob, um es an Arme und Bettler auszuteilen, wurde sie von ihrer geizigen Dienstgeberin, der Gräfin Ottilie, entlassen.

Die junge Magd trat daraufhin in den Dienst bei einem Bauern ein. Nach der Legende soll Notburga sich hier an einem Samstag nach dem Feierabendläuten geweigert haben, weiter Weizen zu schneiden und deshalb ihre Sichel weggeworfen haben. Die Sichel soll in der Luft schwebend dort hängen geblieben sein.

Als einige Zeit später die geizige Gräfin gestorben war, wurde Notburga von dem Grafen auf sein Schloss zurückgeholt, wo sie fortan als Wirtschafterin arbeitete und – wohltätig wie vorher – bis an ihr Lebensende lebte.

Heilige Notburga, Patronin der Bauern und Dienstmägde

Notburga, eine der wenigen heiligen Dienstmägde, gilt als eine der beliebtesten tiroler beziehungsweise österreichischen Heiligen und als Bewahrerin des christlichen Feierabends. Sie ist Patronin der Bauern und der Dienstmägde, Schutzheilige für eine glückliche Geburt, gegen Viehkrankheiten und alle bäuerlichen Nöte.

Sie soll um 1265 im Nordtiroler Unterland geboren worden sein. Andere Quellen berichten, dass die Heilige Notburga bereits im neunten oder zehnten Jahrhundert gelebt haben soll. Ihre Attribute sind eine schwebende Sichel, eine Getreidegarbe und eine Trinkflasche. Ihr Namenstag ist der 14. September.

Sagenhafte Orte: Die fromme Magd zu Horsdorf
Stehende Ganzkörperreliquie der Notburga in der Wallfahrtskirche St. Notburga im tiroler Eben. Foto: Wikipedia

Notburgas Gebeine ruhen in einem Glasschrein auf dem Hauptaltar der neuen Pfarrkirche von Eben, die zum beliebten Wallfahrtsziel wurde. Neben dem „Sichel-Wunder“ gibt es noch eine Geschichte von einem Holzspan und eine Ochsen-Erzählung. Der Bekanntheitsgrad Notburgas reicht über Tirol hinaus in den gesamten Ostalpenraum bis nach Slowenien. Die Verehrung der Volksheiligen Notburga wurde 1862 von Papst Pius IX bestätigt.

Brachte eine Dienstmagd die Erzählung ins Staffelsteiner Land?

Wie kommt diese Legende an den Obermain? Auch wenn viele auf dem Land im 19. und Anfang des 20. Jahrhundert kaum aus ihrem Heimatort herauskamen oder gerade mal in den Nachbarort geheiratet haben, so gab es auch Ausnahmen. Handwerksburschen und Mägde und speziell bei uns die umherziehenden Korbmacher und Flößer waren weit unterwegs. Als Dienstmagd arbeiteten einige in München oder Wien.

Ursprungsorte der Sagen nur schwer zu finden

So wäre es nicht verwunderlich, wenn eine Magd die Geschichte der Heilige Notburga, der Patronin der Dienstmägde, mitnahm und sie an ihren Wohnort am Obermain anpasste. So entstanden in unserer Heimat viele weitere Wandersagen und Geschichten, deren Ursprungsorte nur selten zu finden sind.

Solche Erzählungen sind es wert, weitergetragen zu werden, damit sie bei unserer jüngeren Generation nicht in Vergessenheit geraten. Wir erfahren dadurch Wissenswertes über die Erfahrungswelt der Menschen vor vielen Generationen.

 

Von Andreas Motschmann

Weitere Artikel