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WIESEN / NEDENSDORF

Sagenhafte Orte am Obermain: Die Nebelfrau in den Eierbergen

Die Eierberge bieten rund um das Jahr schönen und ruhigen Naturgenuss. Foto: Markus Drossel

Sind Sie schon mal der Nebelfrau in den Eierbergen begegnet? Nein? Dann sollten Sie sich im Spätherbst einmal nicht an einem sonnigen, sondern an einem nebligen Tag auf den Weg machen.

Die Eierberge zwischen den beiden Orten Wiesen und Nedensdorf brauchen sich nicht hinter dem Staffelberg zu verstecken. Auf diesen bewaldeten Erhebungen zwischen Main- und Itztal herrscht beschauliche Ruhe, während sich am Staffelberg Menschenmassen drängen. Ein gelber Kreis markiert den Wiesener Eierberg-Rundwanderweg. An sonnigen Herbsttagen findet man dort Ruhe, an nebligen Herbsttagen kann man die Nebelfrau finden. Mit ihren Eichenbeständen sind die Eierberge ein Refugium für den selten gewordenen größten heimischen Käfer, den Hirschkäfer. Die Pflanzenwelt dort ist vielfältig. Woher kommt der Name Eierberge? Von der Form ihrer 451 Metern hohen Höhenzüge? Wir können nur vermuten.

Waldköhlerei in den Eierbergen

Überliefert ist eine heimische Sage aus den Eierbergen. Vor vielen Generationen habe dort eine Köhlerfamilie gelebt. Waldköhlerei ist ein uraltes Gewerbe zur Gewinnung von Holzkohle. Die Holzkohle wurde in großen Körben an die Hüttenwerke, zu Gewerbetreibenden und an private Haushalte geliefert.

Die Geschichte berichtet von dem kleinen Kind der Köhlerfamilie, das sorglos Tag für Tag in den Eierbergen alleine herumlief. Das Mädchen liebte die Tiere und die Natur. Bei seinen Ausflügen hatte es ein kleines Reh als Begleiter. Die Eltern machten sich keine Gedanken; jeden Abend kam das Mädchen wohlbehalten wieder ins Köhlerhaus zurück.

Köhlerstochter für immer verschwunden

Es hatte Beeren und Pilze gesammelt, um das karge Essen der Familie zu verbessern. Alle Vogelstimmen, jede Pilzart und alle Kräuter in Wiese, Wald und Flur kannte das Köhlermädchen über die Jahre.

An einem schwülen Sommertag machte sich das Mädchen auf den Weg, Blaubeeren zu suchen. Als in den Abendstunden ein heftiges Gewitter niedergegangen und die Tochter nicht zurückgekehrt war, durchstreiften die Eltern in derselben Nacht voller Sorgen die Eierberge. Helfer aus den Dörfern suchten an den nächsten Tagen die Gegend bis zum Main ab. Das Kind war wie vom Erdboden verschluckt, das zahme Reh wurde nie mehr gesehen.

Die Köhlersfrau überkam eine große Traurigkeit. Bald darauf verstarb ihr Mann, tagelang streifte sie im Wald umher. Dort verschwand sie und wurde nie mehr gesehen. Ihre Heimstatt verfiel, bald hatte die Natur alles zugedeckt, nichts erinnerte mehr an die Köhlerei in den Eierbergen.

Köhlerin sucht noch heute als Nebelfrau ihr Kind

Seit Generationen erzählen sich die Einheimischen, dass die Seele der Köhlerin immer noch auf der Suche nach ihrem Kind umherirre. Wenn in nebeligen Nächten ein heller Schein zu sehen ist, der wie ein Windhauch verweht, spricht man vom Schleiergewand der Köhlersfrau. Die Altvorderen in den umliegenden Dörfern der Eierberge erzählten, dass sie oft Verirrten den rechten Weg gezeigt und Kinder aus Gefahren gerettet habe. Auch heute noch hilft sie Wanderern, die vom Weg abkommen.

Wenn jetzt im November die grauen Nebel wallen, so erzählt der Volksmund, schüttelt die Nebelfrau ihre Gewänder aus mit den vielen Tränen, die sie um ihr verschollenes Kind weint. Unerlöste Seelen treiben nach dem Volksglauben ihr Unwesen an den Orten, wo sie gelebt haben; man nennt sie Wiedergänger. Überall im deutschsprachigen Raum, vor allem in waldreichen Gebieten, gibt es die Sagengestalt der Nebelfrau. In Volkssagen finden wir sie auch im Fichtelgebirge, im Thüringer Wald und im Bayerischen Wald.

Quer über das Maintal schweift der Blick von den Eierbergen. Foto: Stefan lommatzsch

Archaische Mythen durch Nebel und Dunkelheit

Vor Generationen waren am Obermain viele Menschen bei jedem Wetter zu Fuß unterwegs. Im Spätherbst und im Winter begleitete sie bei ihrem Fußmarsch durch die Wälder aufkommender Nebel. Geräusche waren durch die fehlende Sicht schwer einzuordnen. Wer durch dichte Nebelschwaden lief, wusste nicht, wer vor einem und hinter einem war. Verständliche Ängste kamen einsamen Wanderern in den Sinn. Nicht verwunderlich, dass man eine Hexe, ein Gespenst oder eben eine Nebelfrau in der verschwommenen Umgebung zu erkennen glaubte. Vor allem im Nebel und nach Einbruch der Dunkelheit haben sich archaischen Mythen in der Psyche der Menschen eingeprägt.

Nicht nur Volkssagen beschäftigen sich mit dem Nebel. Aus einem Gedicht Hermann Hesses mit dem Titel „Nebel“ aus dem Jahr 1915 kennen wir die Zeilen „Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, kein Baum sieht den andern, jeder ist allein.“

Volkssagen bringen uns immer wieder auf eine erkenntnisreiche Reise in die Vergangenheit unserer Kulturlandschaft am Obermain. Sie erzählen uns an Wäldern, Felsen, Burgruinen, Mühlen und vielen anderen geheimnisvollen Orten hintergründige Geschichten.

 

Von Andreas Motschmann

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