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Lichtenfels: Psychisch gut durch die Pandemie kommen

Lichtenfels: Psychisch gut durch die Pandemie kommen
Die Corona-Krise kann die Psyche belasten. Die dunkle Jahreszeit kommt erschwerend hinzu. Das war ein Thema bei der Telefonaktion. Foto: dpa/Peter Steffen

Lichtenfels Und wieder gehen wir in eine Lockdown-Verlängerung – die psychische Belastung durch die Corona-Pandemie steigt zunehmend. Was macht Corona mit unserer Psyche? Welche Möglichkeiten gibt es, hier gegenzusteuern?

Fünf Ärzte der Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken (GeBO) standen im Rahmen einer Telefonaktion für die Sorgen und Fragen der Bürger bereit: Professor Thomas W. Kallert, Leitender Ärtzlicher Direktor der GeBO, Dr. med. Nedal Al-Khatib, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirksklinikum Kutzenberg, Dr. med. Saleh Al Hamoud, Chefarzt der Lungenfachklinik am Bezirksklinikum Obermain, Dr. med. Christian Mauerer, Leiter der Gerontopsychiatrie am Bezirkskrankenhaus Bayreuth und Dr. med. Stephanie Steinmann, Leitende Oberärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Bezirkskrankenhaus Bayreuth.

Die wichtigsten Fragen haben wir zusammengefasst:

Anrufer*in: Ich bin Allergiker. Kann ich mich gegen Corona impfen lassen?

Professor Thomas Kallert: Es spricht zunächst nichts dagegen, sich auch als Allergiker gegen Corona impfen zu lassen. Zumal ja auch jeder, der geimpft wird, im Anschluss an die Impfung im Impfzentrum überwacht wird. Nehmen Sie Ihren Allergieausweis zur Impfung mit und sprechen Sie die Mitarbeiter im Impfzentrum auf die Allergie an. Vor Ort wird das weitere Vorgehen entschieden.

Durch den Lockdown kann ich gerade nichts tun, was mir gut tut. Wo bekomme ich schnell Hilfe?

Kallert: Von den Einschränkungen des Lockdowns sind wir alle betroffen. Wenn Ihre Beschwerden aber so ausgeprägt sind, dass Sie fachliche Hilfe benötigen, sollten Sie sich an einen Psychiater wenden. Die Wartezeiten bei niedergelassenen Ärzten sind oft sehr lang. Hier können wir mit unseren Psychiatrischen Institutsambulanzen helfen. Wir halten dort Notfalltermine vor. Die Kontaktdaten der Institutsambulanzen finden Sie auf unserer Homepage www.gebo-med.de.

Lichtenfels: Psychisch gut durch die Pandemie kommen
Dr. Nedal Al-Khatib, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirksklinikum Kutzenberg, gab Tipps, wie der Alltag anders gestaltet werden kann. Er riet aber auch, sofort professionelle Hilfe zu suchen. Foto: red

Ich war schon in psychosomatischer Behandlung, die hat mir nicht geholfen. Ich brauche weitere Hilfe. Habe wegen Corona aber Angst, in eine Klinik zu gehen.

Kallert: Die beschriebenen Symptome deuten auf eine anhaltende Depression hin. Hier müsste man sehen, was bisher an Behandlung lief und an welchen Stellschrauben gedreht werden kann, um Ihnen zu helfen. Zum Beispiel müsste man über ein Blutbild kontrollieren, ob sich ein Wirkspiegel Ihrer Medikamente aufgebaut hat. Nicht jedes Medikament wirkt bei jedem Menschen. In einer psychiatrischen Klinik wird dies regelhaft überprüft. So lässt sich das richtige Medikament finden. Die Angst vor einem stationären Aufenthalt ist unbegründet. Die Kliniken haben strenge Hygienekonzepte. Bei der Aufnahme werden Sie getestet und bis zu einem negativen Testergebnis isoliert.

Unser Sohn ist Mitte 20 und hat sich in der letzten Zeit stark verändert. Er geht nicht mehr aus dem Haus und durch Corona kommt auch niemand bei ihm vorbei. Er leidet unter starken Stimmungsschwankungen, wobei die freundlichen Phasen immer seltener werden. Meistens ist er aggressiv und gleichzeitig sehr unglücklich darüber. Ich möchte ihm so gern helfen, habe aber das Gefühl, gar nicht zu ihm durchzudringen.

Dr. Nedal Al-Khatib: Aufgrund Ihrer Schilderungen glaube ich, dass Ihr Sohn einen großen Leidensdruck hat und in der Tat behandlungsbedürftig ist. Reden Sie ihm gut zu, dass er sich bei uns meldet. Wenn er eine kurze stationäre Behandlung, zu der ich ihm raten würde, ablehnt, sollte sich Ihr Sohn zumindest in ambulante fachärztliche Behandlung begeben. Geben Sie nicht auf. Sie wissen doch: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Ich arbeite in der Pflege und komme mit den Zuständen dort nicht mehr zurecht. Immer mehr Arbeit, die von immer weniger Personal geleistet werden muss. Mein Hausarzt sagt, ich leide an einem Burnout, weil ich andauernd nur noch an die Arbeit denken kann. Er hat mich jetzt krankgeschrieben, aber das hilft mir nicht wirklich. Ich grüble den ganzen Tag und kann nachts nicht schlafen oder wache schon zwischen 2 und 3 Uhr auf. Ich glaube, dass ich Hilfe brauche.

Al-Khatib: Was ich höre, geht in Richtung Depression. Rufen Sie gleich bei Ihrem Hausarzt an und bitten Sie ihn um eine Krankenhaus-Einweisung. Damit melden Sie sich in unserer Aufnahme zu einer stationären Psychotherapie an. Im Anschluss ist auch eine tagesklinische Weiterbehandlung möglich. Und bitte warten Sie nicht zu lange.

Ich bin schon ein bisschen älter und war bisher recht aktiv in unserer Seniorengruppe, habe Ausflüge und Wanderungen für uns organisiert. Meine Kinder und Enkelkinder wohnen ziemlich weit weg. Wir telefonieren zwar regelmäßig einmal in der Woche, aber gesehen haben wir uns das letzte Mal im Herbst. Im Moment sitze ich nur noch zu Hause rum und habe das Gefühl, dass der Tag gar nicht vorübergehen will.

Al-Khatib: Es ist eine harte Zeit für uns alle. Wichtig ist, dass Sie sich eine feste Tagesstruktur schaffen, an die Sie sich unbedingt halten sollten: Jeden Morgen um die gleiche Zeit aufstehen, sich zurecht machen, jeden Tag mindestens einmal rausgehen zum Einkaufen. Lassen Sie sich von Ihren Angehörigen die Videotelefonie erklären, damit sie sich nicht nur hören, sondern auch sehen können. Und dann empfehle ich Ihnen eine Achtsamkeitsübung. Vielleicht stricken oder malen Sie gern. Egal, was es ist, tun Sie es regelmäßig mit voller Hingabe. Verschmelzen Sie mit dieser Tätigkeit, denken Sie ausschließlich daran und lassen Sie sich dabei nicht vom Fernseher oder Radio ablenken. Diese Übung hat etwas Meditatives und hilft Ihnen dabei, wieder ganz bei sich selbst zu sein. Und am Ende kommt vielleicht sogar ein schöner Schal fürs Enkelkind dabei heraus.

Ich bin Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern und arbeite halbtags als Bürokauffrau. Als das mit dem Homeschooling begann, hat mir mein Vorgesetzter gestattet, dass ich von zu Hause aus arbeiten kann, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Das Problem ist, dass ich mich mit allem inzwischen vollkommen überfordert fühle. Auch deswegen, weil wir nur ein Laptop haben. Ich muss also die Kinder nacheinander ihre Aufgaben machen lassen und fange dann mit meiner Arbeit an. Irgendwie schaffe ich das alles nicht und werde weder den Kindern noch meiner Firma gerecht. Ich fühle mich total gestresst und mich ärgert, dass mein Mann so wenig Verständnis für mich hat. Für ihn hat sich so gut wie gar nichts geändert. Er geht morgens aus dem Haus, kommt am späten Nachmittag heim und hat dann Feierabend.

Al-Khatib: Diese Überforderungssituation ist leider in diesen Zeiten sehr verbreitet, weil verschiedene Faktoren zusammen kommen. Es fällt mir nicht leicht, Ihnen den richtigen Rat zu geben. Vielleicht treten Sie zunächst einmal in Kontakt mit Ihrem Vorgesetzten und bitten ihn darum, Ihre Stundenzahl vorübergehend zu reduzieren. Bieten Sie ihm an, die fehlenden Zeiten nachzuarbeiten, damit Ihnen das Geld nicht verloren geht. Was Sie dringend brauchen, ist eine Ruhe-Oase innerhalb Ihrer vier Wände. Das ist absolut kein Luxus, sondern einfach dringend notwendig, damit Sie bei Kräften bleiben. Nutzen Sie diese Rückzugsmöglichkeit regelmäßig. Ich würde Ihnen darüber hinaus empfehlen, Ihren Mann stärker einzubinden. Bitten Sie ihn darum, die Hausaufgaben der Kinder zu kontrollieren, sobald er nach Hause kommt. Und überprüfen Sie die Situation nach einigen Tagen, denn es muss Ihnen damit wirklich besser gehen.

Ich fürchte, ich habe Demenz. Ich bin unsicher, was durch die Einschränkungen des Lockdowns jetzt möglich ist, wie mir geholfen werden kann.

Dr. Christian Mauerer: Es ist wichtig, dass Sie zügig einen Termin in unserer Gedächtnisambulanz vereinbaren. Dort klären wir ab, ob es sich bei Ihnen tatsächlich um Demenz handelt. Bitte bringen Sie dafür hausärztliche Befunde mit. Wir brauchen zum Beispiel verschiedene Blutwerte und Röntgenaufnahmen. Sie können sich auch Hilfe bei niedergelassenen Einrichtungen, beispielsweise der Alzheimergesellschaft, holen.

Ich arbeite in einem Seniorenheim. Aufgrund der Pandemie finden derzeit keine Supervisionen statt. Die Belastung durch die Arbeit ist immens und ich habe keine Möglichkeit, darüber zu sprechen.

Mauerer: Der Einsatz der Pflege ist gerade in diesen Zeiten bemerkenswert. Gerade jetzt ist es wichtig, sich hier auf fachlicher Ebene auszutauschen. Pochen Sie auf diese Gespräche, Sie brauchen Supervision. Es ist wichtig, zeitnah feste Zeiten für Gesprächsrunden einzuplanen. Immerhin müssen schlimme Erlebnisse – gerade in der Zeit einer Pandemie – verarbeitet werden.

Meine Frau hatte einen Schlaganfall. Sie erkennt mich seitdem nicht mehr. Ich weiß nicht mehr weiter. Mir würde es helfen, wenn meine Frau in einem Seniorenheim betreut wird. Aber wegen Corona habe ich Angst, sie in eine solche Einrichtung zu bringen. Schließlich ist in fast jedem Altenheim ein Corona-Ausbruch. Und besuchen könnte ich sie gerade ja auch nicht, wie soll ich dann noch für meine Frau da sein?

Mauerer: Ich verstehe, dass Sie an Ihrer Frau hängen und nicht loslassen wollen. Jemanden zu betreuen, bedeutet aber nicht, die Pflege zu übernehmen. Wenn man selber nicht mehr kann, bringt das niemandem etwas. Sie müssen Ihre Kräfte schonen und einteilen. Das fällt schwer, ist aber für alle Beteiligten das Beste. Sie dürfen sich nicht an die guten Zeiten klammern und denken, es wird schon wieder werden. Verschließen Sie bitte nicht die Augen davor, dass es schlechter werden wird. Manchmal ist ein Altenheim die bessere Lösung.

Durch den Lockdown ist gerade gar nichts möglich, was meiner Seele gut tut. Auch meine Kinder und Enkel sollen mich gerade ja nicht besuchen. Haben Sie Tipps?

Mauerer: In dieser Pandemie sind gerade kleine Gesten ganz viel wert: ein lieber Brief, ein selbst gebackener Kuchen oder ein spontaner Anruf. Das alles hat eine große Wirkung auf das menschliche Gemüt – vor allem wenn die Kontakte eingeschränkt werden müssen. Das größte Problem vieler älterer Menschen gerade ist, dass sie still vor sich hin leiden, weil sie niemandem zur Last fallen wollen. Scheuen Sie sich bitte auch nicht, sich professionelle Hilfe zu holen. Wenden Sie sich ans Bezirkskrankenhaus Bayreuth – dort wird Ihnen geholfen!

Lichtenfels: Psychisch gut durch die Pandemie kommen
Dr. Saleh Al Hamoud, Chefarzt der Lungenfachklinik am Bezirksklinikum Obermain, beschäftigte mit Fragen zu „Post beziehungsweise Long Covid“. Foto: red

Ich mache mir Sorgen um meinen Sohn. Ihm fehlen die Kontakte in der Schule und die Einschränkungen, die Corona für ihn mit sich bringt. Mein Sohn hat immer wieder Wutanfälle, die Situation in der Familie eskaliert.

Es ist ganz normal, dass sich Kinder in der momentanen Situation Sorgen machen. Ein Patentrezept, wie man als Familie damit umgehen kann, gibt es leider nicht. Seien Sie für Ihren Sohn da, versuchen Sie, einen Weg zu finden, damit umzugehen, aber setzen sie auch Grenzen. Manchmal hilft es schon, wenn sich das Kind alles von der Seele reden kann. Zeigen Sie, dass Sie für Ihr Kind da sind und dass Sie seine Sorgen ernst nehmen, nehmen Sie sich aber auch Zeit für sich selbst. Eltern haben es gerade auch nicht leicht.

Meine 13-jährige Tochter macht sich Sorgen, durch die Schulschließung den Anschluss in der Schule zu verpassen.

Steinmann: Nehmen Sie diese Ängste ernst, machen Sie aber Mut und bieten Sie Unterstützung an. Beratung gibt es zum Beispiel auch beim schulpsychologischen Dienst.

Meine Enkelin wird immer ängstlicher. Sie ruft sehr oft bei mir an, hat Angst, dass ich krank werde. Sie war immer schon ein ängstliches Mädchen, aber nun ist es ganz schlimm geworden.

Steinmann: Dieses Verhalten kann auf eine Angststörung hindeuten, die sich gerade entwickelt. Hier ist es wichtig, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hilfe gibt es zum Beispiel in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Bezirkskrankenhauses Bayreuth. In vielen Orten Oberfrankens gibt es Außenstellen der Klinik, auf der Homepage www.gebo-med.de finden Sie wohnortnahe Angebote. Es muss nicht immer gleich ein stationärer Aufenthalt sein, wir haben auch ambulante und tagesklinische Angebote.

Ich hatte eine Infektion mit dem Coronavirus. Auf welche Symptome muss ich achten, die auf Spätfolgen, das sogenannte Post Covid oder Long Covid, hinweisen können?

Dr. Saleh Al Hamoud: Manche Patienten haben die Infektion erst ein paar Wochen, manche schon ein paar Monate hinter sich. Viele der Betroffenen klagen über eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit und ausgeprägte Müdigkeit, oft auch Kopfschmerzen, Husten und Atemnot. Die Lebensqualität der Betroffenen ist aufgrund der Post Covid-Spätfolgen eingeschränkt.

Wie kann ich abklären, ob ich an Post Covid-Folgen leide?

Hamoud: Ihre erste Anlaufstelle wird immer Ihr niedergelassener Arzt sein. Sollte eine spezifische stationäre Abklärung erforderlich sein, können Sie sich in eine Klinik wie unsere Lungenfachklinik in Kutzenberg einweisen lassen. Wir messen die Lungenfunktion und veranlassen eine Spiroergometrie. Wir untersuchen auch das Blut und die Frage, inwieweit Herz oder Gefäße geschädigt sind. Auch psychische Komponenten können eine Rolle spielen. In Zusammenarbeit mit unseren ärztlichen Kollegen am Standort Kutzenberg betrachten wir die Erkrankung aus verschiedenen, sich ergänzenden Blickwinkeln. Das Symptom Müdigkeit kann eventuell auch einen psychologischen Hintergrund haben.

Ich musste coronabedingt auf die Intensivstation verlegt werden. In der Klinik wurde eine Lungenfibrose festgestellt.

Hamoud: Bei einer Lungenfibrose kommt es zu einer chronischen Entzündung und auch Vernarbung des Lungenbindegewebes. Die Sauerstoffaufnahme ist dadurch eingeschränkt. Die Verschlimmerung der Erkrankung lässt sich hinauszögern oder sogar aufhalten. Sie sollten Ihre Lunge daher auch regelmäßig bei einem Lungenfacharzt oder in einer Lungenklinik durchchecken lassen. (red)

 

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