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BAD STAFFELSTEIN

Leserforum: Katholische Kirche hat nicht die theologische Vollmacht

Ein Abonnent schreibt einen Leserbrief an das Obermain-Tagblatt.
Ein Abonnent schreibt einen Leserbrief an das Obermain-Tagblatt. Foto: Andrea Warnecke (dpa-mag)

Ein „Wort zu Besinnung“ zu schreiben, das einerseits dem kritischen Denken gerecht wird und andererseits sowohl Gefühle anspricht als auch das Herz als die Lebensmitte des Menschen erreicht, das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Ich spreche aus eigener Erfahrung.

Pfarrer Hagen teilt mit, dass er einem homosexuellen Männer-Paar, nach einem kontroversen und demokratischen Abstimmungsprozess mit dem Kirchenvorstand, den kirchlichen Segen erteilt hat. Das liegt in seiner Kompetenz als kirchlicher Amtsperson, getragen von einer persönlichen Gewissensentscheidung. Ich möchte an dieser Stelle ergänzen, dass in der Frage, ob homosexuelle Paare in ihrer Lebensgemeinschaft von der Kirche gesegnet werden können, ganz unterschiedliche Meinungen bestehen in der vielfältigen Landschaft nicht nur der evangelisch-lutherischen Kirche, sondern innerhalb der gesamten protestantischen Welt.

Leider überschreitet der Besinnungstext aus meiner Sicht Grenzen, weil er die persönliche Entscheidung zum Maßstab nimmt für herbe Kritik an den anonymen „Herren hinter dicken Mauern“ und deren vermeintlich enge und hohe Mauern in ihrem Denken, Fühlen und Herzen, welche diese „Herren“ in Rom überwinden können, und zwar mit Gottes Hilfe und im Sinne von Psalm 18, so der Ratschlag von Pfarrer Hagen.

Dahinter verbirgt sich seine theologische Kritik an der lehramtlichen Logik, wonach die „liebe(n) Herren hinter dicken Mauern (…) der Welt erklärt haben, dass jede Segnungsform, die homosexuelle Partnerschaften anerkenne, unzulässig sei.“ Diese Erklärung der Vatikanischen Glaubenskongregation, unterstützt von Papst Franziskus, antwortet vor allem auf die Frage: Hat die Kirche die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen? Die Antwort darauf ist ein klares „Nein.“ Die Begründung dafür: die römisch-katholische Kirche hat dazu nicht die theologische Vollmacht. Dafür gibt es kein lehramtliches Fundament, wie Papst Franziskus schon 2016 (in „Amoris laetitia“) formuliert hat. Eine Segnung eingetragener Lebenspartnerschaften oder gleichgeschlechtlicher „Ehen“, wie z. B. in Deutschland möglich, kann sich nicht auf Papst Franziskus berufen. Wer nicht die begründete Position von Papst Franziskus zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare teilt, sollte jedoch bedenken: Er ist einer der „Herren hinter dicken Mauern“, der vor kurzem wieder einmal diese „Mauern“ verlassen hat, um den krisengeschüttelten Mittleren Osten aufzusuchen und religiösen und politischen Frieden zu stiften, auch im Dialog mit dem Islam. Er ist der „Pontifex“ (Brückenbauer), der in seinem bisherigen Pontifikat weltweit beachtete Stellungnahmen zur Erhaltung der Natur, zur Würde des Menschen in der Schöpfung und zum Dialog zwischen den Religionen veröffentlicht hat.

Sehr geehrter Pfarrer Hagen, ich würde mich gerne mit Ihnen darüber unterhalten, mit welchen Argumenten Sie dereinst im „Himmel“ zum Berispiel der Autorität des heiligen Apostel Paulus begegnen wollen, dessen Aussagen zur Homosexualität „heutzutage in einem anderen Licht gesehen werden müssen“, weil Sie sicher wissen, dass Paulus grundsätzlich jede Ausdrucksform von „ungeordneter“ Sexualität als Sünde kritisiert, was heute mehr denn je eine drängende Frage ist.

Auf diese Gespräche und Besinnungen würde ich mich tatsächlich freuen.

Dr. Ralph Fischer

Bad Staffelstein

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