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BAD STAFFELSTEIN

Landwirte am Obermain zum geplanten Verbot des Kükentötens

Landwirte am Obermain zum geplanten Verbot des Kükentötens
Katharina Teuchgräber (und ihr Mann Franz-Josef) holen ihre Legehennen beim Bayerischen Züchter - aber wie lange gibt es den noch? Foto: Monika Schütz

Ein neuer Gesetzesentwurf sorgt bei Geflügelhaltern und Verbrauchern aktuell für Kopfschütteln: Mogelpackung sagen die einen – Verbrauchertäuschung die anderen. Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) werden jedes Jahr in Deutschland etwa 45 Millionen Hühnerküken kurz nach dem Schlüpfen getötet. Dabei handelt es sich um die männlichen Geschwister der Legehennen.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat am 20. Januar ein Gesetz zum Ausstieg aus dem Kükentöten vorgelegt: Der Entwurf zur Änderung des Tierschutzgesetzes zielt auf ein flächendeckendes und schrittweises Verbot des Kükentötens in Deutschland ab Ende 2021. Das gesetzliche Verbot sei erforderlich, um das Töten der Hühnerküken einheitlich zu unterbinden und Verstöße wirksam sanktionieren zu können, heißt es auf der Homepage des Landwirtschaftsministeriums.

Werden Züchter ihre Betriebe ins Ausland verlagern?

„Dass das Gesetz kommt, wissen wir schon länger“, sagt Nebenerwerbslandwirtin Katharina Teuchgräber und führt über ihren Hof zum Hühnerauslauf. Drei mobile Ställe haben sie und ihr Mann Franz Josef. Die Eier ihrer 860 Legehennen verkaufen sie gleich vor Ort in ihrem Hofladen in Bad Staffelstein. Wenn das neue Gesetz in Kraft tritt, werden sie ihre Preise nicht mehr halten können.

Die Familie kauft ihre Legehennen beim Züchter in Mittelfranken. Doch ob der dann – wegen des neuen Gesetzes – seinen Betrieb wie viele Mitbewerber auch ins benachbarte Ausland verlagert? Sie weiß es nicht.

Das Geschlecht des Kükens schon im Ei bestimmen

Landwirte am Obermain zum geplanten Verbot des Kükentötens
Ein so genanntes „Zweihutzungs-Huhn“ - doch wohin geht die Entwicklung? Foto: Monika Schütz

Die Brutzeit eines Hühnereis beträgt 21 Tage. Bis 2024 soll es in Deutschland erlaubt sein, den Brutvorgang abzubrechen, wenn sich bis zum neunten Bruttag herausstellt, dass das Küken männlich sein wird. Ab 2024 gilt dann der sechste Bruttag als Stichtag. Mit Hilfe des spektroskopischen Verfahrens, bei dem das Ei mit einem speziellen Lichtstrahl untersucht wird, soll sich das Geschlecht bereits nach vier Tagen bestimmen lassen, so das BMEL auf seiner Homepage.

Sollte der Embryo männlich sein, wird die Bebrütung abgebrochen. Zwangsläufig ergibt sich daraus die Frage: Was passiert mit den nicht ausgebrüteten Eiern? „Die Entwicklung der männlichen Bruteier wird unmittelbar nach dem Aussortieren durch eine kurze Schockfrostung beendet. Die Eier werden als proteinreicher Futtermittelrohstoff weiterverarbeitet“, so die Auskunft des BMEL.

„Als Landwirt steht man zwischen Gesellschaft und Wirtschaftlichkeit.“
Hans Rebelein, BBV-Kreisgeschäftsführer

Dass die aussortierten Eier weiter verwertet werden, sei sehr sinnvoll, sagt Hans Rebelein, Geschäftsführer des Kreisverbandes Lichtenfels-Coburg vom Bayerischen Bauernverband. In dem Produkt stecke wertvolle Energie, viel Eiweiß und auch viel Arbeit. Das ist aber auch das einzige Positive, was er daran finden kann. Auch Rebelein ist der Ansicht, dass es sich bei dem Gesetz um Verbrauchertäuschung handelt. „Als Landwirt steht man zwischen Gesellschaft und Wirtschaftlichkeit.“

Der BBV-Kreisgeschäftsführer kann sich gut vorstellen, dass einige Eier-Produzenten ins Ausland abwandern und dort produzieren. Außerdem befürchtet er, dass Legehennen gleich im Ausland gekauft werden, um auf deutschem Boden dann deutsche Eier zu legen. So müsste in Deutschland kein Küken getötet werden.

Lange Transportwege für die Tiere statt Regionalität

Die Vorschriften seien ja nur in Deutschland einzuhalten. „Aber man lässt den Import von Produkten, die in Deutschland verboten sind, zu. Dann werden halt Legehennen aus dem Ausland durch die ganze Republik gekarrt. Dann gibt es statt Regionalität nur lange Transportwege für die Tiere“, bedauert er. „Die Weichen werden politisch so gestellt, dass es eigentlich nicht machbar ist!“

Landwirte am Obermain zum geplanten Verbot des Kükentötens
BBV-Obmann Lothar Teuchgräber: „Das Gesetz ist gut gedacht, aber schlecht realisierbar“. Foto: Monika Schütz

Kritisch äußert sich auch der stellvertretende BBV-Kreisobmann, Lothar Teuchgräber: „Das Gesetz ist gut gedacht aber schlecht realisierbar und dank internationaler Handelsrechte nicht umsetzbar.“ Es verlagere die heimische Landwirtschaft ins Ausland: „Die Legehennen, die in Deutschland Eier legen, kommen dann aus Polen oder Tschechien. Da ist nämlich das Kükentöten nicht verboten!“, rollt er verständnislos die Augen.

„Die Legehennen, die in Deutschland Eier legen, kommen dann aus Polen oder Tschechien. Da ist nämlich das Kükentöten nicht verboten!“
Lothar Teuchgräber, stellvertretender BBV-Kreisobmann

Teils hätten die Verbraucher aber auch Mitschuld an der Entwicklung: Ein Hähnchen wachse nun mal nicht bei Aldi in der Gefriertruhe, so der 50-jährige Obmann. Es sei ein Lebewesen. Nur die Wertschätzung bei den Menschen sei nicht mehr da. Dazu hätte auch die Industrie ihren Part beigetragen. Die Leute erschrecken, wenn sie die niedlichen Küken sehen, die in Deutschland getötet werden, doch bei den ganzen Fertigprodukten, in denen Ei verbacken oder verwendet wird, frage sich keiner, wo das herkomme. „Es kommt größtenteils als Flüssig-Ei aus Brasilien! Kekse, Fertigkuchen und Eier-Nudeln – da steht nicht drauf, wo das Ei herkommt!“

Eine mögliche Alternative zum Töten der Hähnchen wären die sogenannten Zweinutzungshühner: Aus den weiblichen Küken werden Legehennen, die männlichen werden gemästet. Bernhard Storath, Bio-Bauer aus Ebensfeld, hat schon länger welche auf seinem Hof. Die jungen Legehennen kauft er bei einem Züchter in Unterfranken. Rund 300 Tiere einschließlich mehrerer Hähne hält Storath und zeigt sich freudig überrascht, dass die Nachfrage trotz der etwas höheren Kosten für ein Ei nach wie vor groß ist: „Die Verbraucher sind bereit, für Regionalität etwas höhere Preise zu zahlen!“

Wo landet das Fleisch aus der Bruderhahnproduktion?

Für die Massenproduktion würde sich das aber nicht eignen. Denn, so Lothar Teuchgräber: „Das Fleisch eines Bruderhahns ist nicht mit dem eines Masthähnchens vergleichbar, es ähnelt eher dem eines Suppenhuhns.“ Und wo dann diese Tonnen von Bruderhahnfleisch jährlich landen, stünde in den Sternen. „Wir befürchten, dass dieses Fleisch auf afrikanischen Märkten entsorgt und dort die mit deutschen Entwicklungsgeldern geschaffenen einheinischen Strukturen zerstören wird.“

Teuchgräber ist gespannt, wie und ob sich die Ministerin äußern wird: Diese Vorwürfe muss sie sich in einem offenen Brief des Bundesverbands mobile Geflügelhaltung gefallen lassen. Und der fordert: „Wir legen Ihnen hiermit nahe, vor allem Ihre Aussage, dass künftig in Deutschland nur noch Eier ohne Kükentöten produziert werden, zeitnah den korrekten Tatsachen anzupassen. Denn in der dargestellten Form ist sie definitiv falsch.“

Von Monika Schütz

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