aktualisiert:

BAD STAFFELSTEIN

Dr. Elisabeth Rauh: Corona fordert die Psyche

Im Therapiegespräch (Situation gestellt) werden gemeinsam Informationen verarbeitet. Foto: Esther Schadt

Der coronabedingte Lockdown im Frühjahr bedeutete große Veränderung im alltäglichen Leben der Menschen. Es durften keine Freunde mehr besucht werden und man hielt sich den ganzen Tag im Haus auf. „Ich habe gemerkt, dass ich mich irgendwie schon mein Leben lang im Lockdown befinde“, so erlebte eine junge Frau diese Zeit. Sie leidet an Depressionen und der Aufenthalt fernab sozialer Kontakte ist für sie normal.

Dr. Elisabeth Rauh, Chefärztin des Fachzentrums für Psychosomatik und Psychotherapie an der Schön Klinik Bad Staffelstein erklärt: „Zuvor hat sich die Patientin dafür geschämt. Nun sah sie es als eine Entlastung, da sie nicht mehr die Einzige ist.“ Im Klinikalltag hat die Chefärztin regelmäßig mit psychisch Erkrankten zu tun, deren Diagnose im direkten Zusammenhang mit der Corona-Krise steht.

Angst als ein Aufmerksamkeitsphänomen

Die Angst vor einer Erkrankung ist von Natur aus in uns verankert. „Der Mensch schaut immer auf das Überleben“, berichtet Rauh. In der Angst erhöhe sich die Aufmerksamkeit auf alles, was potenziell gefährlich sein kann. „Gerade erkennen wir, wie ,gefährlich' wir zuvor gelebt haben“, meint sie. „Im Alltag haben wir jetzt kleine hypochondrische Phasen, wenn wir beispielsweise einen Türgriff anfassen oder in den Supermarkt gehen.“ Der Mensch sei aber grundsätzlich zuversichtlich veranlagt.

„Diese Ängste werden sich beruhigen, da wir derartige Situationen täglich überleben und langsam bilden sich dann auch die Aufmerksamkeitsphänomene wieder zurück.“ „Wir werden lernen, mit Seuchenschutz zu leben“, so die Ärztin. Viele Menschen seien bereits daran gewöhnt, Maske zu tragen. Diese sei nicht mehr von vorneherein gesprächs- oder kontaktverhindernd.

„Corona hat jeden gestresst: nicht nur psychisch Kranke, sondern auch Gesunde“, erinnert sie sich. Es sei hier eine Frage der Krafteinteilung: „Für wie lange muss ich die Stresssituation aushalten?“. „Das ist derzeit das unglaublich Stressige, da kein klares Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist. Wir wissen auch nicht, wie lange der Tunnel noch geht.“ Diese innere Haltung, dass niemand weiß, wie es weiter geht und wie lange der aktuelle Zustand noch bestehen bleibt, löse im Menschen maximalen Stress aus.

Corona wirkt beziehungsstiftend

„Psychisch Kranke kennen das, sie haben das dauerhafte Gefühl, dass es nicht mehr aufhört, was sehr unangenehm ist“, berichtet Ärztin Rauh. Permanenter Stress kann zu Erkrankungen wie Depression, Zwangserkrankungen oder Essstörung führen.

„Besonders Menschen, die bereits ein Risikoprofil für Essstörungen haben, sind gefährdet.“ Rauh erinnert sich an einen Patienten, der an Bulimie erkrankt ist und Essen auch zur Beruhigung nutzt. „Er hat nach dem Einkaufen seine Vorräte gleich am ersten Tag gegessen. Die Langeweile zuhause, das ständige Fernsehschauen, unter anderem von Kochshows stressten ihn.“

„Das ist derzeit das

unglaublich Stressige, da kein klares Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist. Wir wissen auch nicht, wie lange der Tunnel noch geht.“

Dr. Elisabeth Rauh, Chefärztin

Zwangspatienten seien oftmals von der Gesellschaft unverstanden. „Corona bietet eine riesige Chance, dass Gesunde psychisch Erkrankte verstehen und erkennen, wie es sich anfühlt, wenn man aus Angst vor Krankheitsübertragung, sich beispielsweise mehrmals täglich die Hände desinfizieren muss“, meint Rauh. Dadurch kann die Pandemie auch gegenseitiges Verständnis fördern.

„Es gibt verschiedene Auslöser für psychische Erkrankungen“, erklärt die Ärztin. Diese Auslöser seien oft nicht direkt behandelbar. „Die Menschheit befindet sich gerade in einer Leidensgemeinschaft. Alle leiden unter den gleichen Bedingungen.“ Sobald Kollektivität entstehe, seien derartige Situationen für Menschen erträglicher. Das sogenannte „Selbstmitgefühl“ sei somit eine wichtige Technik. Das universale Gefühl dient als Hilfe zur Bewältigung: „Wir alle, nicht nur eine Gruppe, haben Angst.“ „Wir Menschen wissen, dass Krankheit und Leid zum Leben dazugehören. Daher bin ich recht zuversichtlich, dass wir diese Herausforderung psychisch meistern werden.“

Wartezeiten verlängerten sich

Psychosomatische Behandlungen sind geplant und somit ereilte diese das gleiche Schicksal, wie geplante Operationen – Ärzte und Betten mussten zunächst freigehalten werden. „Dadurch haben sich die Wartezeiten verlängert.“ Ambulante Therapeuten seien auch zunächst verunsichert gewesen, da Gefahren oder Schutzmöglichkeiten noch nicht bekannt waren. So entstand eine Verschlechterung der Versorgung mit Psychotherapie. Dementsprechend wichtig war es, Online-Therapieangebote zu kennen.

Hier sei die Online-Therapie per „MindDoc“ eine gute Möglichkeit. „Psychotherapie ist ein Gespräch. Es geht nicht um das Treffen an sich, sondern um die gemeinsame Verarbeitung von Informationen“, erklärt die Ärztin. Besonders jetzt sei eine gute Förderung nötig, um in Notsituationen agieren zu können.

„Ein echtes Gespräch ist vom Erleben natürlich anders, aber durch MindDoc haben wir überhaupt die Möglichkeit, mit den Patienten zu reden, was ganz wichtig ist.“

MindDoc im Überblick

Die Wirksamkeit von Online-Intervention ist umfassend erforscht und wurde bereits vielfach durch Studien belegt. MindDoc ist ein Angebot der Schön Klinik, das eine telemedizinische Versorgung psychisch erkrankter Menschen anbietet. Die Behandlung erfolgt durch approbierte Psychotherapeuten und wird per Videokonferenz und Chat über eine verschlüsselte Therapieplattform erbracht. Per App kann die Therapie begleitet werden. Das Angebot erfreut sich bei Patienten großer Beliebtheit und wird von vielen Krankenkassen erstattet.

Unter www.minddoc.de können potenzielle Patienten einen Selbsttest durchführen. Falls die Ergebnisse auf ein psychosomatisches Krankheitsbild hindeuten, ist die Vereinbarung eines Erstgespräches mit einem Psychotherapeuten möglich. Bei Eignung des Patienten kann mit der Online-Therapie begonnen werden.

Chefärztin Dr. Elisabeth Rauh sieht die Gesprächsmöglichkeit als Herzensangelegenheit. Foto: red

Von Esther Schadt

Weitere Artikel