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BAD STAFFELSTEIN

CHW-Vortrag über die Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg

CHW-Vortrag über die Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg
Als „bemerkenswert“ bezeichnete der Referent den Opfergeist und die Anstrengung, die die Bevölkerung an den Tag legte, als Mitte des 17. Jahrhunderts die Adelgundiskapelle errichtet wurde. Foto: Wikipedia Tors

Klar wäre es angesichts der seelischen Beglückung, die den zum Staffelberg hinauf Wandernden schon auf dem Weg dorthin erfüllt, vorzuziehen gewesen, den Vortrag über die Historie der Adelgundiskapelle vor Ort genießen zu können. Dass die 140 Zuhörer und Zuhörerinnen von Prof. Dr. Günter Dippold Pandemie-bedingt mit der Online-Version der CHW-Veranstaltung vorlieb nehmen mussten, tat der Wertigkeit keinen Abbruch.

Nachdem er seine Freude über den „vollen (virtuellen) Saal“ zum Ausdruck gebracht hatte, widmete sich der Referent der auf einer Gedenktafel am Staffelbergaufstieg vermittelten Mär. „Dieser Berg ist heilig, ich bin nicht würdig, ihn mit Schuhen zu betreten“, soll demnach der damalige Weihbischof Dr. Johann Melchior Söllner, der am 8. Juli 1654 die Adelgundiskapelle weihte, ausgerufen, seine Schuhe ausgezogen und barfuß den Berg erstiegen haben.

Der Staffelsteiner Pfarrer hätte ein derart ungewöhnliches Handeln sicher aufgezeichnet, so Dippold. Er bezeichnete die Erzählung daher als „Fantasieprodukt“, betonte allerdings im selben Atemzug: „Auch ohne diese Geschichte ist die Entstehung dieses Kirchenbaus bemerkenswert genug.“

Zunächst beleuchtete Dippold die Vita der späteren Kirchenpatronin Adelgundis, die, 630 als Tochter eines Grafen geboren, gegen den Willen ihrer Eltern ihre ganze Liebe Gott schenkte, ein Kloster gründete und heute als Schutzpatronin gegen Krebs gilt. Es sind eine Reihe von Wundern im Zusammenhang mit Sankt Adelgundis überliefert, die seit dem achten Jahrhundert als Heilige verehrt wird. Ein Deckengemälde in der Adelgundiskapelle erinnert an die Legende, wonach bei der Einkleidungsfeier Adelgundis' zur Nonne eine weiße Taube den Schleier ergriffen und auf ihren Kopf gelegt hat.

CHW-Vortrag über die Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg
CHW-Vorsitzender und Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Günter Dippold vermittelte die historischen Zusammenhänge mit Sachverstand und voller Liebe zur Heimt. Foto: Screenshot: Mario Deller

Ob es zuvor kirchliche Bauten auf dem Staffelberg gab, ist weiter offen. Erstmals erwähnt wird eine Adelgundiskapelle anno 1419. Aufgrund eskalierender reformatorischer Bewegungen wurde sie 1525 in Brand gesetzt, so wie auch die Gotteshäuser in Vierzehnheiligen, Langheim und Banz. Während die architektonischen „Aushängeschilder“ erneut aufgebaut wurden, blieb die Staffelbergkirche zunächst Ruine mit ein paar Außenwänden und dem Chor als Erinnerung. Nach turbulenten Zeiten und einer Gegenreformation entwickelten sich in den 1620er-Jahren Bestrebungen, die Kapelle auf dem Staffelberg wiederzuerrichten. 1651 legten die Mitglieder der Pfarrgemeinde Staffelstein einen Eid ab, sie würden „alles auffs eyffrichst ins Werck setzen“. Dieses Versprechen hielt die Bevölkerung am Obermain nach der Baugenehmigung im Folgejahr in beeindruckender Weise, wie der Vortrag deutlich machte.

Nicht nur Staffelsteiner, sondern aus Menschen aus etlichen weiteren umliegenden Orten von Uetzing bis Döringstadt leisteten Fuhrdienste oder halfen, wie es in Schriften heißt, beim „Stein brechen, Wasser tragen, Sandt graben“. So konnte am 28. September 1653 feierlich der erste Gottesdienst in der Adelgundiskapelle begangen werden.

„Der damalige Opfergeist der einfachen Leute, das ist das wirklich Bemerkenswerte an dieser Kirche“, betonte Dippold – vor allem angesichts der geradezu apokalyptischen Situation jener Zeit. Der Dreißigjährige Krieg war noch nicht lange vorüber, das Land verwüstet. Die Menschen hatten Traumatisches erlebt, litten Not. Auch die Staffelsteiner Region war vom verheerenden Einfall der Truppen ab 1631 nicht verschont geblieben. Brandruinen bestimmten das Bild der Orte.

CHW-Vortrag über die Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg
Sie führte ein Leben für Gott, widersetzte sich hierfür sogar dem Willen der eigenen Eltern. Das Kirchlein auf dem Staffelberg wurde der Heiligen Adelgundis gewidmet, hier eine Darstellung von 1716. Foto: Screenshot: Mario Deller

„Ein Kirchenbau in dieser Zeit und noch dazu in solcher Lage – das nötigt uns noch heute Respekt ab“, hob der Referent hervor. Bei allem Einsatz der Bürger wäre die Adelgundiskapelle aber undenkbar ohne den damaligen Staffelsteiner Pfarrer Jakob Winckelmann, fuhr Dippold fort. Der umtriebige Geistliche organisierte den Bau und kümmerte sich über Jahrzehnte um die Komplettierung der Ausstattung von einer silbernen Adelgundis-Statue bis zur Orgel. Zugleich förderte Winckelmann den Kult um die Kirchenpatronin mit dem Bestreben, den Staffelberg zum Wallfahrtsziel zu machen, dokumentierte etwa Wunder, die auf die Fürbitte der Heiligen Adelgundis geschehen sein sollen.

Der spektakulärste Versuch Winckelmanns, die Attraktivität der Kapelle zu steigern, bestand darin, dass er an die Empore Bilder von 16 Heiligen malen ließ, wohl um eine Sechszehn-Nothelfer-Verehrung zu etablieren. Das freilich rief den Langheimer Abt Mauritius Knauer auf den Plan, dem die Bestrebungen Winckelmanns schon zuvor ein Dorn im Auge waren.

Knauer vermutete, der Staffelsteiner Geistliche wolle die althergebrachte Wallfahrt nach Vierzehnheiligen verdrängen, und forderte daher die Beseitigung der Gemälde. Die Geistlichen Räte des Bischofs entgegneten jedoch, sie könnten „nit befinden, warumbern sich iemand ob solchen Gemähl etwas zu beschweren habe“, so dass die später restaurierten Heiligenbilder bis zum heutigen Tag erhalten blieben.

Große Bedeutung erlangte die Adelgundiskapelle laut Dippold schon früh im Zusammenhang mit der Karfreitagsliturgie. Dies war wohl der Grund, warum das Gotteshaus 100 Jahre nach der Weihe eine Erweiterung des Langhauses erfuhr. Auch im Inneren erhielt das Kirchlein ein neues Gesicht. Beispielhaft genannt seien die außergewöhnlichen Deckenfresken des Tüchnermeisters Martin Seelmann.

CHW-Vortrag über die Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg
Durch das vom Eremiten Jakob Heß 1751 errichtete „Heilige Grab“ mit drei beweglichen Figurengruppe erlebte die Adelgundiskapelle zur damaligen Zeit einen nochmaligen Aufschwung als Anziehungspunkt für Gläubige. Foto: Wikipedia Benreis

Der seinerzeit zweite Eremit auf dem Staffelberg, Jakob Heß, baute 1751 schließlich das „Heilige Grab“ mit drei beweglichen Figurengruppen. Durch dieses wurde der Staffelberg endgültig zum Anziehungspunkt. „Vom enormen Eindruck, den das Heilige Grab damals gemacht haben muss, können wir uns heute kaum eine echte Vorstellung machen“, unterstrich Dippold. So ist im 18. Jahrhundert die Rede davon, dass am Gründonnerstag über 6000 Menschen mit Fackeln den Berg bestiegen hätten. Dann folgte aber die Zeit der Aufklärung und mit ihr 1803 sogar das Verbot des Aufstellens heiliger Gräber von Staats wegen. „Trotz solcher Einschränkungen blieb der Staffelberg aber ein heiliger Berg“, stellt Dippold fest.

Und auch in den folgenden Jahrhunderten blieb das Kirchlein nicht seinem Schicksal überlassen, immer wieder erfolgten Investitionen. So erhielt die Kapelle 1866 eine neue Orgel, 1871 einen neugotischen Turm und in den 1960-er-Jahren wurde das zwischenzeitlich von einem heimischen Künstler übermalte barocke Deckenfresko wieder freigelegt. Auch wenn die Adelgundiskapelle einfach zum Staffelberg gehört, nimmt sie in Sache religiöser Anziehungskraft nicht mehr die Bedeutung früherer Jahrhunderte ein, so der abschließende Tenor des gelungenen Online-Vortrags. Zugkraft hat der Staffelberg bis heute, fraglos. „Aus dem von Pfarrer Winckelmann propagierten Adelgundisberg wurde ein Scheffelberg, nicht zuletzt durch die flotten Verse Victor von Scheffels und dank der Melodie eines Valentin Eduard Becker“, konstatiert Dippold.

Von Mario Deller

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