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KUTZENBERG

Bezirksklinikum Kutzenberg setzt auf Deeskalationstraining

Bezirksklinikum Kutzenberg setzt auf Deeskalationstraining
Aufeinander zugehen:Pflegekraft Elfriede Dirauf (re., kauernd) mimt eine Patientin, die sich in einer psychischenAusnahmesituation befindet und sich nicht mehr von der Stelle bewegt. PflegekraftLinda Schmitt (li.) zeigt, wie es möglich ist, behutsam auf die Patientin einzugehen, sichbuchstäblich anzunähern und auch räumliche Distanz zu überwinden. Christian Kämpf (stehend) und DavidMüllich (re.), Deeskalationstrainer am Bezirksklinikum Obermain, geben Tipps. Foto: red

Wohin bewegt sich unsere Gesellschaft? Verbale Grenzüberschreitungen und handgreifliche Auseinandersetzungen scheinen sich auszubreiten. Weitgehend einig sind sich Psychologen und Vertreter anderer wissenschaftlicher Disziplinen: Verbale Respektlosigkeiten wie auch Handgreiflichkeiten nehmen in einem Maß zu wie die soziale Verantwortung abnimmt.

Auch ein Krankenhaus ist nur ein Spiegelbild der Gesellschaft und damit gesellschaftlichen Veränderungen ausgesetzt. Kranke und schwerkranke Menschen, in einer behandlungsbedürftigen Notlage und nicht selten mit psychischen Beeinträchtigungen, treffen auf Klinikmitarbeiter, die sich mit Ihrem Know-How und ihrer Fürsorge einbringen, um ihnen und ihren Angehörigen zu helfen. Dabei macht es einen Unterschied, ob die Klinik in einem Raum mit eher ländlicher Struktur steht oder in einer größeren Stadt mit ihrer typischen Anonymität. Und es macht einen Unterschied, ob sich ein Mensch lediglich als Patient mit individueller Aufnahmenummer kalten und empathielosen Behandlungsprozessen ausgeliefert sieht oder sich in einer überschaubaren Klinikwelt gut aufgehoben und als Persönlichkeit wahrgenommen fühlt.

Bei Schulungen lernen die Mitarbeiter, mit Konflikten umzugehen

Am Bezirksklinikum Obermain in Kutzenberg stellt man sich seit vielen Jahren systematisch dieser Problematik, wie die Einrichtung mitteilt. Das Fachkrankenhaus mit 278 Betten stellt die medizinische Versorgung von Patienten mit psychiatrischen und psychosomatischen Erkrankungen sowie Rheuma- und Lungenerkrankungen sicher. Um die Entstehung von potenziellen Konfliktsituationen zwischen Patienten und Mitarbeitern bereits im Anfangsstadium zu erkennen und deeskalierende Schritte einzuleiten, geht man seit Jahren einen besonderen Weg. Ein systematisches Deeskalationsmanagement hilft, verbale Aggressionen in Form von Beleidigungen und Beschimpfungen wie auch handfeste Tätlichkeiten zu verhindern oder rasch einzudämmen.

Gerade auch für Stationspersonal, das sich um Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen kümmert, ist dieser „Werkzeugkasten“, der in speziellen Trainings erlernt wird, unverzichtbar. David Müllich und Christian Kämpf gehören zum Team der ausgebildeten Deeskalationstrainer am Bezirksklinikum. „Mit Worten regulierend einzuwirken, das gehört in der Pflege zum Berufsalltag. Und gerade das hat auch in unserem Konzept einen herausragenden Stellenwert“, bekräftigen beide. „Zusätzlich unterstützen wir unsere Kollegen auch beim Erlernen von Verhaltensweisen und Techniken, um sich im Extremfall einem körperlichen Übergriff zu entziehen.“

Werden Patienten verbal beruhigt, ist eine Fixierung nicht notwendig

Dabei geht es nicht nur um die Abwehr einer Gefahrenlage, sondern auch das richtige Fluchtverhalten. Die Mitarbeitenden des Pflegedienstes lernen darüber hinaus, aggressive Patienten im Team körperlich zu halten und verbal zu beruhigen, so dass sich weitere Zwangsmaßnahmen wie Fixierungen deutlich reduzieren. Sehr wichtig ist beiden Trainern auch die Hilfestellung für Mitarbeiter, die nach einem Zwischenfall Unterstützung bei der Verarbeitung des Geschehenen benötigen. Die Kursteilnehmer lernen, auf welche Symptome sie bei ihren Kollegen zu achten haben, die einer starken psychischen Belastung ausgesetzt waren. Im festen Turnus besuchen Müllich und Kämpf Fortbildungen. Sie bieten ihren Kollegen mehrmals im Jahr Grundkurse und Auffrischungsseminare an.

„Wir finden es prima, dass unser Arbeitgeber Kenntnisse im Bereich Deeskalation regelmäßig vertiefen lässt. So können wir im Ernstfall schnell und professionell reagieren und vor allem empathisch Prävention betreiben, wenn wir uns immer wieder auch in die Situation des Patienten versetzen“ zeigen sich Elfriede Dirauf und Linda Schmitt begeistert über dieses Fortbildungsangebot. Beide arbeiten im Pflegedienst der Klinik. Das Deeskalationstraining gebe ihnen Handlungssicherheit. Auch im Alltagsumgang mit kritischen Situationen mache sie das Training sicherer. Entscheidend sei es, dem Grund für die unangemessene Äußerung oder das Fehlverhalten eines Menschen auf die Spur zu kommen. Denn darin liege bereits ein Teil der Problemlösung und somit der Weg, Konflikte nachhaltig einzudämmen.

Klinik gut gerüstet für TBC-Einheit für uneinsichtige Patienten

Bezirksklinikum Kutzenberg setzt auf Deeskalationstraining
Üben für den Ernstfall:Die Pflegekräfte Elfriede Dirauf (2. v. li.) und Linda Schmitt (3. v. li.) trainieren, wie man sich einemphysischen Übergriff entziehen kann. David Müllich (li.) und Christian Kämpf (re.) gehören zum Team derDeeskalationstrainer am Bezirksklinikum Obermain. Foto: red

„Professionelles Deeskalieren gehört zu den Grundtugenden einer guten Pflegekraft“, ergänzt Pflegedienstleiter Steffen Wehrle. „Es hilft allen Beteiligten ungemein, wenn mit geschultem Blick Konflikte bereits im Frühstadium erkannt und Zuspitzungen verhindert werden können.“ Gerade auch deshalb sieht sich Wehrle für die Inbetriebnahme einer bundesweit einmaligen, beschützenden TBC-Einheit für krankheitsuneinsichtige Patienten gut gerüstet. Für diese Station brauche das Klinikum Pflegemitarbeiter mit hoher sozialer Kompetenz. Denn bereits Anfang 2022 soll es dort losgehen. Mit einem detaillierten Sicherheitskonzept und einem zusätzlichen Sicherheitsdienst direkt auf Station.

„Bei uns kann man nicht nur gutes Geld verdienen“, stellt Wehrle klar. „Wir bereiten unser Personal mit einem breitgefächerten Maßnahmenkatalog und intensiven Trainings auf diese wichtige und interessante Aufgabe vor, was mir auch immer wieder Bewerber bestätigen, die von anderen Kliniken kommen.“

Das Kutzenberger Deeskalationsprogramm steht nicht nur dem Pflegepersonal, sondern allen Beschäftigtengruppen offen, die direkten Patientenkontakt haben. So haben kürzlich Mitarbeiterinnen des hauseigenen Reinigungsdienstes die Schulung absolviert. Auch Polizeibeamte nahmen als externe Gäste teil. Am Bezirksklinikum Obermain hieten sich daher Übergriffe in Form von Beschimpfungen oder gar Tätlichkeiten in sehr überschaubaren Grenzen. (red)

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