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BAD STAFFELSTEIN

Auftragsboom in der Bad Staffelsteiner Nähstube

Auftragsboom in der Bad Staffelsteiner Nähstube
Sabine Zielina mit einer Winterjacke: diese hierbraucht einen neuen Reißverschluss. Foto: Monika Schütz

Einen abgerissenen Jackenaufhänger bekommt man vielleicht noch hin. Er muss ja nicht perfekt aussehen - nur halten. Bei einem kaputtem Reißverschluss wird es schon schwieriger. Die erste Frage stellt sich von selbst: Wer kann das? Die zweite Frage ist zwangsläufig die nach den Kosten: Lohnt es sich überhaupt? „Einfach mal fragen, es ist meist günstiger, als man denkt“, rät Sabine Zielina von der Nähstube. Ihr Mann Oliver ist der Chef des Betriebes in der Bamberger Straße 11 in Bad Staffelstein. Hier arbeiten Lilo Müller, die frühere Geschäftsinhaberin Karin Wendler, Renate Grottenmüller und eben Sabine.

Nach der Schule erlernte sie, wie ihre drei Kolleginnen auch, den Beruf der Schneiderin. Da gab es in der Berufschule Lichtenfels noch Schneiderklassen, erzählt die 56-Jährige. Dann folgte das Berufsleben in der Striwa. Viele Arbeits- und Ausbildungsplätze gab es in dieser Lichtenfelser Firma, die 2001 in die Insolvenz ging. Mittlerweile gibt es keine einzige Berufschulklasse mehr. Auch in den Schulen im Werk- oder Handarbeitsunterricht ist das Fach Nähen verschwunden. Stattdessen heißt es „textiles Gestalten“ - das hat mit ihrer jetzigen Arbeit nicht viel zu tun.

Sabine Zielina ist zwar Änderungsschneiderin, wie die anderen Mitarbeiterinnen auch, aber eine Tätigkeit wird in den letzten Jahren immer wichtiger: das Reparieren, das Flicken und Ausbessern. Nicht nur, dass das Wissen um diese Handwerkskunst schwindet, weil die Tante oder die Oma, die das noch konnte, älter geworden oder verstorben ist. In der heutigen Wegwerfgesellschaft ist es bequemer, ein neues Teil - vielleicht noch günstiger als das alte - zu kaufen.

Die Gäste bringen ganze Pakete mit

Auftragsboom in der Bad Staffelsteiner Nähstube
Die linke Seitennaht des Leopardenkleides istaufgerissen und ausgefranst: Sabine Zielina begutachtet das Malheur. Foto: Monika Schütz

In den letzten Jahren jedoch habe sich das Bewusstsein geändert: „Die Leute leben nachhaltiger“, freut sich Sabine Zielina. Nicht wenige Gäste der Stadt verbringen im Jahr ein-, zweimal ihren Urlaub oder ihre Kur hier und bringen zu Beginn ihres Aufenthaltes ganze Wäschepakete vorbei, die sie dann geflickt, gestopft oder neu gesäumt wieder mit heim nehmen. „Viele kennen wir schon lange, und wir freuen uns jedes Mal, wenn sie vorbeischauen“, sagt Näherin Sabine Zielina. Aber auch viele Einheimische zählen zur Kundschaft. „Wir reparieren alles, was unter eine Flachbettmaschine passt“. Da kann schon mal ein Sonnensegel dabei sein. Oder ein Hundebett, dass zu sehr unter der Liebe des Vierbeiners gelitten hat.

Auch Gardinen, Tisch - und Bettwäsche reparieren die vier Frauen. Und es wird mehr. Der Anteil an der Flick- und Ausbesserungswäsche gegenüber den Änderungsarbeiten beträgt mittlerweile um die 50 Prozent. „An Gesäßtaschen versteppen!“ schreibt Sabine Zielina auf den kleinen Auftragszettel, den sie an einer Herrenjeans befestigt - oder„linke Seitennaht aufgerissen und ausgefranst“ bei einem Lieblingskleid im Leopardenlook. Die vier Industrienähmaschinen der Schneiderinnen haben wieder etwas zu tun. „Arbeit haben wir genug“, ist Sabine sicher.

Kurse bei der Volkshochschule

Mit Nadel, Faden und arbeiten zu lernen kann man auch bei der Volkshochschule. Jutta Hellmuth ist die Ansprechpartnerin für die VHS-Außenstelle Ebensfeld. Aktuell finden drei VHS -Kurse statt: Nähen für Erwachsene, für Kinder/Anfänger und für Fortgeschrittene. Bis vor wenigen Jahren hatte die Volkshochschule auch Reparaturkurse für Bekleidung angeboten, wie Löcher oder Risse reparieren und flicken. Dies soll eventuell ab Frühjahr wieder ins Programm aufgenommen werden. „Ich würde gern wieder einen Reparaturkurs anbieten“, so Jutta Hellmuth. Bis es soweit ist, unterrichtet die aus Ebern stammende Schneidermeisterin Kerstin Engelbrecht-Finzel „nur“, wie man neue Kleidung selbst herstellt.

 

Von Monika Schütz

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