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Wort zur Besinnung: Angst ist kein guter Ratgeber

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Wort zur Besinnung

Ja, wer hätte das gedacht, dass unser wohlgeordnetes, gut organisiertes Leben so aus den Fugen gerät.

Katastrophenfall, Einschränkungen, Verbote; Schulen, Kindergärten, Geschäfte, Freizeiteinrichtungen, Versammlungsorte geschlossen und sogar die Gottesdienste müssen ausnahmslos ausfallen. Menschen, die mit angespannten, aufgeregten Gesichtern volle Einkaufswägen vor sich her schieben, ein Schubser hier, ein schneller Griff dort: „Wo ist denn das Klopapier“ - „Schlimmer als Weihnachten und Ostern zusammen“ – so eine Verkäuferin an der Kasse des Supermarktes müde und angenervt. Auch privater und sozialer Umgang, völlig neu: kein Handschlag, nicht zu lange Gespräche, immer 1 ? m Abstand halten, Nicken reicht oder der neu erfundene Ellebogenstubser. Und ich merke selbst, wie sich Sorge, Angst und Furcht leise in mich hinein schleichen, zu einem ständigen Begleiter werden.

„Das schickt bestimmt Gott als Botschaft, Lektion oder gar Strafe für das und das!“ - so höre ich in diesen Tagen immer öfters. Ich jedenfalls teile diesen Glauben nicht. Ich glaube vielmehr an einen Gott, der uns gerade in Not und Leid, in Gefahr und Krankheit, in Furcht und Angst besonders nahe ist. Der selber verzweifelt und gequält am Kreuz hing und seine Angst und Gottverlassenheit hinausrief, bis er unter größten Schmerzen starb. Und ich glaube auch an einen Gott, der die quälende Angst und selbst den Tod mit der Auferstehung zerstört hat. Eine Auferstehung, die nicht nur dem Einen damals, sondern allen gilt. Eine Auferstehung nicht nur im Dahinter, sondern eine Auferstehung für jeden mitten in seinem Leben der Angst und Furcht. In wunderbarer Weise drückt das ein biblisches Wort aus dem 2. Timotheusbrief aus, Ihnen allen in diesen Tagen sozusagen als Corona-Mantra in Herz und Seele geschrieben: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ -

Nein – Angst ist kein guter Berater. Angst fesselt, quält, „essen Seele auf“ (R.W. Fassbinder), macht schlaflos, bringt Bauch, Kopf und Herz durcheinander, macht das Leben finster. Dagegen gibt uns Gott Kraft, Lebenskraft, Lebensmut und Lebensenergie, „mit ihm über Mauern zu springen“ (Ps. 18,3), zuversichtlich die Gegenwart zu bewältigen und in die Zukunft zu schauen. Er gibt Liebe zum Miteinander, gemeinsam mit anderen für andere da zu sein, helfend und tröstend, den anderen vielleicht fragend, was er braucht an konkreter Unterstützung oder seelischen Beistand. Er schenkt Besonnenheit – ganz wichtig in diesen Tagen – Hirn, Verstand, Vernunft, nicht Fake News, Angstmache und Angstmachern zu folgen, die ihr Geschäft mit der Panikmache betreiben, sondern vertrauensvoll und entschlossen „Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Übrigens, das schönste und beeindruckendste Zeichen in diesen Tagen, sozusagen das konkret umgesetzt, was unser biblisches Wort sagt, sind die „Balkonsänger und –sängerinnen in Italien und Spanien unter dem Motto: „Tutto andra bene!“ auf deutsch „Alles wird gut!“, geschrieben auf bunten Transparenten. Laut, lachend und zuversichtlich singen sie sich abends von ihren Balkonen gemeinsam und gegenseitig Mut zu, eine Ansteckung der ganz anderen und besonderen Art. Ja, ich weiß, wir sind Franken und keine Italiener oder Spanier, aber Lebensmut, Lebensfreude, Kraft, Liebe und Besonnenheit stecken auch in uns allen und diese ansteckend weitergeben, das können wir allemal.

Gott behüte und beschütze Sie.

Matthias Hagen,

evangelischer Pfarrer in Bad Staffelstein

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