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BAD STAFFELSTEIN / EBENSFELD

Neue Erkenntnissse zum keltischen Zangentor am Staffelberg

Neue Erkenntnissse zum keltischen Zangentor am Staffelberg
Im Bereich des Tores inklusive Dach 12,50 Meter hoch, eine Breite von rund sieben Metern und fünf Meter hohe und 600 Kilogramm schwere Eichenholz-Tore – das sind die eindrucksvollen Dimensionen des vermutlichen bedeutendsten Eingangs zur keltischen Siedlung Menosgada auf dem Staffelberg. Foto: red

Ein Stück Heimathistorie tritt ans Tageslicht. Die Kapitel sind längst geschrieben, doch nicht in Worten, sondern mit Steinen, Nägeln und Pfostenlöchern. Man muss nur darin lesen können. Rund 60 Bürger lauschten im Rahmen des CHW-Vortrags im, bis auf den letzten Platz vollen, Ebensfelder Pfarrheim einem Mann, der dies hervorragend versteht. Dr. Markus Schußmann, der die nun abgeschlossenen Ausgrabungen an Stelle eines vor über 2000 Jahren dort befindlichen keltischen „Zangentors“ auf dem Staffelberg leitete, gab einen spannenden Einblick in das Aufsehen erregende Projekt, welches mit einer Rekonstruktion vor Ort sein krönendes Finale erfahren soll.

Glücklicherweise gibt es nicht nur negative Überraschungen, sondern hin und wieder auch positive. 2017 wurden Sondageschnitte getätigt, um zu prüfen, ob sich die Grabungen auf dem Staffelberg überhaupt lohnen. Hinter das eindeutigem „Ja“ können mittlerweile noch einige Ausrufezeichen gesetzt werden. Was Ausgrabungsleiter Schußmann und sein Team in der am Ende 15 Monate währenden Grabungsphase zutage förderten, übertraf wohl selbst die Hoffnungen der kühnsten Optimisten.

Neue Erkenntnissse zum keltischen Zangentor am Staffelberg
Ein Leichnam wurde nicht gefunden, doch alles deutet auf den Fund eines Kindergrab als rituelles Bauopfer hin. Foto: Philipp Schenkel

Herzlich hieß Gerhard Neuberger von der CHW-Bezirksgruppe Ebensfeld-Zapfendorf den fachkundigen Referenten willkommen, der ohne viel Umschweife den Zuhörern ein anschauliches Bild vom Projekt vermittelte und auf diese Weise auch von der facettenreichen archäologischen Arbeit.

Die Dimensionen sind beeindruckend

Neue Erkenntnissse zum keltischen Zangentor am Staffelberg
Dr. Markus Schußmann hat als Ausgrabungsleiter das für die Region am Obermain bedeutungsvolle Projekt von Anfang an begleitet. Foto: Mario Deller

Vier Zugänge zur keltischen Siedlung Menosgada auf dem Staffelberg hat es, so vermuten die Forscher, wohl gegeben. Gut möglich, dass das Zangentor, dessen Rekonstruktion geplant ist, vielleicht sogar den bedeutendsten Eingang darstellte. Beeindruckend sind die Dimensionen mit einem Torgebäude, das inklusive Dach eine Höhe von 12,50 Metern aufwies und von zulaufenden Mauern flankiert war. Daher rührt auch die Bezeichnung „Zangentor“, potenzielle Angreifer wurden von den Wachposten sprichwörtlich in selbige genommen.

„Es scheint, dass der

Baumeister seiner Zeit

weit voraus war.“

Dr. Markus Schußmann, Archäologe

Die damaligen Baumeister arbeiteten alles andere als oberflächlich, errichteten beispielsweise Rinnen, welche sie mit Lehm auskleideten. „Dies dienten dazu, eine Unterspülung zu verhindern“, ließ Schußmann wissen. Die Pfosten, welche in den noch heute zu sehenden Löchern steckten, wurden außerdem teils um 45 Grad gedreht. Dies ermöglichte diagonale Verstrebungen, welche dem Konstrukt stabilen Halt verliehen. „Es scheint, dass der Baumeister seiner Zeit weit voraus war“, zog Schußmann angesichts dessen seinen Hut.

Allein die Tote wogen 600 bis 700 Kilogramm

Neue Erkenntnissse zum keltischen Zangentor am Staffelberg
Nicht alles, was bei den Ausgrabungen zutage gefördert wurde, steht in direktem Zusammenhang mit der Errichtung des Zangentors. Hier zu sehen – im Bereich des schwarz-weißen Messstabs – ist das Überbleibsel eines frühkeltischen Pflasterwegs. Foto: Philipp Schinkel

Schußmann vermutet, dass die Pfostenschlitzmauern von Hilfskräften, das Torgebäude hingegen von Fachkräften errichtet worden sein dürfte. Richtig spannend wurde es auch, als der Archäologe seine Schlüsse aus verrosteten Nägeln oder gar nur Überreste davon zog: Je nach Länge, Fundort und weiterer Determinanten legen sie nahe, dass die aus Eichenholz gefertigten Durchfahrtstore fünf Meter hoch und rund neun Zentimeter dick waren, demzufolge rund 600 bis 700 Kilogramm wogen. Im Erdreich am Fuße des Staffelbergs mehr als zwei Jahrtausende überdauernde Pflanzenreste lassen darauf schließen, dass das Zangentor im Spätherbst errichtet wurde.

Viele weitere spektakuläre Funde

Zwei Dutzend Fibeln, also Kleiderspangen, ein Schwert, ein blauer Glassplitter, welcher auf einen Glasarmring hindeutet oder Feuerstellen – auf Funde diverser Art ging der Referent ein, jeder ein Glücksfall für sich. Viel Spektakuläres trat während der Ausgrabungsphase zutage, neben zweier Fußspuren von Kelten und fünf Millimeter kleinen Münzen auch etwas traurig Stimmendes: ein Kindergrab aus der Zeit um 120 vor Christus, allerdings ohne Leichnam. „Es handelt sich wohl um ein rituelles Bauopfer“, so Schussmann, genauso wie beim Kindergrab, das man in der Keltenstadt in Manching fand.

Schädelfragmente von 30 Personen

Außerdem wurden über 70 Schädelfragmente, welche rund 30 Personen zuzuordnen sind gefunden. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Schädel im Bereich des Zangentors angenagelt wurden. „Es handelt sich wohl um einen Schädelkult der Kelten“, erklärt Schußmann, der als ähnliches Beispiel das keltische Oppidum Roquepertuse in Frankreich nennt. Ein Zuhörer sieht darin eher eine „abschreckende Wirkung“, der Referent kann diese Ansicht nachvollziehen, vermutet indes eher einen rituellen Charakter, räumt aber zugleich ein: „Genau werden wir das wohl nie erfahren“.

Für Feinde symbolisierte das Zangentor mit seinen Wachposten die unmissverständliche Botschaft: „Bis hierher und nicht weiter“ . Für die Stadtbewohner selbst brauchte es freilich eine Zufahrtsstraße. Diesbezüglich wurden bei den Ausgrabungen sogar Überreste von Pflasterungen ans Tageslicht befördert, die aber nicht ausschließlich im Zusammenhang mit der Errichtung des Zangentors stehen. Wie auch immer, ein gepflasterter Weg war damals etwas Außergewöhnliches. „Die Kelten wussten, was sie an ihrem Weg hatten, hielten diesen instand“, erklärte Schußmann. So wurden Schlaglöcher ausgebessert, Flächen neu geschottert. Selbst auf ein regelmäßiges Säubern des Weges deuten die Ausgrabungen hin.

Rekonstruktion frühestens im nächsten Jahr

Neue Erkenntnissse zum keltischen Zangentor am Staffelberg
Wirkt aus heutiger Sicht abschreckend, aber hatte wohl rituellen Charakter: Menschliche Schädel, deren Reste in großer Zahl gefunden wurden, nagelten die Kelten an das Zangentor. Foto: Wolfgang Hegel

Die Dauer der Ausgrabungen verlängerte sich – nicht zuletzt infolge der vielen unerwarteten Funde und der anfangs unterschätzten Dimension des keltischen Zangentors – von zunächst sechs auf schließlich 15 Monate. So war schnell klar, dass die ursprüngliche Hoffnung auf einen Start der praktischen Rekonstruktion noch in 2019 nicht ansatzweise würde erfüllt werden können. Nach den im Grunde ja als sehr positiv zu wertenden Entwicklungen gibt sich der Ausgrabungsleiter mittlerweile vorsichtig, beantwortete die spannende Frage des Baubeginns nun mit „frühestens 2021“. Aber das hat er sowieso nicht selbst in der Hand, neben der Komplexität des weit über die Region hinaus bekannt gewordenen Vorhabens sind auch allerhand bürokratische Hürden zu nehmen.

Von Mario Deller

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