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Otto Reutter im Brückentheater treffend präsentiert

Otto Reutter im Brückentheater treffend präsentiert
Jan Burdinski begeisterte sein Publikum im Brückentheater mit Texten und Couplets von Otto Reutter. Foto: Gerda Völk

„Das Lachen des Publikums ist der schönste Lohn für einen Künstler“: Ein Satz, der Otto Reutter, dem großen deutschen Humoristen des 20. Jahrhunderts, zugeschrieben wird. Und zum Lachen gab es ausreichend Gelegenheit am Donnerstagabend im Brückentheater bei „Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau“ mit Jan Burdinski. Als Otto Reutter am 3. März 1931 starb, hinterließ er über 1000 Couplets. Aus diesem reichen Nachlass trug Burdinski einige der schönsten und prägnantesten vor, darunter auch das Titelgebende „Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau“.

Einer der großen Vertreter des Varietés

Otto Reutter, eigentlich Otto Pfützenreuter, kommt am 24. April 1870 in Gardelegen im heutigen Sachsen-Anhalt zur Welt. Er gilt als einer der ganz großen Vertreter des deutschen Varietés. Über seinen Werdegang beschrieb er in seiner Autobiografie: „Wollte zum Theater, Krach mit dem Vater. Kaufmann gelernt, heimlich entfernt.“ Es folgten Wander- und Lehrjahre, in denen er das Theater in all seinen Schattierungen kennenlernte.

Erst ein Engagement am Berliner Apollo-Theater brachte die Wende. Reutters Couplets vermitteln aufschlussreiche Einblicke in das gesellschaftliche Leben der wilhelminischen Zeit. Die Spezialität des kleinen pummeligen Mannes mit Bauch sind scharfzüngige Texte, die tagesaktuelles Geschehen mit Stammtischweisheit und Tiefsinn vermischen. Selbst Erich Kästner und Kurt Tucholsky gehörten zu seinen Bewunderern.

Über Eitelkeiten, Leidenschaften und Schwächen

In bester Otto Reutter Manier nahm Burdinski all die Eitelkeiten, Leidenschaften und Schwächen aufs Korn und hauchte den Texten und Couplets Leben ein. Er überzeugte in der Rolle des ruhelosen Zeitgenossen („Mit der Uhr in der Hand“) ebenso wie im Couplet, dessen Refrain empfiehlt „Sei modern“. Schon vor mehr als 100 Jahren hatte Reutter dazu einige Erkenntnisse gewonnen, die bis heute nicht an Aktualität verloren haben.

Im Couplet mit dem Titel „Der Blusenkauf“ ging es um die Unentschlossenheit einer Frau beim Kleidungskauf. Während sie sich im Laden nicht für eine Farbe entscheiden konnte, wurde ihr Mann vor dem Haus hungrig und „matt“, am Ende fiel er tot um und wurde fortgetragen. Sie aber ging in den Laden zurück und bat die Verkäuferin: „Dann geb'n Sie mir ?ne Schwarze.“

Werden Männer über 60 wirklich attraktiver, wie das Publikum erfuhr? Wieder waren aus den hinteren Reihen einige Lacher zu hören. Die Antwort von Otto Reutter: „Nehm'n Sie 'n Alten!“ Junge Männer würden sich zu oft nach anderen Frauen umschauen, ein Alter bleibe dagegen treu bis in alle Ewigkeit.

Otto Reutters Couplets sind deftig, urwüchsig und witzig. Köstlich auch die Interpretation von Heinrich Heines Ballade von der „Lorelei“, die Burdinski in verschiedenen deutschen Dialekten zum Besten gab, unter anderen auch in fränkisch. Ob allerdings Claudia Schiffer jemals auf dem Loreleyfelsen saß und ihr goldenes Haar kämmte, darf bezweifelt werden.

Schweren Schicksalsschlag zu verkraften

Zum Pazifisten wurde Otto Reutter erst durch einen schweren Schicksalsschlag. Sein einziger Sohn fiel drei Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs. Davor hatte Reutter sogar Kriegsrevuen geschrieben und ein beträchtliches Vermögen in Kriegsanleihen investiert.

Otto Reutter im Brückentheater treffend präsentiert
Jan Burdenski bei seinem Auftritt am Brückentheater. Foto: Gerda Völk

Seine Texte widmen sich alltäglichen Ereignissen. „Alles wegen der Leut“ ist so ein Text, der auch im 21 Jahrhundert noch seine Gültigkeit hat. Zu mindestens in weiten Bereichen. „Wegen der Leut gehen wir in Kunstgalerien, schwärmen für Wagner, fahren wir Automobil und hasten nach Titeln und Ruhm“, trug Burdenski vor. Eine Frage bleibt wahrscheinlich für immer ungeklärt: Warum Gott zwar die Frauen schuf, sich aber selbst keine nahm.

Sein ganzes schauspielerisches Talent präsentiert

Jan Burdinski begleitete sich selbst auf der Gitarre und auf dem Akkordeon. Einen Eindruck erhielt das Publikum auch von seinem schauspielerischen Talent. Mal ratterte er ganze Textpassagen („Mit der Uhr in der Hand“) runter, dann wieder kostete er jedes Wort aus, um im nächsten Moment entsetzt sein Gesicht zu verzeihen und über die zugegebenermaßen kleine Bühne des Brückentheaters zu hetzen. Ein gelungener Abend.

Weitere Auftritte von Jan Burdinski:

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Von Gerda Völk

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