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UNTERNEUSES

Die Arbeit eines Restaurators: Wenn Steine erzählen

Die Arbeit eines Restaurators: Wenn Steine erzählen
Puzzlearbeit: Clemens Muth und Sohn Lucian müssen als einem der ersten Schritte erst einmal Ordnung in das durch die witterungsbedingte Zerstörung entstandene „Chaos“ bringen. Foto: Mario Deller

Beim Betreten der Werkstatt von Restaurator Clemens Muth wird man angesichts der steinernen Projekte, mit denen er und sein Sohn Lucius betraut sind, geradezu ehrfürchtig. Jedes Stück erzählt seine ganz eigene, oft jahrhundertealte Geschichte. Da ist die alte Statue des Heiligen Nepomuk, die, 1734 erbaut, normalerweise in Hollfeld steht und derzeit hier eine „Auffrischung“ erfährt. Die Hollfelder mögen es verzeihen, doch der historische Stellenwert einer anderen derzeitigen Arbeit des Restaurators ist wohl weitaus höher einzustufen: Muth rekonstruiert eine bedingt durch Witterungseinflüsse abgebrochene und viele Einzelteile zerfallene Zierspitze des Erkers am Regensburger Rathaus.

Bereits in den 1970er-Jahren durchlief Clemens Muth die Ausbildung zum Steinmetz, bevor er später Kunstgeschichte studierte, heute ist der Unterneuseser weithin bekannt als fachkundiger Restaurator. Doch Projekte wie dieses sind auch für ihn nicht alltäglich. Der im 14. Jahrhundert errrichte prächtige gotische Erker im Außenbereich des Regensburger Rathaus mit vier Schmucksäulen, im Fachjargon „Fialen“ genannt, ist weltberühmt in Verbindung mit dem „Immerwährenden Reichstag“ des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der über Jahrhunderte hinweg eben hier in Regensburg tagte.

Als im November 2018 als Folge eines durch Witterungseinflüsse verrosteten Eisenankers einer der vier Fialen abbrach und auf dem Boden zerschellte und in Dutzende Einzelteile zerfiel, dürfte das Herz der Historiker geblutet haben. Die Stadt Regensburg handelte, erstellte ein Restaurierungskonzept und beauftragte neben einem Statiker eben auch Restaurator Clemens Muth aus Unterneuses.

Oft reicht schon ein Windhauch

Rostende Dübel, gefrierendes Regenwasser, das kann in Verbindung mit dem berühmten „Zahn der Zeit“ bei uralten Bauwerken wie diesen beträchtliche Folgen haben. „Befinden sich bereits Risse im Stein, reicht dann oft schon ein Windstoß oder der Flügelschlag einer Taube aus, um so eine Fiale zum Einsturz zu bringen“, erklärt der Fachmann. „Gerade am Enddübel werden Erschütterungen weitergegeben, es entsteht quasi Stress im Stein“. Um noch Schlimmeres zu vermeiden, wurden deshalb im Zuge der Maßnahme auch die drei verbliebenen, ebenfalls absturzgefährdeten Fialen von Clemens Muth und seinem Sohn Lucian gesichert.

Einfach zusammenkleben geht nicht

„Klar gehen über sechs Jahrhunderte an so einer Ziersäule nicht spurlos vorüber, doch zumindest indirekt dürfte auch der Mensch selbst zum Zerfall das Seine beigetragen haben, so die Einschätzung Muths. „Der saure Regen in den 1970er-Jahren war schon sehr aggressiv“, führt er an.

Dem guten Stück, das nun in seinen vielen Einzelteilen auf dem Tisch in Muths Werkstatt liegt, nützt das jetzt freilich wenig. Momentan vermittelt der Anblick einen schrecklichen Eindruck“. Aber einen erfahrenen Fachmann wie ihn kann nichts so schnell aus der Ruhe bringen. Er hat sich längst ein Bild von der Situation gemacht und ist zuversichtlich, die Fiale wieder in ihrer ganzen Schönheit zusammensetzen zu können, quasi wie ein steinernes dreidimensionales Puzzle.

Die Arbeit eines Restaurators: Wenn Steine erzählen
Durch im Laufe der Zeit zerrostete Eisenanker, hier zu sehen an einem der drei noch ganzen Säulen, waren wohl die Ursache dafür, dass eine Zierspitze vom Erker herabfiel und in etliche Teile zerbrach.

Also einfach zusammenkleben und fertig? So läuft das natürlich nicht. Im Gespräch mit ihm wird schnell deutlich, wie viele Faktoren bei seiner Arbeit zu beachten sind, um ein ordentliches Ergebnis zu erreichen und zu gewährleisten, dass die Fiale möglichst noch viele Generationen überdauern kann. So werden die Einzelteile mit speziellen Zweikomponenten-Kunstharz verklebt, die Fehlstellen mit Steinergänzungsmörtel verfüllt. Muth mischt diesen selbst zusammen, abgestimmt auf das Sandsteinmaterial der Fiale. „Wenn da wieder Wasser reinkäme, wäre das fatal“, nennt er einen wichtigen Punkt, warum dem Wiederbefüllen der Lücken ein hohe Bedeutung zukommt und nicht nur aus optischem Gründen.

Jedes Stück hat seine Geschichte

Und der Nachwuchs, in diesem Fall Sohn Lucian, darf getreu dem Motto „Learning by doing“ weitere Erfahrungen sammeln. „Er hat an der Passauer Dombauhütte gelernt, Arbeiten wie diese sind für ihn jetzt nichts Ungewöhnliches“, meint der Vater. Zur Routine wird die Arbeit aber niemals, betont Clemens Muth: „Es ist trotzdem immer wieder etwas Besonderes, weil ja jedes Stück seine eigene Geschichte hat und man ja dazu beiträgt, das Historische zu erhalten. Deshalb bereitet mir die Arbeit auch nach Jahrzehnten noch immer genauso viel Freude“.

In der Ruhe liegt die Kraft

In drei bis Monaten dürfte der Erker mit allen vier Fialen wieder komplett den Betrachter erfreuen, so die Richtschnur. Es gilt hier immer die Diffizilität der Arbeit im Hinterkopf zu behalten. Den ungefähren „Zeitplan“ im Auge zu haben und zugleich die gerade in dieser Branche so wichtige Ruhe und Sorgfalt walten zu lassen – diesen Spagat muss ein Restaurator freilich beherrschen. Und da ist eine langjährige Erfahrung, wie sie Muth vorweisen kann, nicht das Schlechteste.

Museumstag

Am Sonntag, 19. Mai, steht der Internationale Museumstag im Kalender. Im Museum der Stadt Bad Staffelstein (Kirchgasse 16) können Besucher von 14 bis 17 Uhr dem Restaurator Clemens Muth bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Von Mario Deller

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