aktualisiert:

STRÖSSENDORF

Strössendorf war einst ein Hort der Reformation

Strössendorf war einst ein Hort der Reformation
Vor 50 Jahren, am 10. Oktober 1971, wurde die evangelisch-lutherische Kreuzbergkirche eingeweiht. Ein Bild vom Richtfest. Foto: Dieter Radziej

In vielen Bereichen des kirchlichen und des gesellschaftlichen Lebens war Strössendorf ein Vorreiter in der Region. Dies gilt für die wirtschaftliche Entwicklung ebenso wie für das Schulwesen und die Vereine. Schon vor Jahrhunderten besaß die bis zur Gebietsreform selbstständige Gemeinde so wichtige Einrichtungen wie die Schule, ein Schloss, eine Kirche, ein Pfarrhaus, ein Forsthaus und ein Rentamtshaus.

Die Geschichte der Pfarrei Strössendorf reicht bis in die Anfänge des 14. Jahrhunderts zurück, als Wolfram IV. Marschalk und seine Gemahlin Plantscha eine Burgkapelle errichten ließen und eine Stiftung zur Besoldung des Frühmesners gründeten. Die folgenden Schlossherren bestimmten sogar, welche Konfession den seelsorgerischen Dienst übernehmen durfte. Obwohl es lange Jahre keinen Frühmesner mehr gab, wurde die Kapelle Mitte des 15. Jahrhunderts zur Kirche umgebaut. Viele Jahre lang wies ein rechteckiger Stein mit der Jahreszahl 1557 an der Mainseite des Gotteshauses darauf hin. Von der Schlossherrschaft wurde wieder ein Prädikant eingeführt, der für seinen Dienst die Einkünfte der Marschalkschen Stiftung zugewiesen bekam. Das war der erste evangelische Pfarrer in Strössendorf.

Aus der Schlosskapelle entstand 1557 die Pfarrkirche

Nachdem die Kirchengemeinde lange nur aus der Schlossherrschaft und ihren Angestellten bestanden hatte, entstand allmählich eine „sammelnde Gemeinde“, weil das Obermaingebiet zunehmend evangelisch wurde. Reformation und Gegenreformationen hinterließen zum Teil beträchtliche Schäden. Ebenso der Bauernkrieg. Strösssendorf wurde 1597 sogar als „Hort der Reformation“ bezeichnet. Der Bamberger Generalvikar Dr. Friedrich Förner kritisierte in seinem Visitationsbericht 1611, dass selbst die „Untertanen des Bischofs“ zum Prädikanten nach „Streßendorf“ laufen, um das Wort Gottes „lauter und rein“ zu hören.

Strössendorf war einst ein Hort der Reformation
Mehr als drei Jahrhunderte hatte die fortschrittliche Gemeinde Strössendorf eine eigene Schule. Daran erinnerte bei der 800-Jahr-Feier ein Motivwagen mit Lehrer Siegfried Jachmann und einigen Schülern Foto: Dieter Radziej

Bei einem zweiten Umbau erhielt das Gotteshaus ab 1614 den spätgotischen Baustil und einen Turm. Eine gewisse Sorge war in der evangelischen Gemeinde Strössendorf zu verspüren, als Heinrich Karl von Schaumberg unter dem Einfluss seiner katholischen Frau zu deren Glauben übertritt und 1742 im Schlosshof eine runde Kapelle an der Schlossmauer errichten ließ. Es gelang ihm allerdings nicht, die Pfarrstelle von Strössendorf mit einem katholischen Geistlichen zu besetzen. 1860 sind weitere Kirchenrenovierungen vermerkt, der Pfarrgarten und Friedhof wurden erweitert und es entstand eine Volksbibliothek.

Gemeinschaften vom Grafenverein bis zum Darlehenskassenverein

Strössendorf war einst ein Hort der Reformation
Lehrer Max Fürbringer beim Festzug zur 800-Jahr-Feier Foto: Dieter Radziej

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich auch das Vereins- und Wirtschaftsleben. So entstanden der Obst- und Gartenbauverein, der Turnverein, die Freiwillige Feuerwehr sowie der Gesangverein. Es bestand schon ein „Grafen-Verein“ (später Markgrafenclub) und 34 Bürger gründeten den Strössendorfer Darlehenskassenverein, aus dem nach der Verschmelzung mit der Raiffeisenbank Altenkunstadt die Raiffeisenbank Obermain Nord entstand. Hinzu kamen später der evangelischen Frauenkreis, der Posaunenchor und der Tischtennisverein sowie die Sportfischer „Wilde Knaben.“ Dagegen sind die Zuchtstiergenossenschaft, der Ziegenzuchtverein und der Krieger- und Veteranenverein weitgehend aus dem Gemeindeleben verschwunden.

Bis ins 17. Jahrhundert reichen Überlieferungen über das Schulwesen in Strössendorf, wobei neben den umliegenden Orten vor allem die Mädchen und Jungen der Nachbarorte Weidnitz und Neuses am Main mit unterrichtet wurden. In Kirchenrechnungen sind Ausgaben für das Haus, die Wohnung und den Unterricht in Strössendorf überliefert. Anfangs wurden im sogenannten Verwalterhaus die Kinder der Adeligen, der Schlossherrschaft und „ausgewählte Dorfkinder“ unterrichtet.

Fast 300 Jahre lang hatte Strössendorf eine eigene Schule

Strössendorf war einst ein Hort der Reformation
Vor 50 Jahren, am 10. Oktober 1971, wurde die evangelisch-lutherische Kreuzbergkirche eingeweiht. Ein Bild vom Richtfest. Foto: Dieter Radziej

In den folgenden fast drei Jahrhunderten übernahmen ein Schulverweser, dann wieder ein Pfarrer und letztlich der Lehrer und Kantor den Schuldienst. Da die Zahl der Schulkinder auf mehr als 150 angestiegen war, wurde ein neues Schulhaus gebaut und am 22. Mai 1876 feierlich eingeweiht. Als letzte Pädagogen sind Eva-Maria Dietz, Max Fürbringer und Herold Gagel in Erinnerung geblieben. Anschließend wurden die Kinder nach Altenkunstadt und Burgkunstadt eingeschult und die Schule in Strössendorf erlosch.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Glocken der Kirche beschlagnahmt und das dörfliche und kirchliche Gemeindeleben ruhte, weil die Einwohnerschaft mit materiellen Sorgen zu kämpfen hatten. Eine Sanierung der Kirche erfolgte 1954 unter der Leitung von Ludwig Maurer-Franken aus Weidnitz. Sogar das mittlere große Kirchenfenster musste ersetzt werden, das durch die Spengung der Mainbrücke durch die abrückenden Nazi-Truppen zerstört worden war. In ansprechenden Darstellungen hat ein Künstler in der farbigen Bleiverglasung Etappen der Lebensgeschichte von Jesus dargestellt. Weitere Kirchensanierungen, die Anschaffung neuer Glocken und die Installation einer neuen Orgel erfolgten in den nächsten Jahren.

Mit dem Bau der Kreuzbergkirche zog auch der Pfarrer um

In den sechziger Jahren, als die evangelische Christengemeinde in Altenkunstadt durch viele Neubürger, die wegen der Vertreibung zugezogen waren, wurde in Altenkunstadt der Wunsch nach einer eigenen Kirche laut. Bald entstand der „Freundeskreis für den Kirchenbau Altenkunstadt“ und nach Plänen des Architekt Henzler aus München wurde an der Woffendorfer Straße ab 1970 die Kreuzbergkirche mit Gemeindezentrum errichet und am 10. Oktober 1971 eingeweiht. So entstand aus der einstigen „Mutterkirche Strössendorf“ die evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Strössendorf-Altenkunstadt. Weil der Pfarrer seitdem in Altenkunstadt wohnte, verlor auch das Strössendorfer Pfarrhaus seine Bedeutung. Mit der Gebietsreform 1975 wurde das Dorf ein Gemeindeteil von Altenkunstadt.

 

Von Dieter Radziej

Weitere Artikel