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BURGKUNSTADT

Judenfriedhof: Kein Grabstein für Jette Lamm

Kein Grabstein für Jette Lamm auf Friedhof in Burgkunstadt
Die eingesunkene Erde neben dem Grab der 1938 gestorbenen Babette Silbermann verweist auf die Grabstelle von Jette Lamm, die 1942 nur wenige Tage vor der Deportation ihrer Familie hier ihre letzte Ruhe fand. Mit ihr endete die Nutzung des Friedhofs als Begräbnisstätte. Foto: Christian Porzelt

Am Waldrand versteckt und von einer Sandsteinmauer umgeben liegt der jüdische Friedhof von Burgkunstadt, dessen Entstehung in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs zurückreicht. Über 300 Jahre lang bildete er die letzte Ruhestätte jüdischer Frauen, Männer und Kinder. Die mehr als 2000 vorhandenen Gräber – oft kunstvoll verziert – geben heute noch Einblick in die Geschichte der einst zahlreichen Gemeinden in der Region.

Bereits im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wird die Zahl der Steine immer weniger. Durch die restriktive Ansiedelungspolitik, die im Königreich Bayern für Israeliten galt, kam es bereits im 19. Jahrhundert verstärkt zur Auswanderung, überwiegend in die USA. Später war vor allem der Wegzug vom Land in die Großstädte für das Aussterben vieler Gemeinden verantwortlich.

Zur Zeit der Nazi-Diktatur lebten nicht mehr viele Juden im Landkreis

Einen letzten Einbruch markiert der Beginn der Nazi-Diktatur, bis die Reihe der Grabsteine 1940 schließlich ganz abbricht. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten Juden aus dem Einzugsgebiet des Friedhofsverbands ihren Wohnort verlassen. Nach der Volkszählung von 1939 lebten im Landkreis Lichtenfels lediglich 56 und in Kronach nur noch zwölf jüdische Einwohner. Die Gemeinde in Burgkunstadt selbst zählte zu diesem Zeitpunkt noch 32 Mitglieder.

Ohne dass zu diesem Zeitpunkt die Deportation bereits abzusehen war, bemühten sich die Verbliebenen – viele allerdings ohne Erfolg – um die Flucht aus Nazi-Deutschland. Ein Hinderungsgrund war neben den fehlenden finanziellen Mitteln oder mangelnden Fremdsprachenkenntnissen oft die Pflege und Versorgung älterer Angehöriger, für die nur eine geringe Chance auf die Aufnahme in einem Einwanderungsland bestand. Zurück blieben überwiegend ältere Menschen, wie Jette Lamm aus Kronach, die ihr ganzes Leben in der Region verbracht hatte.

Tochter und Ehefrau eines Viehhändlers

1854 war sie als Tochter des Viehhändlers Josef Reitzenberger und seiner Ehefrau Rosa, geborene Friedmann, in Friesen bei Kronach geboren worden. Ihr zwei Jahre jüngerer Ehemann Emanuel stammte aus dem zwischen Röhn und Grabfeld gelegenen Unsleben in Unter-franken. Im Juni 1933 – wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten – begingen sie ihr 50-jähriges Ehejubiläum.

Das Paar hatte nach ihrer Hochzeit zunächst gemeinsam in Jettes Elternhaus (heute „Zur Pfalz 15“) in Friesen gelebt, wo zwischen 1884 und 1888 ihre vier Kinder Selma, Therese, Josef und Ludwig zur Welt kamen. Im gemeinsamen Haushalt lebten auch Jettes Mutter Rosa und deren unverheiratete Tochter Klara Reitzenberger. Ein Jahr nach der Geburt des jüngsten Kindes übersiedelten die Lamms als letzte jüdische Familie von Friesen nach Kronach.

Ein Leben in einfachen Verhältnissen in Kronach

Kein Grabstein für Jette Lamm auf Friedhof in Burgkunstadt
Werbeanzeige der Gebrüder Lamm aus dem Jahr 1922. Foto: Christian Porzelt

In ihrem neuen Haus in der Johann-Knoch-Gasse 8, das in den 1970-ern abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt wurde, lebten sie in einfachen Verhältnissen. Im angrenzenden Garten, hinter dem die Kronach vorbeifloss, wurde ein Teil der benötigten Lebensmittel selbst angebaut. Der kleine Stall diente zur Unterbringung des Viehs, mit dem Emanuel Lamm handelte. Er verkaufte Rinder und Pferde und übernahm als Schächter die Versorgung der Gemeindemitglieder mit koscherem Fleisch.

Die vier Kinder besuchten gemeinsam mit christlichen Nachbarskindern die Volksschule. Die beiden Söhne Ludwig und Josef folgten der Familientradition und ergriffen den Beruf ihres Vaters. Am Ersten Weltkrieg nahmen sie wie viele Juden in Deutschland aktiv teil. Josef erhielt später sogar das Ehrenkreuz für Frontkämpfer verliehen. Nach dem Krieg kehrten beide nach Kronach zurück, wo sie ihre eigenen Familien gründeten und als „Gebrüder Lamm“ in den 1920-ern eine gut gehende Viehhandlung betrieben.

Keine Todesanzeige und kein Grabstein

Der Vater Emanuel Lamm starb 80-jährig am 8. Juni 1936 – im gleichen Jahr, in dem Adolf Hitler in Berlin die Olympischen Sommerspiele eröffnete. Obwohl es erst ab 1938 verboten wurde, Todesanzeigen von Juden in Zeitungen zu veröffentlichen, findet sich in der Kronacher Tageszeitung „Bayerische Ostmark“, die sich zugleich als „Amtliches Organ der NSDAP“ bezeichnete, kein Hinweis auf seinen Tod. Auch einen Grabstein, der dem jüdischen Brauch ein Jahr nach dem Tod durch die Angehörigen gesetzt wird, erhielt er nicht.

Die finanziellen Mittel der Familie Lamm waren zu diesem Zeitpunkt vollkommen aufgebraucht. Der Druck, der von Seiten der Nationalsozialisten auf die jüdische Bevölkerung ausgeübt wurde, stürzte seine Familie in die Armut. Bereits 1936 wurde Josef und Ludwig Lamm die Berechtigung zum Viehhandel entzogen. Josef, der sich und seine Familie schließlich mit einer monatlichen Beihilfe von weniger als zehn Mark durchbringen musste, drohte sogar die Zwangsversteigerung seines Wohnhauses in der Kulmbacher Straße.

Die wenigen vorhandenen Ersparnisse verwendeten sie dazu, ihren Kindern die Flucht zu ermöglichen. Zurück blieben die Eltern mit der betagten Großmutter.

Alle Angehörigen starben in den Gaskammern von Sobibor

Kein Grabstein für Jette Lamm auf Friedhof in Burgkunstadt
Die Grabstelle von Emanuel Lamm – nach der Gräbernummerierung Grab Nr. 465 – zwischen Karl Iglauer, gestorben 1935, und Ludwig Gutmann, gestorben 1936. Foto: Christian Porzelt

Im Oktober 1941 wurde schließlich ein generelles Ausreiseverbot für alle deutschen Juden erlassen. Ein knappes halbes Jahr später starb Jette Lamm am 25. März 1942 – nur drei Wochen vor der Vollendung ihres 88. Lebensjahrs. Ihre Beisetzung war das letzte Begräbnis, das auf dem jüdischen Friedhof am Ebnether Berg stattfand. Nur wenige Tage später erfolgte die Deportation ihrer in Kronach verbliebenen Angehörigen in das polnische Kraœniczyn bei Lublin.

Das Dorf diente als eine Art Übergangslager, in dem hunderte Juden aus dem Reich bis zu ihrer Vernichtung untergebracht wurden. Die meisten von ihnen wurden kurze Zeit später in den Gaskammern von Sobibor ermordet. Zu ihnen gehörten auch Josef und Ludwig Lamm mit ihren beiden Ehefrauen sowie ihre Schwester Selma und deren Ehemann Max Tannenbaum. Wie an ihre Mutter erinnert an sie kein Grabstein.

Von Christian Porzelt

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